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Maler El Bermejo

Ein Spanier mit flämischen Vorlieben

Von Paul Ingendaay, Barcelona
Aktualisiert am 07.04.2019
 - 21:56
Endlose Räume der Phantasie: Der Maler El Bermejo war lange ein großer Unbekannter, nun wird er als herausragender Künstler des fünfzehnten Jahrhunderts wiederentdeckt.

Es gibt sie noch, die völlig unbekannten Meister, die großen Maler, die man mit kaum jemanden teilen muss, weil die Nennung ihres Namens bis heute allenfalls glasige Blicke hervorruft. Einer von ihnen ist Bartolomé de Cárdenas, genannt „El Bermejo“, der mutmaßlich von 1440 bis 1501 lebte und in diesen Monaten als Spaniens herausragender Künstler des fünfzehnten Jahrhunderts wiederentdeckt wird. „Bermejo“ heißt rot, aber niemand weiß, ob sich der Beiname auf des Malers rotes Haar oder seine gerötete Haut oder auf irgendetwas anderes bezog.

Man weiß überhaupt sehr wenig über ihn, doch das wenige macht ihn so interessant, dass es zu allerlei Spekulationen Anlass gibt. Die spärlichen Dokumente über seinen Lebensweg, ausgegraben im zwanzigsten Jahrhundert, als die ernsthafte Beschäftigung mit ihm nach vierhundert Jahren des Vergessens begann, berichten von künstlerischer Aktivität im Gebiet der Krone von Aragonien, Jahrzehnte vor der Vollendung der „Reconquista“ und der Herrschaft der katholischen Könige. Bermejo, gebürtig aus Córdoba, stammte aller Wahrscheinlichkeit nach aus einer „Converso“-Familie, konvertierter Juden also, die mit der Zwangsaustreibung der Juden und Mauren 1492 in den Verdacht der Subversion und heimlichen Widerstands gegen den Katholizismus geraten würden. Er selbst spielt in seiner Malerei, ob in der Signatur, der Symbolik oder der Kleidung seiner Figuren, mit jüdisch-arabischen Identitätszeichen, sprach aber wohl kein Hebräisch.

Ruhm erwarb sich Bermejo schnell durch sein ungewöhnliches Talent, das auf den ersten Blick seine Lehrmeister verrät: Flamen wie Rogier van der Weyden und Hans Memling, deren Altarbilder etwa um die Zeit von Bermejos Geburt die Betrachter zu beschäftigen begannen und deren Bilderfindungen schon bald als Stiche und Kopien durch Europa tourten. Bermejo war noch ein Kleinkind, als die kastilische Krone bei van der Weyden und van Eyck die ersten Werke in Auftrag gab, darunter ein so emblematisches Triptychon wie den Miraflores-Altar. Von diesen Meistern lernte der andalusische „Converso“ die Grundlagen seiner Malerei: überragendes Kompositionsvermögen, exquisite Öltechnik und einen außerordentlichen Sinn für Stofflichkeit. Die Phantasieleistung jedoch war ganz seine eigene.

Religiöse Malerei auf höchstem Niveau

Immer wieder bricht bei Bermejo in die frühe, temperierte Renaissancekunst ein erschütternder psychologischer Scharfsinn ein. In der Geißelungsepisode des Santa-Engracia-Altars (1472–77) etwa, dessen sechs Tafeln auf vier verschiedene Museen auf zwei Kontinenten verteilt sind, blickt man in die feixende Visage des Peinigers oder das hintersinnig-zynische Lächeln eines fein gekleideten Beobachters. Und wie bei den Männerfiguren Rogiers weiß man auch bei Bermejo genau, ob die letzte Rasur vor elf oder vor achtzehn Stunden stattgefunden hat.

Die Schau zeigt eine enorme Bandbreite religiöser Malerei auf höchstem Niveau. Bermejos Tafeln öffnen sich in endlose Räume der Phantasie wie im „Triptychon der Jungfrau von Montserrat“ (1483–89), das an einen Landschaftsrevolutionär wie den etwas jüngeren Patinir erinnert. Seine Marienfiguren kennen elfenbeinerne Zartheit und herzzerreißende Trauer. Seine Christusfiguren sind schrecklich leidende Menschen und obendrein skandalös nackt: Die hauchdünnen Gazeschleier verhüllen kaum die Geschlechtsteile, für die Zeit ein ungewöhnlicher Naturalismus. Überhaupt das Mikrodetail: Bermejo füllt seine Tafeln mit Ornamenten, Mustern, kostbaren Materialien, immer wieder Metallarbeiten und wundersamen Designkombinationen, als wollte er uns keine Sekunde vergessen lassen, dass er buchstäblich alles kann und jede Materie beherrscht.

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Bei seinem ersten erhaltenen Gemälde, „Der heilige Michael triumphiert über den Teufel“ (1468) aus der National Gallery in London, kann man sich an der Stofflichkeit kaum sattsehen. Die schimmernde Goldrüstung des Erzengels mit eingearbeitetem grünen Samt, grau schimmerndem Kettenhemd und perlen- und diamantbesetztem Schuhwerk, umweht von einem prächtigen purpurnen Umhang, kontrastiert mit dem bösen Tier, das er mit dem Fuß zu Boden drückt. Man denkt, das üble Wesen – lange Teufelsohren, vierzig Reißzähne, vier glühend rote Augen, einmal im Gesicht, dann auf der Brust – müsse Bermejo von Hieronymus Bosch haben. Doch der war damals noch keine achtzehn.

1995 kaufte die National Gallery das Bild den Nachkommen des Edelsteinmagnaten und Sammlers Julius Wernher ab, der seinerseits 1899 in einem Brief an Wilhelm von Bode in Versform vom glücklichen Erwerb berichtet hatte: „Der St. Michael gehört mir / fand ihn vor ein paar Wochen hier.“ Kürzlich restauriert, ist St. Michael der Coverboy der Ausstellung, die im Sommer nach London in die National Gallery weiterreist. Der ausgezeichnete Katalog mit neuesten Forschungsergebnissen nennt ihn lapidar „das bedeutendste spanische Bild des fünfzehnten Jahrhunderts im Vereinigten Königreich“.

Bermejos Kunst der Mehrwertigkeit

Zeit seines Lebens bewegte Bermejo sich in Valencia, der internationalsten spanischen Stadt seiner Zeit, in Saragossa und Umgebung sowie schließlich in Barcelona. Die erhaltenen Dokumente lassen auf einen äußerst schwierigen Menschen schließen, der erratisch arbeitete, an seine Verträge erinnert werden musste und von kirchlichen Auftraggebern für den Fall der Nichtlieferung sogar mit Exkommunikation bedroht wurde. Zugleich hatte seine Kunst enthusiastische Anhänger. So zog er von einer Werkstatt zur nächsten, ging temporäre Partnerschaften ein und zog bald weiter. Die Schau im Museu d’Art Nacional de Catalunya, die in Zusammenarbeit mit dem Prado entstand, bietet mit mehr als zwanzig Gemälden fast das Gesamtwerk des Künstlers und stellt es durch mehr als vierzig Bilder von Vorläufern und Zeitgenossen in den europäischen Kontext. So wird Bermejo als eigenwilliger, hochorigineller Spanier mit flämischen Vorlieben und italienischen Kenntnissen sichtbar – ein Amalgam der besten Malerei seiner Zeit.

In Barcelona, seiner letzten Station, schuf er 1490 sein letztes und größtes Werk, die ergreifende „Pietà Desplà“, benannt nach dem Archidiakon der Kathedrale von Barcelona. Desplà war ein hochgebildeter Humanist. Er gehörte einem lateinischen Gesprächskreis an, pflegte enge Verbindungen zu Italien und stemmte sich vehement gegen die Einführung der Inquisition in Barcelona. Er wird gewusst haben, was er an Bermejo hatte. Der Maler hat den Stifter als ernsthaften Menschen mit Zweitagebart porträtiert. Das Werk ist ein leuchtendes Beispiel für Bermejos Kunst der Mehrwertigkeit: Andachtsbild, Bilderzählung, Landschaftsmalerei, religiöse Allegorie und eine Hommage an Fauna und Flora zugleich. Marias Tränen auf diesem Bild können es mit denen in van der Weydens „Kreuzabnahme“ im Prado aufnehmen.

Wie beim „Heiligen Michael“, wo sich die Stadt Jerusalem in der Goldrüstung spiegelt, bringt der Maler im rechten Hintergrund die Idealstadt der Christenheit unter – Jerusalem im Morgenlicht. Katalanische Biologen haben herausgefunden, dass Bermejo außerdem mehr als fünfzig Pflanzenarten und zwanzig verschiedene Tiere auf die Leinwand zaubert, von Löwen, Raubvögeln, Singvögeln bis zu Echsen, Vipern, Kröten und allerlei Schmetterlingsarten, die es zum Teil nur in seinem Kopf gegeben haben kann. Erst die sorgfältige Restaurierung vor zwei Jahren hat den Miniaturzoo dieses großen Renaissancekünstlers sichtbar gemacht.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Ingendaay Paul
Paul Ingendaay
Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.
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