Schau „Fantastische Frauen“

Die Welt als Wille und Frau

Von Rose-Maria Gropp
Aktualisiert am 13.02.2020
 - 19:08
In Frankfurt eröffnet die bisher umfangreichste Ausstellung mit Werken von Künstlerinnen des Surrealismus. Das ist eine große Überwältigungsrevue.

Die Schau in der Schirn ist ein Überwältigungsparcours, und sie ist eine Schule des Sehens. Vor den Wänden in allen Tönen von Rot, die den Baukörper der Kunsthalle strukturieren, hängen rund 260 Werke von mehr als dreißig Künstlerinnen aus elf Ländern, aus Europa, den Vereinigten Staaten und Mexiko. Der Untertitel für diese „Fantastischen Frauen“ – „Surreale Welten von Meret Oppenheim bis Frida Kahlo“ – markiert die Ausdehnung des Phänomens, bis in die siebziger Jahre. Der Grundgedanke ist die vielfältige Vernetzung der „surrealistischen Bewegung“, die nie ein geschlossener Club war und in deren Anfänge in den zwanziger Jahren in Paris Frauen eingebunden waren wie nie zuvor in der Kunst.

Vom Großmeister des Surrealismus stammt das unzerstörbare Diktum: „Die Schönheit wird wie ein BEBEN sein, oder sie wird nicht sein.“ Es ist der letzte Satz von André Bretons Erzählung „Nadja“ aus dem Jahr 1928, der Geschichte einer zufälligen Begegnung. Das ist pure Aleatorik und Exaltation, ganz der Plan der Gruppe um Breton. Der Surrealismus hat die Frauen umfasst – als die genuinen Objekte flottierenden Begehrens, mit allen Ambivalenzen einer Männergesellschaft; gespeist aus Träumen, der freien Anverwandlung von Freuds Unbewusstem, der verlockenden Idee prinzipieller Androgynität. Aber der Surrealismus hat die Frauen, die sich in seinen Dunstkreis, zunächst meist als Geliebte und Modelle, begaben, auch beflügelt – als Subjekte künstlerischen Schaffens. Die Erkenntnis ist nicht neu; in Frankfurt ist sie so umfassend wie noch nie dargestellt.

Die Protagonistinnen der „Fantastischen Frauen“ firmierten ohnehin in wichtigen Ausstellungen, auch schon bei „Die surrealistische Revolution“, 2002 in Düsseldorf und Paris. Ihre Namen sind bekannt: Meret Oppenheim, Leonor Fini, Dora Maar, Leonora Carrington, Dorothea Tanning, auch Jacqueline Lamba und die Selbstdarstellerin Claude Cahun. Zunehmend gelten ihnen Einzelschauen; Tanning zuletzt in England, derzeit von Paris über London bis nach Los Angeles die Retrospektive für Dora Maar, die weit über den Surrealismus hinausgeht. Eine der aufregendsten Künstlerinnen ist Leonor Fini, 1907 in Buenos Aires geboren; sie war Autodidaktin, liebte den Manierismus des Südens und Nordens. Als sie 1931 nach Paris ging, geriet sie in das Umfeld der Surrealisten. Wer Georges Batailles Vermächtnis zur Erotik, „Die Tränen des Eros“ von 1961, aufschlägt, findet dort unter den eklektischen Darstellungen von der Antike bis in die Gegenwart eine einzige Künstlerin – Leonor Fini. Die Schirn zeigt eine kleine Phalanx ihrer Werke mit Wunder-Frauen, deren Ahninnen – der Renaissance entstiegen – in ihrer magischen Präsenz den Sphingen eines Gustave Moreau verwandt sind. In dieses Feld gehören auch die Arbeiten von Leonora Carrington und Dorothea Tanning, die in ihrer Verfeinerung ebenfalls auf das späte Mittelalter und die Renaissance zurückgreifen.

Wenig bekannt ist die Engländerin Sheila Legge, die 1936 ihren großen Moment hatte, zur Eröffnung der „International Surrealist Exhibition“ in den Londoner Burlington Galleries mit ihrer Performance „Surrealist Phantom of Sex Appeal“ auf dem Trafalgar Square: Sie hatte ein langes weißes Kleid an, trug ein künstliches Frauenbein vor sich her, und ihr Kopf war völlig verhüllt von einem Bouquet aus Rosen, das Salvador Dalí nachempfunden war. Da kann man kaum umhin, an den kartoffelartigen Kopfputz zu denken, mit dem die Künstlerin Natascha Sadr Haghighian alias Natascha Süder Happelmann sich im vorigen Jahr im Deutschen Pavillon bei der Venedig-Biennale unkenntlich machte. Eine Entdeckung sind die großartigen Gemälde der Amerikanerin Kay Sage, die in zweiter Ehe mit Yves Tanguy verheiratet war. Doch ihre Bilder erinnern eher an die Pittura Metafisica eines Giorgio de Chirico.

Als Eckpfeiler fungieren Meret Oppenheim und Frida Kahlo. Von Oppenheim, der aggressiv erfindungsreichen, 1913 in Berlin geborenen Surrealistin der ersten Garde, präsentiert die Schirn ein Ensemble mit Arbeiten bis in die siebziger Jahre, das allein schon den Besuch lohnt. Wie keine andere trieb Oppenheim ernste Spiele, als radikale Gender-Ästhetik ante festum. Eine Eingemeindung Frida Kahlos in den Surrealismus kann man dagegen skeptisch betrachten; bekannt ist, wie sehr Breton ihr Werk verehrte. Dieses steht aber vor allem für eine Ikonographie, in der sich Elemente der mexikanischen Volkskultur mit Kahlos realem Leiden verbinden.

Oppenheim, Carrington oder Tanning wollten offensiv nicht als Surrealistinnen bezeichnet werden, und sie lehnten reine Künstlerinnen-Schauen ab. Ingrid Pfeiffer, die Kuratorin, rechtfertigt ihr am Geschlecht orientiertes Überblickskonzept mit dem gemeinsamen soziokulturellen Hintergrund. Das von ihr herausgegebene Katalogbuch kann schon jetzt als Standardwerk dieser verdienstvollen Recherche gelten.

Mit einem unleugbaren Effekt freilich: Das qualitative Gefälle zwischen den Arbeiten der vielen Künstlerinnen wird deutlich. Und auch mit wenig Vorwissen zum Surrealismus werden sich einige Déjà-vu-Momente einstellen, die da heißen Salvador Dalí, Max Ernst oder Yves Tanguy. Tatsächlich ist das ein weiteres starkes Argument für diese Gesamtschau – ihre im besten Sinn didaktische Wirkung. Selbst der Surrealismus mit seinem lustvollen Hang zur Anarchie muss sich nicht jede Filiation gefallen lassen.

Fantastische Frauen. In der Schirn Kunsthalle, Frankfurt; bis 24. Mai. Der Katalog kostet 39 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Gropp, Rose-Maria
Rose-Maria Gropp
Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.
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