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Ritter-Ausstellung in New York

Kaiserliches Wettrüsten

Von Michael Watzka, New York
 - 22:28
Diesem stählernen Handschuh will man lieber nicht in die Finger geraten: Arbeitskleidung für Ritter aus der Zeit um 1490

Die großen Meister der Renaissance? Wer die Ausstellung im Metropolitan Museums sieht, mag seine Liste fortan um die Namen Seusenhofer, Helmschmid, Grünewald und Rieder ergänzen. Glaubt man der Schau, dann genossen diese Schmiede am Hof des römisch-deutschen Kaisers Maximilian I. das Ansehen ihrer malenden Zeitgenossen. Ihre Kunst, die Herstellung von Rüstung und Waffen, erlebte unter der Ägide des „letzten Ritters“ und Habsburgerkaisers um 1500 eine späte Blütezeit.

In „The Last Knight – The Art, Armor, and Ambition of Maximilian I“ unternimmt das New Yorker Museum eine Wiederentdeckung dieser Kunst. Im Fokus steht dabei der enorme Einfluss der Plattnerei auf Macht und Stellung Maximilians im politischen Gefüge seiner Zeit. Am Leben und Wirken des Kaisers dokumentiert das Met aber auch den überraschend konkreten Einfluss des Herrschers auf die Produktion seiner Schmiede.

Die gut ein Dutzend Prunkrüstungen und mehr als doppelt so viele Rüstungsteile aus der Waffenkammer des Kaisers paart die Schau mit einer Fülle an Zeichnungen, Drucken und Dokumenten, die Maximilians um 1500 bereits historischen Rückgriff aufs Ritterideal anhand der konkreten politischen Herausforderungen seiner Zeit erklären. Eine meisterhaft gefertigte Feldrüstung aus der Werkstatt des Augsburgers Helmschmid etwa kombiniert ein Korsettimitat um die schlanke Taille mit überaus fein gewirktem Kupferbesatz an Saum und Ärmeln und langen, modisch spitz zulaufenden Schuhen.

Weniger Geschichte, mehr Prunk

Als bemerkenswertes Amalgam aus ritterlichem Anspruch und tagespolitischer Realität konnte der Panzer dem jungen Herrscher in all seiner Finesse als machtpolitische Visitenkarte dienen. Durch Heirat und frühen Tod der Gattin war Maximilian bereits mit zwanzig Jahren zum burgundischen Thronfolger avanciert – sowohl bei den skeptischen Untertanen als auch bei den geopolitischen Rivalen musste sich der Habsburgerprinz seine Autorität aber erst noch verdienen. Dem raffinierten Kampfornat gelingt in dieser Hinsicht Bemerkenswertes: Wie nebenbei passt sich der Panzer der kindlichen Statur des blutjungen Königs an – ohne sie als mögliche Bürde zu betonen.

Mit Prunkstücken wie diesem zementierte Maximilian zugleich die Machtansprüche, die er nach seinem Sieg über die Franzosen auf europäischer Bühne früh gültig machte. Der öffentliche Triumph im Fußkampf über den burgundischen Ritter Claude de Vaudrey etwa brachte ihm als Trophäe dessen beeindruckende Turnierrüstung ein. In New York steht sie neben seinem eigenen Exemplar – im Unterschied zum Schick der Feldrüstung fallen die beiden Modelle fürs Turnier in ihrer golemhaften Form schlichter aus, ganz ohne jegliches Ornament bedecken die Harnische auch die letzte Fuge mit Platten aus hartem Stahl. Maximilians Rüstungseifer wird zum Ausweis für die rapide Expansion des Habsburgerreichs unter seiner Führung. Kampf und Rüstung wurden ihm im Lauf seiner erfolgreichen Regentschaft immer stärker auch zu Mitteln einer geschickten Repräsentanz und Öffentlichkeitsarbeit, die 1508 in der Ernennung zum erwählten römisch-deutschen Kaiser gipfelte.

Die Schau verzichtet dabei auf den allzu ausführlichen Blick ins Geschichtsbuch, die geopolitischen Verwerfungen veranschaulicht stattdessen weitaus handfester des Kaisers nicht weniger gut dokumentierter Spleen für das Sammeln und Verschenken von Rüstungen. Die größtenteils mit Leihgaben aus Wien, Innsbruck, Madrid und Paris gestemmte Ausstellung verfolgt Aufstieg und Fall der Rüstkunst so als außergewöhnliche Symbiose aus kaiserlicher Finanz, vorteilhafter Ressourcenwirtschaft, expansiver Machtpolitik und einem Pool an Könnern.

Ein Zeugnis der Leidenschaft

Dabei spielte nicht zuletzt Innovation eine ganz entscheidende Rolle. Im Alleingang hatte Maximilian um 1500 die Tradition des Tjosts wiederbelebt. Gemeinsam mit seinen Schmieden erweiterte er den ritterlichen Turnier- und Schaukampf dabei um Varianten und Rüstungsarten. Vermutlich von ihm stammt die Idee einer mechanischen Brustplatte, von der sich beim Stoß der gegnerischen Lanze ein ausfahrbarer Schild lösen und auf Rollen gleitend über den Helm des Kämpfers werfen konnte. Die Schau im Met versammelt mehrere solcher Exemplare.

In Anwandlungen beinahe moderner Individualpsychologie geht die Schau so immer wieder auch auf Maximilian als den kreativen Innovator, allerdings stets klammen Finanzier der Kunst seiner Schmiede ein. Seinen weitverzweigten Pool an Plattnern rekrutierte der Kaiser dabei nicht nur aus dem gesamten süddeutschen Raum, er warb auch um Meister Hans Seusenhofer aus Straßburg, der 1512 wirklich nach Innsbruck übersiedelte. Einige weniger glückliche Schmiede trieb der an steter Geldnot leidende Regent mit seiner Zahlungsmoral dagegen bis an den Rand des Ruins.

Nicht nur die beeindruckende Vielfalt an Rüstungen bezeugt Maximilians Leidenschaft. Öffentlichkeitswirksam errungene Siege des Kaisers wie der über den Ritter Vaudrey fanden auch literarisch Niederschlag. Das von Maximilian beauftragte, aber nie gedruckte Turnierbuch erzählt lose autobiographisch von dem meist nur in der kaiserlichen Vorstellung ritterlichen Leben seines Alter Egos Freydal. Diese Diskrepanz von Welt und Wille ist es, die als historisches Grundnarrativ der Schau ein durchweg zweischneidiges Schwert bildet.

Er hinterließ Rüstungen für seine Nachkommen

Wie weit ritterliches Ideal und historische Realität auseinanderklafften, zeigt die Nebeneinanderstellung von kaiserlicher Prunkrüstung und „handelsüblicher“ Feldrüstung. Während die zu Tausenden gefertigten Brustplatten unbekannter Meister dem Prinzip der Wirtschaftlichkeit im Zeit- wie Materialaufwand folgen, lässt der äußerst gekonnt von Guillem Margot in Brüssel angefertigte Rossharnisch mit seiner reichen Verzierung die Pracht des einstigen Silber- und Goldüberzugs wohl nur noch erahnen. Als Geschenk des Habsburgers an den englischen König Heinrich VIII. diente die aufwendige Pferdemontur dabei ebenso dem Zweck höchster Diplomatie wie die speziell für Giuliano de’ Medici angefertigte Fußkampfrüstung aus der Werkstatt Konrad Seusenhofers. Mit ihr suchte Maximilian im Vatikan bei Papst Leo X. für sich zu werben – einem Bruder Giulianos.

Dass die Kunst der prunkvollen Rüstung Maximilians Lebensspanne überschritt, zeigt ein abschließender Raum, der dem Erbe und Nachleben Maximilians gewidmet ist. Für den Habsburger lag im Schaffen und Sammeln von Rüstungen nicht zuletzt auch ein Mittel zur Stärkung der eigenen dynastischen Linie – das zumindest legen aus heutiger Sicht eher seltsam anmutende Exponate wie die Kinderrüstungen und Tjost-Spielzeuge nahe, die der Kaiser für seinen Sohn Philip und späteren Thronfolger und Enkel Karl V. anfertigen ließ.

The Last Knight: The Art, Armor, and Ambition of Maximilian I. Im Metropolitan Museum, New York; bis zum 5. Januar 2020. Der Katalog kostet 65 Dollar.

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Quelle: F.A.Z.
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