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Ausstellung über Ost-Berlin

Auferstanden aus Fassaden

Von Andreas Kilb
 - 09:56
Was ist im Jahr 1983 besonders ostberlinisch an dem Außenschwimmbecken des Sport- und Erholungszentrums Berlin?zur Bildergalerie

Im Oktober 1983 bekommt die Redakteurin Annette Leo von der „Neuen Berliner Illustrierten“ den Auftrag, für einen Beitrag zum 45. Jahrestag der Reichspogromnacht in der Synagoge in der Oranienburger Straße zu recherchieren. Die Ruine der Synagoge ist abgesperrt, aber Annette Leo und ihr Fotograf ducken sich unter der Schranke des Pförtnerhäuschens hindurch. Im Innern des Gebäudes stellen sie fest, dass sich seit den Bombennächten des Zweiten Weltkriegs fast nichts verändert hat: Das Kuppeldach ist geborsten, die Vorhalle mit Schutt gefüllt, der große Gebetsraum bis auf wenige Mauerreste zerstört. Auf einer Tafel aus Sperrholz, die an einer Wand lehnt, liest die Reporterin das Wort „Konsum“.

Fünf Jahre später beobachtet die Journalistin Regine Sylvester die Grundsteinlegung für den Wiederaufbau der Synagoge. Auch der Staatsratsvorsitzende Erich Honecker hat seine Teilnahme zugesagt. Einige Tage zuvor, schreibt Regine Sylvester in ihrem Beitrag zu dem Band „Ost-Berlin. 30 Erkundungen“, der als Begleitbuch zur Ausstellung des Berliner Stadtmuseums im Ephraim-Palais erschienen ist, hatten Bautrupps die Fassaden der umliegenden Häuser übermalt oder mit Gerüsten kaschiert. „Am Morgen vor der Grundsteinlegung ratterte eine kleine Dieselameise vom Gartenbauamt heran, und ein Mann in Arbeitskleidung steckte drei grüne Tännchen ohne Wurzeln in ein leeres Trümmergrundstück.“ Dächer und Haustüren wurden von Stasi-Leuten bewacht.

Nie genug und immer zu viel

Von der Kriegsruine zur Wohlstandskulisse, so ungefähr könnte man die Entwicklung beschreiben, die die Hauptstadt der DDR in ihrer vierzigjährigen Rumpfexistenz durchgemacht hat. Das wäre natürlich nur die halbe Wahrheit. Denn der Wiederaufbau hat schon vor der sozialistischen Staatsgründung begonnen, und der Wohlstand Ost-Berlins war, wenigstens im Vergleich mit anderen Metropolen des Ostens, sehr real. Aber als Leitfaden für eine Präsentation zu vier Jahrzehnten Stadtgeschichte wären die zwei Schlagworte doch brauchbar. Denn das Thema selbst ist viel zu gewaltig und amorph, als dass man es ohne perspektivische Verkürzungen fassen könnte. Auch die städtische Architektur, von der Stalinallee bis zum Palast der Republik, könnte eine solche Perspektive bieten, wie die Hoch- und Subkultur mit Theatern und Szenekneipen und der Alltag der Ost-Berliner Bevölkerung.

Die Ausstellung im Ephraim-Palais hat einen anderen Ansatz. Sie will „die halbe Hauptstadt“, wie sie sie nach dem Titel eines westdeutschen Reiseführers aus den achtziger Jahren nennt, aus ihren Hinterlassenschaften möglichst vollständig zusammenpuzzeln. Dabei geht sie nicht perspektivisch, sondern panoramatisch vor.

Die drei Leitobjekte der Schau, verteilt über die Hauptgeschosse des Hauses, sind eine Rakete aus dem Freizeitpark im Plänterwald, ein Planmodell des Berliner Fernsehturms mit Alexanderplatz und Fischerinsel von 1989 und eine Installation mit Erinnerungsstücken von Einwohnern Ost-Berlins: eine S-Bahn-Fahrkarte vom 12. August 1961, ein Stewardessenkostüm der Fluggesellschaft Interflug, ein Reisepass mit DDR-Stempeln, ein sowjetischer Teddybär und so fort. Es geht um Urbanismus und Volksvergnügen, um Individuum und Geschichte, um frühes Leid und späte Nostalgie. Worum es nicht oder nur sehr indirekt geht, ist das eigentlich Ostberlinische an Ost-Berlin: das in zahllosen Romanen, Briefen und Selbstzeugnissen beschriebene Gefühl, in einer gut versorgten, flächendeckend überwachten Sackgasse zu leben.

Es ist das alte Problem von Ausstellungen, die einen Stoff, aber kein Thema haben: Was sie zeigen, ist nie genug und immer zu viel. Da hängt ein Dutzend Plakate mit Spielplänen der „Volksbühne“, des „Deutschen Theaters“ und eines damals berühmten Kabaretts, aber man sieht keine Bilder der Aufführungen. Da steht ein Modell des Reiterstandbilds Friedrichs des Großen Unter den Linden zwischen Fotos vom 40. Jahrestag der Gründung der DDR, doch über die preußenfreundliche Wende im Geschichtsbild der späten Ära Honecker erfährt man viel zu wenig. Da prangen ein Armlehnstuhl des VEB Hellerau, eine Elektronik-Uhr des VEB Thalheim und ein Skateboard Marke „Germina Speeder“ aus dem Kombinat Nagema in Wernigerode zwischen musealer Flachware, aber die Absatzzahlen, Verkaufspreise und die Straßentauglichkeit der Produkte bleiben im Dunkeln. Am Ende war Ost-Berlin eben doch kein idealsozialistisches Biotop, sondern das Aushängeschild eines totalitären Staats. Darüber, etwa über das Versorgungsgefälle zwischen der Hauptstadt und der DDR-Provinz, verrät der Begleitband sehr viel, die Ausstellung jedoch fast nichts.

Das heißt nicht, dass im Ephraim-Palais nicht dennoch Entdeckungen zu machen sind. Zu ihnen gehört das Endlosbild, das ein anonymer Fotograf um 1981 von der Greifswalder Straße aufgenommen hat, auf der täglich die DDR-Politprominenz aus dem Villenvorort Wandlitz in die Machtzentrale fuhr. Im Erdgeschoss, auf das der Blick der Parteibonzen aus ihren Luxuskarossen fiel, sieht man blühende Geschäfte und frisch gestrichene Fassaden, doch schon im ersten Stock bröckelt der Putz. Oder die Fabrikarbeiterinnen, Wirtinnen und Kneipengäste auf den Fotos von Helga Paris: Auf den Straßen ist alles Kulisse, aber auf den Gesichtern, die Paris zeigt, kann man ablesen, dass die Lüge nicht halten wird. Dafür ist heute im Ostteil Berlins die Empfindung allgegenwärtig, um das Leben, das die Fassaden versprachen, nach dem Mauerfall betrogen worden zu sein. Auch davon könnte eine Ausstellung handeln, die nicht bloß einen Überblick, sondern einen historischen Einblick zu geben versuchte.

Vor fünf Jahren hat das Stadtmuseum im Ephraim-Palais die Lebenswelten von „West: Berlin“ ausgebreitet. Die neue Ausstellung über die „halbe Hauptstadt“ folgt jetzt in Konzept und Gestaltung den Spuren ihrer Vorgängerin, sie ist sozusagen dasselbe in Ost – und gerade deshalb nicht spezifisch genug. Im Humboldtforum, bei der geplanten Dauerpräsentation zur „Welt. Stadt. Berlin.“, wollen die Kuratoren dagegen alles ganz anders machen, mit wenigen Objekten, zahlreichen Medienstationen und vielen politisch korrekten Neudeutungen deutscher Geschichte. Das ist eine Drohung, die man ernst nehmen muss, nicht nur in Berlin.

Ost-Berlin. Die halbe Hauptstadt. Im Ephraim-Palais; bis 9. November. Der Begleitband ist im Ch. Links Verlag erschienen und kostet 25 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Kilb - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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