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Pietro Aretino in den Uffizien

Lustbarkeiten auf Bestellung

Von Stefan Trinks
 - 22:21
Pompös wie die Mächtigen seiner Zeit: Eines von zwei Porträts, die Tizian von seinem Freund Pietro Aretino malte.zur Bildergalerie

Anders als die übrigen Renaissancegenies wie Leonardo, Raffael oder Michelangelo prägte der Schriftsteller Pietro Aretino nicht nur die Kunst seiner Zeit durch sein eigenes Wirken; er reflektierte auch philosophisch über jenen Stil, den wir heute allzu selbstverständlich „Renaissance“ zu nennen gewohnt sind. Aretinos profunde, dennoch mit dem nötigen Abstand geschriebene Analysen speisen sich nicht zuletzt aus seiner erstklassigen Sammlung an Zeitgenossen, die in einer Ausstellung in den Florentiner Uffizien nun fast vollständig rekonstruiert werden konnte.

Hip-Hopper der Renaissance mit übergroßer Goldkette

Einige der besten Werke, über die er intelligent räsonierte, sind hier versammelt: von Tizian, Sebastiano del Piombo, Lorenzo Lotto, Tintoretto und den üblichen Verdächtigen der Hochrenaissance und des Manierismus, insgesamt fast hundert Werke der Malerei und Skulptur, zusammen mit aufwendig illuminierten Manuskripten aus seinem Besitz. Allein die Sorgfalt, die Tizian für die zwei ausgestellten Porträts Aretinos aufwandte, gleicht jener, mit der er sonst Päpste und Kaiser porträtierte – der mächtige Leib wird von einer orangerot schimmernden Seide bedeckt, die wie eine gewaltige Zwiebel in zwei weiteren Schichten von einem wertvollen Pelz und einer klobigen Goldkette, die auch eine Hafeneinfahrt versperren könnte, überdeckt wird. Den Sonetteschreiber Aretino könnte man sich mit diesem Kleiderluxus und der überdimensionierten Goldkette auch gut als heutigen Hip-Hopper vorstellen.

Das Aufschneiderische hatte er allemal, war doch der 1492 im Kolumbus-Jahr geborene Sohn eines Schusters und der Margherita Bonci selbstverständlich laut Eigenwerbung „adeliger Abstammung“. Sein modisch graumelierter Hipster-Riesenbart jedoch, die listigen Augen und die riesigen Brauenbögen auf dem Porträt würdigen den Betrachter vor dem Bild keines Blickes, sondern schweifen weltmännisch-denkerisch wie bei Tizians Papstbildnis in die Ferne. Und das, obwohl Aretino mit mehreren Schriften auf dem päpstlichen Index landete und bis heute vor allem als Pornograph, namentlich mit seinen „I Modi“, der poetischen Beschreibung der unterschiedlichsten Kopulationsstellungen in rhythmischen Sonetten, bekannt ist.

Auch wenn oft vom Neid auf Künstlerkollegen zerfressen, hat Giorgio Vasari als Vater der modernen Kunstgeschichte in beiden Ausgaben seiner „Künstlerviten“ von 1550 und 1568 ausschließlich lobende Worte für Aretino und seine „maniera moderna“, dessen moderne Kunst auf der Höhe der Zeit, bereit. Ganz uneigennützig war dies freilich nicht: Vasari und Aretino, übersetzt „der aus Arezzo“, teilen dieselbe Geburtsstadt, so dass dem Kunstbiographen sehr an der Aufwertung seines ansonsten eher marginalen Toskanastädtchens gelegen war.

In fünf Abteilungen zeichnet die Ausstellung die Hauptereignisse im Leben Aretinos nach: von den frühen Jahren in Arezzo und Perugia über seine Ankunft am päpstlichen Hof in Rom bis zur Umsiedlung nach Norditalien, wohin er für seine lästerlichen Spott- und Schmähschriften zuerst zum Hof des Gonzaga nach Mantua flüchtet, um schließlich bei den Reichen Venedigs zu reüssieren.

Sixteen shades of Grey im nuancenreichen Kupferstich

Zeitlebens aber bleibt er ein Polemiker vor dem Herrn, ein Zerrissener: Aretino schreibt prophetisch-religiöse Erbauungsbücher ebenso wie pornographische Dialoge, als „flagello de’ principi“, „Geißel der Fürsten“, verfasst er wüste Tiraden gegen Amts- und Machtmissbrauch, schreibt aber als „condottiere della penna“, als „Söldner der Feder“, Klebriges für jeden, der ihn fürstlich entlohnt. Dabei hilft ihm die pragmatische italienische Haltung der „dissimulazione onesta“, der „ehrlichen Verstellung“, also die von Machiavelli begründete Notwendigkeit, eine wie auch immer zu verstehende Wahrheit nur über den Umwege der sprachkünstlerischen Verhüllung vermitteln und erreichen zu können. Das trifft erstaunlicherweise auch auf sein berühmt-berüchtigtes Büchlein „Die Stellungen“ von 1527 - zu, waren doch die deftigen und expliziten Illustrationen des Kupferstechers Marcantonio Raimondi nach Giulio Romanos Zeichnungen schon drei Jahre zuvor da, während sich Aretino in der antiken Manier eines Ovid oder Sallust einer Art poetischen „Fifty Shades of Grey“ befleißigt, indem er das menschenalte Spiel in sechzehn immer wieder neuen Nuancen und Variationen aufreizend hält. Dass dieses Thema bei ihm und in seinem Umfeld auf der Tagesordnung war, untermalen die Uffizien mit einem bunt bemalten Fayenceteller, der sich wahrscheinlich in Aretinos Besitz befand. Darauf zu sehen ist ein Brustbild im Profil in der Manier Arcimboldos; zusammengesetzt ist es aus Dutzenden von Penissen, wobei derjenige, der das knorpelige Ohr dieses Menschen bildet, der nur eines im Sinn zu haben scheint, an der Eichel gepierced ist, was zugleich einen Ohrring abgibt.

Mehr als dreitausend Briefe und unzählige Bücher

Wohl noch nie aber haben die Uffizien als größte Bilderkammer Italiens eine derartige Unmenge an Büchern gesehen. Meterlang füllen die Publikationen Aretinos die Vitrinen, und wären nicht jeweils sein Namen und die Widmungen an wichtige Zeitgenossen zu lesen, man würde nicht glauben, dass ein Mensch allein all diese Theaterstücke, Satiren und Gedichte in einem Leben schreiben konnte. Obwohl von Aretinos mehr als dreitausend erhaltenen Briefen ebenfalls nicht wenige ausgestellt sind, langweilt kein einziger von ihnen. Selten wird die Kulturgeschichte dieses mehr als meist angenommen gespaltenen „konfessionellen Zeitalters“ lebendiger, viele aufschlussreiche Details über Künstler und Politiker der Zeit wissen wir tatsächlich nur über Aretino. So warnte er etwa seinen Freund Tizian davor, den großmundigen Versprechungen der Adelsfamilie der Farnese als Auftraggeber zu vertrauen: sie seien berüchtigt dafür, bei Künstlern Hoffnungen zu wecken, die sie nicht erfüllten.

Oder wenn der Edelfederpolemiker Michelangelo der Homosexualität zeiht, nur weil dieser es gewagt hatte, Aretinos in einem Brief von November 1545 gegegebenen theologische Tipps und Verbesserungsvorschläge für das Altargemälde des Jüngsten Gerichts in der Sixtina als Einmischung abzulehnen.

Das Nachleben dieses Hansdampf in allen künstlerischen Gassen war lang: Angeblich hat sogar Georg Büchner kurz vor seinem Tod ein Drama über Aretino verfasst. Das Manuskript soll dann jedoch sofort nach Büchners Tod von seiner Verlobten Louise Wilhelmine Jaeglé verbrannt worden sein, wohl wegen der skandalösen atheistischen Stellen.

Was auf jeden Fall stimmt, ist, dass der Satz „Herr, brich mir das Genick im Sturz von einer Bierbank“, der in Heiner Müllers Stück „Hamletmaschine“ als letzter Wunsch ausgehaucht wird, sich noch über vierhundert Jahre später direkt auf Aretino bezieht. Denn der Künstlerlegende zufolge hat dieser sich 1556 bei einer Orgie in Venedig totgelacht, rücklings vom Festbankett fallend. Genau diese letzte halsbrecherische „Stellung“ Aretinos hat der Maler Anselm Feuerbach 1854 festgehalten, in neobarock ausschweifender Manier, die sich mit diesem Uomo universale des Lustvollen Mitte des sechzehnten Jahrhunderts bereits ankündigte.

Pietro Aretino und die Kunst der Renaissance. In den Uffizien, Florenz; bis zum 3.März. Der Katalog kostet 49 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Trinks, Stefan
Stefan Trinks
Redakteur im Feuilleton.
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