VR-Performances in der Kunst

Aktionen in endlosem Weiß

Von Ursula Scheer
20.07.2019
, 09:30
Was bleibt von der Performance-Kunst, wenn sie in virtueller Realität stattfindet? Das NRW-Forum Düsseldorf macht mit seiner Gruppenausstellung „Whiteout“ die Probe aufs Exempel.

Unendlich dehnt sich der weiße Raum in der virtuellen Welt, die Museumsbesucher im NRW-Forum Düsseldorf betreten können. Erst scheint die Leere absolut, dann tauchen menschliche Figuren auf. Langsam rücken sie näher, bis der Betrachter die ins Nichts Geworfenen bei dem beobachten kann, was sie tun: Da verschränken vier auf dem Boden liegende Akteure um die Künstlerin Maria Hassabi tänzerisch ihre Leiber ineinander und verknoten sich zu einer lebendigen Skulptur; dort filmt ein Kameramann, wie ein Mann – der Performance-Künstler Christian Falsnaes – sich auf die Kommandos einer Frau hin in immer wilderen Bewegungen verausgabt; und an anderer Stelle tritt ein als Frau gekleideter schwarzer Mann, Va-Bene Elikem Fiatsi, der unter dem Pseudonym crazinisT artisT auftritt, an eine weiße Toilettenschüssel und beginnt, in dieser nach Unterwäsche zu tauchen.

Seit die Performance-Kunst in den sechziger Jahren die Grenzen zwischen freier Theaterszene und Museum zu verwischen begann, stellt sie körperliche Präsenz in den Mittelpunkt – radikaler und auf andere Weise als das traditionelle Sprechtheater. Ein Schauspieler, der eine Bühnenrolle ausfüllt, verschwindet hinter der Figur, die er verkörpert. Sein realer Körper werde überdeckt von einem semiotischen, heißt es in der Theatertheorie. Bei der Performance (die natürlich auf das Theater zurückwirkte) ist das anders: Dem Ritual näherstehend, bringen ihre Akteure sich physisch ganz ein. Marina Abramović als wohl bekannteste Performance-Künstlerin exerziert diese Selbstpreisgabe immer wieder neu. Der Zuschauer wird vom passiven Beobachter zum involvierten Teilnehmer. Die körperliche Anwesenheit des Publikums, das zumindest potentiell in eine Interaktion mit dem Akteur oder der Akteurin treten kann, schafft mit am Werk auf Zeit: der Performance.

Was aber geschieht, wenn das Hier und Jetzt des Ereignisses in den virtuellen Raum überführt wird? Performances zu filmen oder zu fotografieren war immer eine unbefriedigende Lösung, die eher dokumentarischen Wert hatte. Es macht einen fundamentalen Unterschied, ob man Joseph Beuys beim stillen Gespräch mit einem toten Hasen zugesehen hat, damals, am 16. November 1965 in der Galerie Schmela in Düsseldorf, oder ob man heute Bildspuren davon auf den Bildschirm lädt. Dabeisein ist alles in der Aktionskunst; Videos und Fotos können den räumlichen und zeitlichen Abstand nur bedingt überwinden. Das eigentliche Werk bleibt ephemer.

Kein Wunder also, dass die Virtual-Reality-Technik nun als neues Medium für Performances entdeckt wird. Mit einer VR-Brille und Kopfhörern ausgestattet, taucht man visuell und auditiv in eine andere Welt ein. VR schafft die Illusion, wirklich anderswo zu sein, in einer Situation, nicht außerhalb des Rahmens: Das ist die vielbeschworene Immersion.

Nur seinen realen Körper nimmt der Zuschauer nicht dorthin mit. In der vom Kollektiv New Scenario (Paul Barsch und Tilman Hornig) kuratierten und gedrehten VR-Schau „Whiteout“ in Düsseldorf, die dem Besucher keinen Avatar als digitalen Surrogatleib mit auf den Weg gibt, verfügt er nicht einmal über einen virtuellen. Als wäre man ganz Auge oder ein Geist, gleitet man durch die weiße Raumillusion und rückt an die Akteure heran, ohne sie jedoch umrunden zu können. Eingreifen in das Gesehene kann der Zuschauer nicht. Aufgezeichnet statt live gesendet, läuft das Geschehen immer wieder unveränderlich ab. Unsichtbar für die Akteure wie andere Besucher, wird der Zuschauer auch nicht Teil einer Gemeinschaft. Stattdessen rückt ihn die Simulation entgrenzter Nähe in eine neue, unangenehme Position: die des einsamen Voyeurs.

Kunst mit echten Menschen

Auch für die Künstler, die das NRW-Forum in seinem Pionierprojekt – der „weltweit ersten Virtual-Reality-Gruppenausstellung zur zeitgenössischen Performancekunst“, wie es stolz heißt – präsentiert, ist der Abschied vom Publikum eine Herausforderung, weil ihre Performances die Wirkung normalerweise aus der Unmittelbarkeit beziehen.

Va-Bene Elikem Fiatsi etwa, der als Transgender in seiner Heimat Ghana Anfeindungen ausgesetzt ist, provoziert in seinen zum Teil selbstgefährdenden Performances Scham-, Mitleid-, Angst- und Ekelgefühle und setzt sich auf diese Weise mit sexuellen und postkolonialen Identitätsfragen auseinander. „Ich will, dass meine Zuschauer ihre eigene Verwundbarkeit hinterfragen“, sagt er bei den Dreharbeiten zu „Whiteout“, nachdem er allein vor der VR-Kamera in einem weißen Studioraum genau einen Take hatte, um seine qualvoll anzusehende Performance zu vollführen. Die Energie vor einem kleinen Filmteam im Studio sei eine andere als an einem Ort voller Menschen, sagt er.

Ist die Performance dann noch eine Performance? Oder ein Kurzfilm? Die Dokumentation einer Performance? Die Auswahl der Positionen in „Whiteout“ illustriert gegenwärtige Tendenzen der Aktionskunst (und der Kunstförderung); die eigentliche Faszination des Projekts aber liegt in den grundsätzlichen Fragen, die es aufwirft.

Eine VR-Gruppenausstellung wie die des NRW-Forums, die den „White Cube“ des klassischen modernen Ausstellungswesens ins Maßlose überdehnt, kann Aktionen verschiedener Künstler an verschiedenen Orten zusammenbringen: Das lyrische Körperfindungsstück „Staged?“ der Zypriotin Maria Hassabi wurde in New York gefilmt, die Beiträge „Studio“ des Dänen Falsnaes und „wouNded-wouNd“ von Fiatsi entstanden in Düsseldorf. Es zeigt sich, das VR-Kunst nicht dem Computerspiel und dessen Ästhetik Konkurrenz machen muss. Sie kann auch auf echte Menschen zurückgreifen – und sie in eine unwirkliche Welt projizieren. Das entwickelt einen ganz eigenen Reiz, weil ausgestellte Physis auf maximale digitale Sterilität trifft. Doch das eigentlich performative Moment, der Kitzel des Einmaligen, Ungeplanten, Überraschenden, kurz: des Lebendigen wird an den Zuschauer delegiert, der sich in Grenzen nach eigenem Belieben durch den VR-Raum bewegt. Er schaut, solange er will, auf was er möchte, aus einer von ihm gewählten Position. Und muss schweigen, allein, wie Beuys mit seinem toten Hasen.

Whiteout. Im NRW-Forum, Düsseldorf; bis zum 10. November. Termin-Buchung über die Website www.nrw-forum.de.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Scheer, Ursula
Ursula Scheer
Redakteurin im Feuilleton.
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