<iframe title="GTM" src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Historische Ausstellung

Da wird doch jeder emotional

Von Hannah Bethke
 - 22:40

Gefühle gehen immer. Die hat jeder. Die versteht jeder. Damit können alle etwas anfangen. Längst sind Emotionen Gegenstand ganzer Wissenschaftsindustrien. Psychologie, Ökonomie, Soziologie, Politik- und Geschichtswissenschaft haben eine umfassende Emotionsforschung zum Blühen gebracht, die bis heute auf großes Interesse stößt. Immer weniger geht es um den Gegensatz zwischen Rationalität und Emotionalität, zunehmend schwer hat es, wer die Relevanz von Gefühlen in Frage stellt. Gefühle und Stimmungen sind Bezugspunkt der Politik, immer schon gewesen, aber vielleicht noch nie so breit diskutiert wie jetzt.

Auf der Höhe der Zeit befinden sich so gesehen die Historikerin Ute Frevert und ihre Tochter Bettina Frevert, die in der politischen Bildung tätig ist. Sie sind die Autorinnen der Ausstellung „Die Macht der Gefühle. Deutschland 19|19“, die von der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ und der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur herausgegeben wird. Zwanzig Gefühlsbegriffe plakatieren derzeit die Wand im Berliner Atrium des Philip-Johnson-Hauses, darunter zentrale Emotionen wie Angst, Wut, Liebe und Hass, aber auch, weniger plausibel, Affirmationen wie Nostalgie, Solidarität oder Vertrauen.

Das Prinzip ist auf jedem der Plakate dasselbe: Unter einem als Gefühl deklarierten Begriff werden hundert Jahre Geschichte abgebildet, von 1919 bis heute. Wie das geht? Man greife für jede Emotion ein großes Titelbild heraus, und zwar aus der Gegenwart, um die Betrachter, wie man so sagt, dort abzuholen, wo sie sind, und sechs historische Bilder, die in kleinerer Aufmachung darunter plaziert werden. Die Hintergrundfarbe aller Plakate ist gefühlsbetont in Pink gehalten. Und so ergibt sich zwangsläufig ein Sammelsurium der unterschiedlichsten Ereignisse, die nun plötzlich entkontextualisiert nebeneinander stehen, verbunden nur – das ist zumindest die Intention – durch die Emotion, die dort in großen Buchstaben abzulesen ist.

Scham oder Schuld?

Unter dem Wort „Scham“ ist zum Beispiel ein Foto abgebildet, auf dem Mitarbeiter der Drogeriemarktkette Schlecker nach deren Insolvenz ein Schild hochhalten: „Schämt euch, Schlecker-Clan!“ Darunter steht ein Foto aus einem KZ-Außenlager von 1945, neben dem Bild eines Grabsteins von Harun Sürücü, Opfer eines „Ehrenmords“ von 2005, und dem „Spiegel“-Titel mit dem Kniefall von Willy Brandt. Auf dem Plakat der „Hoffnung“ ist das bekannte Selfie eines Flüchtlings zusammen mit Angela Merkel zu sehen, ein Plattencover samt Liedzeile von Wolf Biermann, daneben ein Berliner Wahllokal von 1919.

Die „Geborgenheit“, die nach Auskunft von Bettina Frevert besonders inklusiv sein soll, widmet sich ausschließlich geflüchteten Menschen. Unter dem „Hass“ versammelt sich die Schleyer-Entführung der RAF neben einem antisemitischen Bilderbuch von 1936, der „Neid“ vereint die Dokusoap „Die Geissens“ mit der Ausstellung „Der ewige Jude“ von 1937.

Auf jedem Plakat gibt es einen kurzen einführenden Text, der die Abbildungen zusammenzubringen versucht, locker geschrieben, aber alles andere als informativ. Die spärlichen Texte neben den historischen Bildern geben an, was darauf zu sehen ist, behaupten die Gefühle, erklären sie aber nicht. Auf diese Weise bekommt man den Eindruck, alles darauf Abgebildete sei gleichwertig. Die eingeforderte Scham für Betrug und Steuerhinterziehung bei Schlecker hätte demnach dieselbe Relevanz und denselben emotionalen Impuls wie das Betrachten von KZ-Bildern. So interessant die Untersuchung von kollektiven Gefühlen auch ist: Was die Autorinnen hier alles über einen Kamm scheren, ist schwindelerregend.

Wenn man den Gefühlshaushalt der politischen Geschichte schon so stark machen will, wäre es wenigstens erforderlich gewesen, dass die Gefühlszuschreibungen auch zu den Ereignissen passen. Geht es beim Kniefall von Brandt wirklich nur um Scham? Ist die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit nicht eher eine Frage der Schuld? Ob das Selfie des Flüchtlings etwas mit Hoffnung zu tun hat, ist genauso fraglich. Das gilt auch für die moralische Unterteilung in gute und schlechte Gefühle. Gute Gefühle haben demnach die Geflüchteten, schlechte diejenigen, die sie nicht ins Land lassen wollen. Und die mit den schlechten Gefühlen sind natürlich nie „wir“, sondern immer die anderen.

Unscharf und ungenau

Die Plakate zeigten, dass das Land „weniger Wut und Angst, sondern mehr Leidenschaft für die Demokratie“ brauche, schreibt Schirmherr Heiko Maas in seinem Geleitwort. Die Ausstellung treffe einen Nerv der Zeit, sagt auch Anna Kaminsky, Geschäftsführerin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. In der Tat, aber das ist keineswegs ein Vorteil: Häppchengerechte Geschichtstafeln für Lesefaule, Visualisierung statt Inhalte, Reize statt Tiefe, „nicht so dröge“, wie Bettina Frevert sagt – all das wird hier geboten. Und das kommt gut an. Dreitausend Exemplare der transportablen Plakate stehen in verschiedenen Sprachen für Kultur- und Bildungseinrichtungen ab sofort zur Bestellung bereit. Eine möglichst große Reichweite ist das Ziel.

Ihren Bildungsanspruch aber löst die Ausstellung nicht ein. Denn man wird durch die Abbildungen – bestenfalls – unterhalten, ohne dabei etwas Wesentliches zu erfahren, wenn sie nicht sogar in die Irre führen. Das Nebeneinanderstellen einzelner Bilder, die aus ganz unterschiedlichen politischen Zusammenhängen und Zeiten stammen, suggeriert, alles hätte irgendwie miteinander zu tun, schließlich gab es all diese Gefühle früher schon, und vielleicht sind vor allem sie es, wie Ute Frevert sagt, die Geschichte machen. Auf diese Weise wird alles verwischt, die Vergangenheit wird unscharf und ungenau, wenn nicht sogar unwahr. Das ist umso problematischer, als das Material auch für den Schulunterricht vorgesehen ist, wo es doch gerade nicht darum gehen sollte, die Schüler zu noch weniger Gründlichkeit zu animieren.

Die Gesellschaft werde nicht schöner, wenn Gefühle unterdrückt werden, findet Andreas Görgen, Abteilungsleiter im Auswärtigen Amt. Mag sein. Sie wird aber auch nicht schöner, wenn Gefühle dazu dienen, zu vereinfachen, wo dringend Differenzierung und Tiefgang nötig wäre.

FAZ.NET komplett

Zugang zu allen exklusiven F+Artikeln und somit zur ganzen Vielfalt von FAZ.NET – für nur 2,95 Euro pro Woche

Mehr erfahren
Quelle: F.A.Z.
Hannah Bethke
Feuilletonkorrespondentin in Berlin.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenWilly BrandtPink