Buch zur Ausstellung

Deutschland als Picasso-Land

Von Rose-Maria Gropp
22.01.2021
, 14:43
Die Kunsthalle Bremen hat ihre Sammlung nach dem Zweiten Weltkrieg auf kluge Weise erweitert. Das taten auch noch weitere Museen, wie nun bestens dokumentiert ist.

Schon vor dem Ersten Weltkrieg konnte Deutschland als das „picassofreundlichste“ Land überhaupt gelten. Sein aus Deutschland stammender Pariser Galerist Daniel-Henry Kahnweiler betrieb mit Nachdruck Picassos internationale Vermarktung. Damals begründeten die Graphischen Sammlungen wichtiger deutscher Museen – wie des Kupferstichkabinetts in Berlin, der Städtischen Galerie als Teil des Frankfurter Städels, der Kunsthalle Mannheim und der Kunsthalle Bremen – ihre Picasso-Kollektionen. Es begann mit Blättern aus der „Gaukler“-Folge von 1905. Was die Gemälde angeht, hatte bereits 1911 das Städtische Museum Elberfeld „Akrobat und junger Harlekin“ erworben, die Hamburger Kunsthalle kaufte 1920 „Die Absinthtrinkerin“ an oder das Städel 1924 ein Porträt von Picassos erster Ehefrau Olga Chochlowa. Alle diese Bilder wurden von den Nationalsozialisten als „entartete“ Werke beschlagnahmt und verkauft; keines befindet sich heute wieder an seinem ursprünglichen Ort.

Bald nach 1945 versuchten die deutschen Museen, an ihre internationale Sammlungspolitik der Moderne anzuschließen, Picasso zählte zu den favorisierten Künstlern; seine Grafik war noch erschwinglich, man musste sie nur wertschätzen. Kahnweiler, 1881 in Mannheim geboren, war maßgeblich an diesem Wiederaufbau beteiligt. Besonders erfolgreich dabei war die Kunsthalle Bremen, die deshalb, nach eigener Aussage, „eine der bedeutendsten Sammlungen druckgraphischer Arbeiten von Pablo Picasso“ besitzt. Der Bestand des Museums umfasst heute 618 Grafiken, drei Gemälde und zwei Zeichnungen des Künstlers.

Vielfalt grafischer Techniken

Eine zentrale Rolle dabei spielte der Bremer Galerist und Kunsthändler Michael Hertz (1912 bis 1988). Seine besondere Position erlangte er durch die enge Zusammenarbeit eben mit Kahnweiler und dessen inzwischen von seiner Stieftochter geführten Pariser Galerie Louise Leiris. Denn Kahnweiler übertrug Hertz schon im Mai 1950 die Alleinvertretung von Picassos Grafik aus seiner Galerie. In dem Katalogbuch „Die Picasso Connection. Der Künstler und sein Bremer Galerist“ ist dieser Anspruch auf Exklusivität nachlesbar: „Ich bin bereit, unter der Bedingung des absoluten Alleinverkaufs für ganz Deutschland (BRD, DDR; Berlin) im Zeitraum von einem Jahr für insgesamt FRS 650.000 Fakturenwert an Picasso-Graphik abzunehmen“, schrieb Hertz im Dezember 1950 an Kahnweiler: „Die Selection des Sujets ist mir überlassen. Ich verpflichte mich jedoch, 66% der innerhalb des genannten Zeitraums erscheinenden neuen Blätter nach eigener Wahl mit je 2 Exemplaren mindestens abzunehmen.“

Diese Vereinbarung darf als Paradebeispiel durchsetzungsfähigen Händlergebarens gelten, und Hertz verstand es fortan, die so erlangte Exklusivität immer wieder zu verteidigen, gegen andere Importeure oder auch Privatkäufer. Sein besonderes Engagement für die Plazierung der Werke in deutschen Museen bescherte vor allem der Kunsthalle Bremen die breite Fülle an Arbeiten Picassos von 1905 bis 1968, beinah seiner gesamten Schaffenszeit. Der gerade erschienene Band dokumentiert die Bremer Picasso-Sammlung vollständig in seinem Abbildungsteil. Das ist zugleich ein hervorragender Überblick über die Vielfalt der grafischen Techniken – Radierung, Aquatinta, Lithographie, Linolschnitt, Kupferstich –, die er beherrschte, und über seine darstellerische, keineswegs an konzise abgrenzbare Werkphasen gebundene Wandlungsfähigkeit.

Ein Stück Kunst-Markt-Geschichte

Was dieses Buch darüber hinaus zu einem außerordentlich informativen Kompendium macht ist der Abschnitt „,Käuferland‘ Deutschland – Picasso-Erwerbungen deutscher Museen in den 1950er und 1960er Jahren“. Da wird nicht nur die bedeutende Rolle des Händlers Hertz als Vermittler – zum Beispiel auch für Hamburg, Essen oder Dortmund – deutlich sichtbar, aufgezeichnet in farbigen Diagrammen. Sondern sieben deutsche Museen – darunter das Folkwang in Essen, das Städel in Frankfurt oder das Sprengel in Hannover – geben in einzelnen Textbeiträgen Einblicke in ihre Erwerbungsstrategien, was Arbeiten Picassos betrifft. Ganz besondere Aufmerksamkeit erregen dann die genau gegliederten tabellarischen Übersichten zu den Picasso-Ankäufen in Deutschland zwischen 1950 und 1969: Zehn Häuser haben ihre Erwerbungen in diesem Zeitraum angegeben, nach Jahr, Titel, Technik und Herkunft. Und sieben von ihnen – Bremen, Essen, Frankfurt, Hamburg, Mannheim, Stuttgart und Wuppertal – nennen dazu auch die jeweiligen Ankaufspreise.

Damit ist ein Stück Kunst-Markt-Geschichte par excellence geleistet. Diese Listen lassen sich durchforsten auf die erst stetigen, dann rasanten Preisanstiege hin, wie sie allein innerhalb von knapp zwei Jahrzehnten den Markt für jenen Künstler vorbereitet haben, der ihn bis heute in der Moderne anführt. Denn natürlich wurden auch die grafischen Arbeiten Picassos immer teurer. Dass die deutschen Museumsdirektoren nach dem Zweiten Weltkrieg deren Bedeutung so früh erkannt haben, ist ihnen hoch anzurechnen. Dass das schlicht auch deshalb geschah, weil die Preise, vor allem der Gemälde, schon damals für die schmalen Etats der Häuser kaum erschwinglich waren, liegt auf der Hand. Genannt seien hier nur zwei Beispiele aus der Kunsthalle Bremen: Dort erwarb man 1950 die attraktive Lithographie „Frau im Lehnstuhl Nr. 1 (nach dem Rot)“ von 1948, eines der vielfach reproduzierten, bekannten grafischen Porträts von Picassos damaliger Lebensgefährtin Françoise Gilot, über Hertz für 342 Mark. Fünf Jahre später kaufte Bremen wieder über Hertz das Ölgemälde „Sylvette“ an, ein Bildnis von Picassos Modell im Sommer 1954, für damals sehr beachtliche 45.000 Mark. Hier nur zum, freilich nie völlig stimmigen, Vergleich: Ein stilistisch wesentlich komplexeres und auch größeres Ölbild von „Sylvette“ kostete 2006 in einer New Yorker Auktion 4,6 Millionen Dollar. Solche und ähnliche Fährten lassen sich in den Tabellen weiterverfolgen.

Den Band „Die Picasso-Connection“ hat Christoph Grunenberg, der Direktor der Kunsthalle Bremen, in der 2014 schon die Schau „Sylvette – Picasso und das Modell“ stattfand, mit den aktuellen Kuratorinnen Manuela Husemann und Barbara Nierhoff-Wielk bei Hatje Cantz herausgegeben. Seit Mitte November ist die dazugehörige Ausstellung in der Kunsthalle Bremen fertig aufgebaut, der zweite Covid-Lockdown hat die Eröffnung bislang verhindert; geplant war sie bis zum 21. März. Sollte eine Verlängerung notwendig werden, steht ihr hoffentlich nichts im Weg, weil die Schau fast ausschließlich mit eigenen Beständen arbeitet; dann wird man sie unbedingt sehen wollen. Inzwischen setzt dieser Band, in dem auch das erhellende Kapitel über Picasso aus Michael Hertz’ Erinnerungen an seine „Kunsthändlerjahre 1931 bis 1981“ erstmals vollständig abgedruckt ist, Maßstäbe. Und da wäre, dort nachzulesen, noch dies: Im Jahr 1966 erwarb Bremen, wieder dank des Einsatzes von Hertz, Picassos kühl glühendes Alters-Selbstbildnis „Der Maler“ von 1965 – für 200.000 Mark, ein Glücksfall.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Gropp, Rose-Maria
Rose-Maria Gropp
Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.
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