Chris Claremont wird 70

Der Superhumanist

Von Dietmar Dath
Aktualisiert am 25.11.2020
 - 16:49
Handauflegen: Chris Claremont (rechts) mit Wutbürger Wolverine
Damit aus Comicfiguren Filmrollen werden, muss man sie spielen können. Der Schriftsteller Chris Claremont hat mehr als irgendwer dafür getan, dass Superheldinnen und Superhelden nicht nur Abziehbilder sind. Eine Würdigung zum Siebzigsten.

In einer Genre-Welt, wo sonst Saurier verhauen und Berge gespalten werden, erzählt einer von Liebe: Die schöne Windhexe Storm ist aus den Wolken gestürzt und sucht Obdach, ein Waffenschmied und Vietnamkriegsveteran gewährt es ihr, aber aus gegenseitiger Zuneigung darf nichts werden. Die zwei stehen im Krieg, Zartes soll sie nicht schwächen. Storm erinnert sich, wie das war, als ihr Leib in Naturelementen lebte, „keeping me warm in the Arctic or deliciously cool in the jungle“ – „köstlich kühl“, ihre Sprache verführt den Soldaten so sehr wie jeder Blick zwischen beiden. Erzählt wird das visuell in kraftvollen, zugleich schartigen Linien – der Comickünstler heißt Barry Windsor Smith und darf hier mit einem Text arbeiten, der ihn fordert wie nie, verfasst von Christopher S. Claremont, für seine Fans „Chris“. Das Werk heißt „Lifedeath“, erschienen im Oktober 1984 als Heft 186 der Comicreihe „Uncanny X-Men“ zum Preis von einem Dollar.

Ein Jahr später wird dasselbe kreative Duo die zweite Hälfte des Diptychons liefern, „Lifedeath II: From The Heart of Darkness“, worin Storm ihre blockierte liebende Seele durch eine schwere Prüfung aus der Verödung reißen kann. Wenn von Chris Claremonts Comics die Rede ist, wird die stille, subtile Schaffenskrönung „Lifedeath“ meist verdeckt von grelleren, teils mehrfach erfolgreich verfilmten Arbeiten, besonders „The Dark Phoenix Saga“ (1980) und „Days of Future Past“ (1981), beide entstanden in Kollaboration mit John Byrne, sowie der vierteiligen Ninja-Krimitragödie „Wolverine“ (1982), illustriert von Frank Miller, der danach mit „The Dark Knight Returns“ (1986) einen rachedurstigen Schatten namens Batman aus jahrelanger Belanglosigkeit freisprengte.

Claremonts Gabe der emotionalen Durchdringung selbst ursprünglich eher flach angelegter Charaktere hat das seit den Sechzigern vom begnadeten Angeber Stan Lee geprägte Superheldengenre widersprüchlichen, reichen Stoffen und Mustern geöffnet. Claremont weiß, dass heroische Menschen stets eine Minderheit bilden, die gegen konformistisches Mittelmaß steht; so nannte er die Mutigen „Mutanten“ und erzählt ihre Geschichte als eine der Diskriminierung und Verfolgung – die X-Men helfen einer Welt, die sie hasst und fürchtet. Mit kommerziellem Erfolg: Ein Serien-Neustart im Oktober 1991 verkaufte Millionen Hefte, aber zu diesem Zeitpunkt hatte Claremont, den man bald darauf unter zwielichtigen Umständen von seinem Dichterthron als Herr mehrerer X-Men-Titel vertrieb, seine große Erzählstimme leicht heiser geredet, da einer wie er im Comicbetrieb ja nicht nur die Leserschaft, sondern auch diverse Kunstschaffende (von der Zeichnung über die Farbgebung bis zur Buchstabengestaltung) sowie Redaktionen (zwischen Einzelheftbetreuung und Gesamtverlagskoordination) von jeder einzelnen Idee überzeugen muss, was auf die Dauer schlaucht.

Statt Comics also schrieb Claremont, als er beschlossen hatte, dass sich ermüdende Scharmützel, bei denen man „das eigene Talent ständig denen beweisen soll, die keines haben“ (Jules Renard übers Schreiben), einfach nicht lohnen, eine Weile nette, unterhaltsame und maßvoll originelle Romane über Weltraumpilotinnen (die „Nicole Shea“-Trilogie zwischen 1987 und 1994) oder Drachenkriege (die „Shadow War“-Chroniken, ein Gemeinschaftswerk mit dem „Star Wars“-Schöpfer George Lucas, zwischen 1995 und 1997) und arbeitete für den späteren „Game of Thrones“-Erfinder George R. R. Martin („If Luck be a Lady“, 1991). Mittlerweile ist er hin und wieder ins Comicfach zurückgekehrt. Eine Kollegin erklärte seinen für diese eilige Branche sehr langlebigen Erfolg mit der schlichten Wahrheit: „His stories have bigger hearts.“ Vor Claremont handelte das Superheldengenre von Leuten, die stärker, klüger und schneller als wir sind. Bei ihm sind sie eher trauriger, gütiger oder unversöhnlicher, also fast immer: interessanter als das, was das Leben meist aus Menschen macht. Heute wird Chris Claremont siebzig Jahre alt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Dath, Dietmar
Dietmar Dath
Redakteur im Feuilleton.
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