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Dior-Ausstellung in London

Der Traumgestalter

Von Gina Thomas, London
 - 08:42

Wie schnell die Marke Dior zum Inbegriff von Luxus und Schönheit wurde, illustriert das zauberhafte Märchen für Erwachsene, das der britische Schriftsteller Paul Gallico in den fünfziger Jahren veröffentlichte, als das Modehaus gerade ein Jahrzehnt bestand.

In „Mrs Harris goes to Paris“ („Ein Kleid von Dior“) ist eine betagte Londoner Putzfrau derart hingerissen von einer Robe aus karmesinrotem Satin und Taft im Schrank einer ihrer Arbeitgeberinnen, dass sie jahrelang schrubbt und spart, um das überwältigende Verlangen nach Schönheit und Farbe zu befriedigen, das diese Schöpfung in ihr geweckt hat. Es führt sie von ihrer bescheidenen Kellerwohnung im Süden Londons in die Pariser Haute volée.

Bei der Maison Dior rümpft man zunächst die Nase, als die unwahrscheinliche Kundin in ihrem abgetragenen braunen Mantel und grünen Stohhut mit wippender Rose die zusammengekratzten Geldscheine aus ihrer Kunstlederhandtasche zieht, doch dann erbarmt man sich nicht nur ihrer. Mit ihrem schnörkellosen Wesen erobert Mrs Harris die Herzen der Mitarbeiter an der Avenue Montaigne, die ihren Traum Wirklichkeit werden lassen. Doch dann geschieht ein schreckliches Malheur, das die Märchengeschichte zu einem Lehrstück über den höheren Wert immaterieller Dinge wie Freundschaft und Güte macht, in dem das Kleid die verwandelnde Kraft der Kunst versinnbildlicht.

Großes Spektakel

Gallico macht Christian Dior zum Traumgestalter, als der er jetzt im Victoria and Albert Museum präsentiert wird in einem großen Spektakel, das die vor zwei Jahren zum 70-jährigen Jubiläum des Modehauses vom Pariser Musée des Arts Décoratifs gestaltete Ausstellung mit besonderem Bezug auf den neuen Standort modifiziert.

Ein ganzer Abschnitt ist Diors Beziehung zu Britannien gewidmet, dem er sich ausgesprochen zugetan fühlte, seitdem er dort bei seinem ersten Besuch als Einundzwanzigjähriger ein unbändiges Gefühl der Freiheit genossen hatte. Im Mittelpunkt steht das bestickte Ballkleid, das er für den 21. Geburtstag von Prinzessin Margaret entwarf, eine Phantasie aus Seidenorganza, in dem die jüngere Schwester der Königin wirkte wie eine Märchenbuchprinzessin. An England reizte Dior auch, dass die Vergangenheit überall gegenwärtig war.

Der Besucher betritt die Traumwelt, wie Mrs Harris, durch die Tür der berühmten Adresse an der Avenue Montaigne, deren klassizistische Fassade eine der opulenten Kulissen für die Inszenierung dieses den Geist von Christian Dior beschwörenden Modetheaters bildet. Am Eingang ist eines der Ensembles aus seiner ersten Kollektion postiert, die im Februar 1947 die noch von den Entbehrungen des Krieges gezeichnete Gesellschaft mit seiner Mischung aus weiblicher Geschmeidigkeit und diskreter Opulenz zugleich entzückte und schockierte.

Das sogenannte Bar Kostüm ist flankiert von vier späteren Variationen zum Thema der mit einem weiten schwarzen Faltenrock kombinierten, wespentaillierten Jacke aus cremeweißer Shantung-Seide. Die Nebeneinender von Christian Diors Klassiker des sogenannten „New Look“ mit den Abwandlungen seiner Nachfolger gibt das Leitmotiv der Ausstellung an.

Der Meister steckt in jeder Kreation

Ein ums andere Mal führen die mehr als zweihundert Modelle in den nach Themen gegliederten Räumen vor, wie die sechs Kreativdirektoren, die das Haus seit dem plötzlichen Tod seines Gründers im Oktober 1957 geführt haben, sich nach dem Motto, „Der König ist tot, lange lebe der König“ immer wieder auf die ursprünglichen Kreationen berufen und dabei trotzdem eine eigene Signatur tragen.

Die kühnen Schnitte des blutjungen Yves Saint Laurent, die zurückgenommene Eleganz von Marc Bohan, der Bombast von Gianfranco Ferré, die skurrile Extravaganz von John Galliano, die unprätentiösen Linien von Raf Simons und die zarten Tüllkleider von Maria Grazia Chiuri werden in kunstvollen Installationen neben die Vorlagen des Meisters gestellt, um die Kontinuität der Marke zu veranschaulichen.

Vor dem Hintergrund des Rokokos von Versailles, unter den aus mauvefarbenem Papier nachempfundenen Kaskaden von Rosen, Clematis und Glyzinien und im Glanz eines Ballsaales, in dem das Licht- und Klangspiel den Zauber und die Romantik einer durchgetanzten Nacht suggeriert, wird die Vision eines Modeschöpfers zelebriert, der seine Schöpfungen bis hin zu dem den Duft der Begierde verströmenden Parfum als Gesamtkunstwerke konzipierte.

Ein Raum mit dem Titel Diorama ist gesäumt von einer langen Vitrine mit einem witzigen Arrangement von oft bei etablierten Fachherstellern in Auftrag gegebenen Accessoires, das zeigt, wie bei Dior Kreativität und Qualität einher gingen mit ausgeprägtem Unternehmergeist. Neben Lippenstift und Nagellack produzierte die Firma auch Kunstblut für Maskenbilder, verpackt wie ein edles Parfüm.

Den Höhepunkt bildet jedoch ein hoher Saal, der von der Decke bis zum Fußboden nach der Art einer Wunderkammer gefüllt ist mit den Nesselstoff-Prototypen für die fertigen Schöpfungen. In dieser theatralischen Inszenierung wirken diese Zeugnisse des technischen Könnens, ohne das die hohe Kunstfertigkeit nicht zu denken wäre, wie eine gigantische Geisterkammer.

Christian Dior bezeichnete seine Mode als ephemere Architektur, die der Schönheit des weiblichen Körpers gewidmet sei. Die Ausstellung bekräftigt, dass seine Vision alles andere als ephemer war. Fast jedes seiner Modelle wirkt heute noch so aktuell wir damals, als er der Nachkriegszeit sein Zeichen aufprägte.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Thomas, Gina (G.T.)
Gina Thomas
Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.
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