Fotograf Harald Hauswald

Präziser als Politik ist die Traurigkeit

Von Andreas Kilb
Aktualisiert am 28.09.2020
 - 22:40
Große Erwartungen: Jugendliche Besucher beim Konzert der schottischen Rockband Big Country in der Radrennbahn von Berlin-Weißensee, 1988zur Bildergalerie
Mehr als zehn Jahre lang dokumentierte Harald Hauswald mit der Kamera das öffentliche Leben und die Stimmung in der DDR. Eine Ausstellung bei C/O Berlin zeigt das Gesamtwerk des Fotografen.

In einer Aufnahme, die Harald Hauswald 1982 im Ostseebad Heringsdorf gemacht hat, sitzt eine etwa zwanzigköpfige Gruppe von Menschen, Erwachsene und Kinder, am Strand. Die meisten schauen, den Rücken zum Fotografen, aufs Wasser, ein Junge deutet mit der linken Hand in die Ferne, eine Frau mit Handtasche schaut ihn an, ein Mann im Anorak tritt von links ins Bild. Man kann bei dieser Szene an Richard Oelzes Gemälde „Erwartung“ denken, an die Filme des Griechen Theo Angelopoulos, in denen das Meer eine wichtige Rolle spielt, oder gar an Caspar David Friedrichs „Mönch am Meer“, in dem die Horizontlinie wie hier, nur tiefer, das Bild durchschneidet. Und vielleicht hat auch Harald Hauswald daran gedacht.

Aber sein Foto bleibt auch ohne diese Verweise lebendig. Es lebt, weil es dem Moment Form gibt, ohne ihn zu überformen. Er versuche den Lebensfilm eines ganzen Tages so in einem Moment zu verdichten, dass sich der Betrachter den Rest dazudenken könne, hat Hauswald über seine Arbeit als Fotograf gesagt. Das gilt auch hier. Die Gruppe wird wieder auseinandergehen, sich in mehrere Urlauberfamilien sortieren, aber die Kamera hält sie in jenem Augenblick fest, in dem sie im Angesicht des Meeres zur Gemeinschaft wird, zum Inbild von Erwartung.

Sehnsucht nach der Ferne

Dieselbe Grundstimmung des Wartens und Abwartens findet man, wenn man von hier aus durch die Retrospektive läuft, die das Fotografiezentrum C/O Berlin im Amerikahaus für Harald Hauswald eingerichtet hat, in vielen Fotos, die er zwischen 1979 und dem Mauerfall in der DDR aufgenommen hat. Denn Hauswald hat nie nur den Verfall der späten Arbeiter-und-Bauern-Republik dokumentiert, sondern immer wieder auch die Hoffnungen eingefangen, die inmitten der Misere blühten. In einer Aufnahme vom Pfingsttreffen der FDJ 1984 steht ein Indianerzelt mit Büffelaufdruck vor einem mit DDR-Fahnen behängten Plattenbau. Ein Foto vom Auftritt der Rockband Big Country in Berlin vier Jahre später hält die gespannte Vorfreude auf den Gesichtern der Jugendlichen fest, die sich auf der Radrennbahn in Weißensee zusammendrängen. Die Sehnsucht nach der Ferne war der sozialistischen Enge eingeschrieben, sie suchte sich zahllose Ausgänge im Alltag, bis das System sie nicht mehr auffangen konnte und an ihr zerbrach.

Aber es gab auch die dunkle Seite, das offensichtliche Elend der alternden DDR. Ein Mann liegt betrunken auf dem Rücken im U-Bahnhof Dimitroffstraße. Ein anderer greift in einen Mülleimer am Alexanderplatz. Ein Laden, schon lange geschlossen, bietet „Reparaturen sämtl. Systeme“ an. Am Prenzlauer Berg bröckeln die Altbauten ihrem Abriss entgegen. Hauswald, in Radebeul bei Dresden geboren und lange Zeit ohne Verdienstmöglichkeit als Fotograf, hatte mit Straßen- und Stimmungsbildern angefangen. Erst ein Teilzeitjob für die Stephanus-Stiftung, die für die Pflege von Behinderten sorgt, weckte sein Interesse an der Porträtfotografie.

In seinen besten Arbeiten kommt beides zusammen. Hauswalds Aufnahme dreier Männer in der U-Bahn-Linie A zieht die Bilanz des Lebensgefühls in Ost-Berlin. Das Foto ist an einer Haltestelle aufgenommen; der Mann in der Mitte blickt haarscharf an der Kamera vorbei, die beiden anderen schauen aus den Fenstern. Aber ihre Gleichgültigkeit ist nicht gespielt wie bei heutigen Mitfahrern. Ihnen ist wirklich egal, was passiert, sie tragen ihre Maske wie eine Ausgehuniform. Oder die alte Frau, die in der Kastanienallee eine Wurst im Gehen isst, hinter ihr die Straßenbahn, die Mietshäuser, Passanten mit Einkaufstaschen. Das ganze Dasein in einem Bild.

Der Sozialismus im Blick der Enkel

Ab 1982 bekennt sich Hauswald offen zur politischen Opposition in der DDR. Zugleich schleust er mit Hilfe befreundeter Journalisten Fotos nach West-Berlin, die in „Stern“, „Spiegel“ und „taz“ erscheinen. Dabei gelingen ihm, der die Kamera auf seinen Streifzügen stets schussbereit hält, immer wieder unglaubliche Aufnahmen von Kindern. Ein Junge am Steuer eines Wartburg-Wracks. Zwei Knirpse in Spielzeugpanzern auf einem Weihnachtsmarkt. Ein Mädchen, das mit gereckten Armen an der Balkonbrüstung eines Hinterhauses hängt. Eine Kindergartengruppe am Arm einer Erzieherin im Niemandsland der Neubauten in Marzahn.

In diesen Bildern wird die Zukunft des Sozialismus mit dem Blick der Enkel betrachtet: als verspielte. Die Präzision ihrer Traurigkeit ist durchschlagender als jedes politische Statement. Der Staatsapparat rächt sich dafür an Hauswald auf seine Weise: Anfang 1988 entzieht er dem Alleinerziehenden das Sorgerecht für seine Tochter. Erst ein halbes Jahr später kann Hauswald sie aus dem Jugendheim zurückholen, nachdem sich herumgesprochen hat, dass er mit ausdrücklicher Duldung des Stasi-Ministers Mielke die Hooligans von dessen Lieblingsverein BFC Dynamo fotografiert.

Zuvor haben Mielkes Handlanger den Fotografen zwölf Jahre lang überwacht, so intensiv, dass die letzte Aufnahme aus den Stasi-Kameras an einem Januarabend um halb zwölf, die erste am nächsten Morgen schon um zehn nach acht gemacht wurde. In Hauswalds Akte, die im C/O Berlin in Auszügen zu sehen ist, finden sich aber nicht nur Fotos, sondern auch Kommentare der Stasi-Offiziere zu Hauswalds Werk: „Nichts gegen ein technisch interessantes Detail wie der Dom in der Spiegelung der Palast-Fenster. Aber als Titel – da dominiert die vordergründige Aussage: Ostberlin hinter Gittern!“ – „Wie lange er wohl auf der Lauer gelegen haben muss, bis der Moment kam, dass er auf der Karl-Marx-Allee einen einzigen, einsamen Radfahrer auf den Film bannen konnte?“ In ihrer Mischung aus Neugier und Gereiztheit sind diese Notizen ebenso sprechend wie die Bilder, denen sie gelten. Hauswald selbst firmierte bei der Stasi übrigens unter dem Decknamen „Radfahrer“.

Mit dem Hooligan-Projekt und dem Zusammenbruch der DDR ändern sich Tempo und Stimmung von Hauswalds Fotografien. Zuvor hat er tanzende Punks als Stillleben gezeigt, jetzt macht er die Öffnung des Brandenburger Tors zum Ereignisprotokoll. Mit der Gründung der Agentur Ostkreuz wird Hauswald vom Einzelgänger zum Teamspieler. Er folgt den Hooligans nach Prag und ins Olympiastadion, filmt Nazis in Rostock-Lichtenhagen und Hausbesetzer in Friedrichshain. Vorbei die Zeit der spielenden Kinder, der Hausfrauen vor dem Porzellanladen, der Ruhenden am Meeresstrand. Heute ist Harald Hauswald eine feste Größe in der deutschen Fotografie. Aber in der Abendröte der DDR, in dem Jahrzehnt, mit dem sie zu Ende ging, war er groß.

Harald Hauswald. Voll das Leben! C/O Berlin, bis zum 23. Januar 2021. Der Begleitband ist im Steidl Verlag erschienen und kostet 45 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Kilb - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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