Fotograf Michael Schmidt

Gespenster der Großstadt

Von Andreas Kilb
31.08.2020
, 22:54
Das große Einzelbild sucht man bei ihm vergebens, dafür hat er die Grauwerte der geteilten Stadt unnachahmlich eingefangen: Im Hamburger Bahnhof in Berlin ist das Lebenswerk des Fotografen Michael Schmidt zu bestaunen.

Berlin ist eine Mondlandschaft auf Michael Schmidts frühen Fotografien. In Hinterhöfen vergammelt Schutt. Baracken grenzen an Plattenbauten. Straßen führen ins Nichts. In Kreuzberg bröckeln die Fassaden, im Wedding glänzt der Regen auf leeren Bordsteinen. Zahnlos, als Einzige unter hundert Porträts, lächelt eine Greisin in ihrem Krankenbett. Ein Mann schläft an einer Bushaltestelle. Zwei Jungen stehen vor einem Mietshaus, einer zielt mit seinem Spielzeuggewehr in die Kamera. Und immer wieder der Anhalter Bahnhof, die gezackte Ruine seines Portals wie ein versteinertes Gespenst.

Dabei sind dies die späten sechziger und siebziger Jahre, die Zeit, in der Berlin sich vom Mauerbau erholt, in der es jung und modern und rebellisch wird. Aber Schmidts Kamera hält dagegen. Sie zeigt die Stadt nicht als Projektionsfläche, wie es die westdeutschen Illustrierten tun, sondern als schwarzweißen, in Grautönen buchstabierten Lebensraum. Dabei hält sie die Lebenden und die Räume, die Menschen und ihre Wohnungen und Häuser meistens getrennt, nur für eine Serie über berufstätige Frauen fügt sie sie ausnahmsweise zusammen. Da fließt eine Helligkeit in die Bilder, die man dem Fotografen nicht zugetraut hätte, ein Licht aus Kindheitssommern. Doch beim nächsten Projekt schlägt die Düsternis wieder zu.

Er suchte weiter, er blieb unterwegs

Wenn man durch die Retrospektive von Schmidts Lebenswerk im Hamburger Bahnhof in Berlin-Mitte läuft, möchte man kaum glauben, dass das derselbe Fotograf ist, der zwanzig, dreißig Jahre später Äpfel, Eidotter, Burger-Sandwiches und eingeschweißtes Hackfleisch in grellen Farben aufnimmt und Bilder von nackten Frauen und Dorfkirchen macht. Die gängige Sprachregelung zu solchen Karrieren lautet, der Künstler habe sich stets neu erfunden und weitere Herausforderungen gesucht.

Aber beim Gang durch die Werkschau drängt sich der Eindruck auf, dass Schmidt vor Berlin davongelaufen ist. Er hatte genug. Sein letztes Atelier richtete er in Schnackenburg an der Elbe ein, direkt an der einstigen innerdeutschen Grenze. Sein vorletztes Projekt hieß „Irgendwo“. Er fand und erfand sich nicht, er suchte weiter. Er blieb unterwegs.

Bekannt wurde Schmidt 1987 mit der Serie „Waffenruhe“. Ein Jahr später lief sie im MoMA in New York. Die Berliner Ausstellung zeigt sie als Fries und Bilderwand, als fugenlose Reihen oder Cluster von Einzelbildern. Das entspricht dem ästhetischen Denken von Schmidt, der immer in Bildfolgen plante. Ein Punk mit Zigarette, ein Mauerstück am Spreebogen, blasse Gesichter und grauer Beton, das ist sein Berlin. Damals war diese Negativität eine Sensation, denn sie widersprach dem Image der Stadt als Künstler-Eldorado, das Jim Rakete und andere Fotografen populär gemacht hatten. Heute, im Rückblick, wirkt sie ungewollt belehrend.

Auch das ist kein Zufall. Schmidt, der bis 1973 als Polizist arbeitete, hat schon damals an der Kreuzberger Volkshochschule Fotografie gelehrt und nach seinem Ausscheiden aus dem Dienst dort die „Werkstatt für Fotografie“ gegründet. Er wollte Schule machen, aber auf seine Art: durch Befreiung des Blicks von den Fesseln des „guten Bildes“. Das unvergessliche Einzelbild in der Art von Robert Frank oder Stephen Shore wird man bei ihm vergeblich suchen, und auch ein Erzähler wie Robert Lebeck oder Stefan Moses ist Schmidt nie gewesen; seine Aufnahmen wirken, wie ihre Gegenstände, abgeschnitten, einsam, isoliert.

Dafür gibt es immer wieder Motive, meistens Porträts, in denen sich seine Wahrnehmung verdichtet: die Putzfrau im Treppenhaus, vom Blitzlicht erschreckt; der kranke Mann aus der Serie „Benachteiligt“; die junge Frau vor den Silhouetten der Hochhäuser im Märkischen Viertel. Andere Fotografen haben nach dem einen Bild gesucht, das die vielen ersetzt. Michael Schmidt hat mit vielen Bildern das eine, unsichtbare, ungreifbare umkreist.

Die Berliner Ausstellung gibt dem Frühwerk mit den Berlin-Fotos breiteren Raum als bislang üblich. Darin steckt ein historisches Urteil, das Schmidt, der 2014 an Lungenkrebs starb, nicht gefallen hätte. Denn seine späten Bilderserien, auch das vielbesprochene Projekt „Ein-Heit“ von 1996, haben im Rückblick an Dringlichkeit verloren, ihr Puzzle-Spiel wirkt beliebig, ihr allegorischer Gehalt konventionell. Deutlich besser gehalten haben sich die Aufnahmen der „Irgendwo“-Serie. Ihr bohrender Blick sucht nach Heimat im Heimatlosen, im Ungefähren der Peripherie. Denn vom Land, vom Draußen, gar von freier Natur ist in Schmidts Welt keine Rede mehr. Dieses illusionslose, provozierend nüchterne Schauen hat der unruhige Humanist Michael Schmidt auf den Straßen Berlins gelernt, den Brachen am Anhalter Bahnhof und den Hinterhöfen von Neukölln. Im Hamburger Bahnhof kann man es wiederentdecken.

Michael Schmidt – Retrospektive. Fotografien 1965 bis 2014. Hamburger Bahnhof Berlin, bis 17. Januar 2021. Im Lauf des kommenden Jahres wird die Ausstellung in der Galerie nationale du Jeu de Paume, Paris, sowie im Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía, Madrid, zu sehen sein. Der Katalog kostet 49,90 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Kilb - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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