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Ausstellung im MMK Frankfurt

Ein Ungleichgewicht der Wahrnehmungen

Von Stefan Trinks
 - 06:45

Seien wir ehrlich: Fünf Fußballer aus Süd- und Mittelamerika könnten die meisten aus dem Stand aufzählen. Wer aber mehr lateinamerikanische Künstler als die schon im Film verewigte Frida Kahlo, den deutsche Fußgängerzonen möblierenden Fernando Botero oder den Kasseler Documenta-Buchtempel von Marta Minujín nennen kann, dürfte Kunstexperte oder spezialisierter Sammler sein.

Wie um den überbordenden Reichtum dieser Terra incognita besonders peinvoll zu verdeutlichen, lassen nun zwei Argentinier, Victoria Noorthoorn, Direktorin des Museo de Arte Moderno in Buenos Aires, und Javier Villa, der Chefkurator dieses Museums, zusammen mit dem MMK-Kurator Klaus Görner gleich fünfhundert Werke der vierziger bis achtziger Jahre aus zwei Welten, den lateinamerikanischen und den vor allem europäisch-nordamerikanischen Beständen des MMK, aufeinanderprallen.

Der Auftakt in der Halle des Hollein-Baus, der sich selbst keilförmig in die Welt schiebt, ist gut gewählt: Lucio Fontana mit einem „Concetto spaziale“ von 1962, einem seiner Hieb- und Schlitzbilder, scheint vertraut und gilt als wichtiger Vertreter der italienischen Moderne. Kaum bekannt ist, dass der Künstler, wie der amtierende Papst, in Argentinien geboren wurde. Die unübersehbare Kreuzform, die Fontana in die grell fleischfarbene Leinwand gestochen hat, öffnet diese zum Betrachter hin in den Raum, schwingt aber gleichzeitig ins Bildinnere.

Vernachlässigt wird im Katalogtext, dass die markanten Formen, die Fontana in seine Leinwände als Bildkörper schlitzt, durchaus nicht aussagelos abstrakt und ohne Geschichte sind. Vielmehr besitzen sie eine religiöse Grundierung, was auch bei den anderen Künstlern der Ausstellung bemerkenswert wenig Erwähnung findet, hält man sich die unverändert starke Prägung des Kontinents durch die unterschiedlichsten Religionen vor Augen.

Bei Fontana werden mittelalterliche christliche Bilder wie die Öffnung der Seitenwunde Christi in eine moderne Form überführt. Und es handelt sich dabei um nur eine von vielen Formen, die von Künstlern aus Lateinamerika über den Atlantik hinweg ein- und wieder ausgeführt wurden. Etwas anderes fällt in der Ausstellung ganz unmittelbar ins Auge: Der Großteil der gezeigten lateinamerikanischen Kunst ist direkter, roher, ungeschliffener als ihre europäischen Pendants. Bei dem gebürtigen Südamerikaner Fontana können Auge und Gehirn des Betrachters die aggressiven Schlitze mit messbarer Muskelanspannung körperintern nachvollziehen, lange bevor diese destruktiven Behandlungen von Bild und Material Ende der sechziger Jahre in der „westlichen“ Kunst selbstverständlich wurden.

Es ist eine wütende Kunst, viele der extrem gewalttätigen Konflikte Lateinamerikas, die noch andauern, scheinen sich darin zu spiegeln. Die Künstler sind Seismographen, aber auch Durchlauferhitzer der brodelnden Missstände. Sie verstärken diese, um sie im Exzess kenntlich zu entstellen. Diese Grundaggression und Atmosphäre der Gewalt durch soziale Missstände, nahezu unausgesetzte Militärregime und Diktaturen oder Drogenhandel verleihen vielen der Werke eine Dringlichkeit, die den meisten der gegenübergestellten Arbeiten abgeht. Durch Fotografien und Performancekunst wurden sie aufgearbeitet, etwa durch die in Brasilien lebende Künstlerin und Documenta-13-Teilnehmerin Anna Maria Maiolino. Wiederholt befasste sich Maiolino, in Süditalien als Tochter eines Italieners und einer Ecuadorianerin geboren und 1954 mit ihrer Familie nach Südamerika emigriert, mit dem Putsch von 1964 in ihrer Wahlheimat Brasilien.

Aber selbst wenn Beatriz Gonzalez in ihrer Rauminstallation „Toilette Madame Vigee Le Brun et sa fille“ von 1973 das stilisiert nachgemalte Rundbild der Le Brun mit ihrer Tochter in bunten Farben anscheinend bloß dekorativ über einer Kommode aufsockelt und den Raum mit einem figurativen Vorhang abtrennt, verursacht genau diese Künstlichkeit des Raum-Arrangements und ihre duftig leichte Pseudo-Offenheit instinktives Unbehagen.

Der Vorhang mit seinen schwarzweißen Figuren in Smoking und Abendkleid zeigt die korrupte politische Elite des damaligen Regimes; dem transparenten Gardinenstoff zum Hohn bleibt diese stoffliche Wand der Macht undurchdringlich, verhindert das Nach-außen-Treten der Künstlerin und wirft sie aufs Private zurück. Der auffällig gefällig eingerichtete Raum wird damit wie in Biedermeier-Interieurs zum Gefängnis des Inneren, weil draußen Zensur und politische Restriktion herrschen. Jahrelang hing diese perfide Gefängnisgardine im Atelier von Beatriz Gonzalez. Kontrastiert wird das politische Ensemble in der Frankfurter Ausstellung durch Claes Oldenburgs Raum-Installation.

Ursprünge der Abstraktion

Ein historisches UngIeichgewicht bildet sich in dieser Ausstellung recht deutlich ab. In Europa herrschte seit Kriegsende bis in die achtziger Jahre hinein Frieden. In Lateinamerika gingen die gewalttätigen Auseinandersetzungen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erst richtig los. Zwei Welten sind es schon, wenn es um einen Vergleich der extrem politisierten Positionen Lateinamerikas mit der geradezu politophoben europäischen und deutschen Nachkriegsmoderne, die in diesem Zeitraum überwiegend – bewusst oder unbewusst – die weltabgewandte Abstraktion wählte. Insgesamt reisten nur wenige europäische Künstler nach Lateinamerika, um von der dortigen Kunst zu lernen. Direkte persönliche Verbindungen, wie etwa die zwischen Joseph Beuys und Nicolás Uriburu, gab es selten. Der argentinische Künstler hatte den venezianischen Canal Grande in Grün gefärbt und gemeinsam mit Beuys auch den Rhein. Bei Beuys’ Documenta-Projekt „Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“ beteiligte er sich an der Pflanzung von siebentausend Eichen in Kassel, was angesichts des ökologischen Rodungs-Desasters im Amazonasurwald und der angezeigten Wiederaufforstungen geradezu prophetisch wirkt.

Es gibt aber auch ein Ungleichgewicht der Wahrnehmung. Der Beginn der Schau, die der Kunst der vierziger Jahre gewidmet ist, war eine Zeit, in der europäische Emigranten auf der Flucht vor Weltkrieg und Verfolgung viel Neues auf den Kontinent spülten. Dies wird in der Ausstellung gerade nicht als abermaliger Kolonialismus gezeigt. Vielmehr nahmen immigrierte Künstler wie die Hamburgerin Gertrud Goldschmidt, die sich als Künstlerin Gego nannte und die in Frankfurt mit filigranen abstrakten Drahtskulpturen vertreten ist, sehr genau wahr, dass in der neuen Wahlheimat Ursprünge der Abstraktion lagen: Ob es sich um die Schnurkunst früher kolumbianischer Kulturen handelt, um die schon aufgrund ihrer schieren Größe abstrakten Geoglyphen der Naca-Indianer oder um die stilisierten Masken und Bildschriften der Azteken und anderer indigener Völker – die Künstler konnten vielfältige Belege für eine Vorrangstellung der Abstraktion bei den frühen Kulturen entdecken.

Zerkratzt und zerschunden

Wenn Hélio Oiticica in seinem Bild „Metaesquema“ von 1958 Farbfelder tanzen lässt, sieht der böse blinde Fleck im westlichen Auge schnell – zu schnell – ein Abhängigkeitsverhältnis von nordamerikanischen oder europäischen Nachkriegs-Modernen. Es ist aber nicht ausgemacht, dass diese wirklich vorgängig sind. Vielmehr hat der Künstler Alejandro Puente bereits 1971 mit seinen „Sistemas cromaticos“, einer Farbsystem-Installation aus bunten Knüpfschnüren, gezeigt, dass die Farbobsessionen der Moderne sich immer wieder auf teils jahrtausendealte Abstraktionen der mesoamerikanischen Hochkulturen stützen konnten. Auch das vom Tod gezeichnete Haupt von Luis Felipe Noés „Imagen agonica de Dorrego“, das mit seinen pechschwarzen Haaren und Schultern vor blutrotem Hintergrund wie flüssiger Teer verläuft, sollte nicht nur auf die Ähnlichkeiten zur Art brut und hier insbesondere zu Dubuffet reduziert werden. Zerkratzt und geschunden, wie es ist, zeigt das 1961 entstandene Bild die durchgängig eindrückliche Kunst der Ausstellung.

Wenn es das erklärte Ziel der Ausstellung ist, wie die Begleitbroschüre verkündet, „eine Debatte über die Antworten der Künstler auf die jeweiligen sozio-politischen Verhältnisse in ihren Heimatländern zu eröffnen“, darf dies als erreicht gelten. Was noch mehr zählt: In Jorge Luis Borges „Bibliothek von Babel“ ergeben am Ende alle lebenslang gesammelten Fotos, Landkarten und Dokumente ein anschauliches Bildnis des Autors. In der Schau fügen sich die fast fünfhundert ausgestellten Werke im MMK als Mosaiksteine zu einem facettenreichen Porträt des Kontinents südlich der Vereinigten Staaten, wie es so in Deutschland und Europa noch nie zu sehen war.

A Tale of Two Worlds. Experimentelle Kunst Lateinamerikas der 1940er bis 80er Jahre im Dialog mit der Sammlung des MMK. MMK 1, Frankfurt; bis zum 2. April. Der Katalog erscheint Ende Januar.

Quelle: F.A.Z.
Stefan Trinks
Redakteur im Feuilleton.
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