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Stephan Braunfels wird siebzig

Der Karriereverbaumeister

Von Matthias Alexander
Aktualisiert am 01.08.2020
 - 11:14
Freund des Sichtbetons: Stephan Braunfels zur Bildergalerie
Nur für eine kurze Zeit war Stephan Braunfels der bedeutendste Architekt Deutschlands. Die Karriere hat er sich dann selbst verbaut. Eine Rekapitulation zu seinem siebzigsten Geburtstag.

Zwei, drei Jahre lang war Stephan Braunfels das, was er immer sein wollte und seinem eigenen Dafürhalten nach wohl immer noch ist – der bedeutendste Architekt Deutschlands. Das war zu Anfang des Jahrhunderts. 2002 wurde seine Pinakothek der Moderne in München eröffnet, schon im Jahr zuvor neben dem Reichstag am Berliner Spreebogen das Löbe-Haus, in dem Büros von Bundestagsabgeordneten und Sitzungssäle der Ausschüsse untergebracht sind, im Jahr darauf schließlich am gegenüberliegenden Flussufer das Lüders-Haus mit der Bibliothek des Parlaments. Die Architekturkritiker schwärmten, Publikum und Politik waren in der Mehrheit begeistert. Braunfels selbst war es auch, die Pinakothek betrachtet er als besten Museumsbau der Welt.

Das ist sie nicht, aber annähernd zwanzig Jahre später lässt sich sagen, dass sich das Museum und die Parlamentsbauten bewährt haben, ästhetisch wie funktional. An seinen Schlüsselwerken hat Braunfels seine enorme Begabung für alle Aspekte der Architektur demonstrieren können: Er hat den Blick für städtebauliche Zusammenhänge, die Kreativität für eine eigene Formensprache, das Gespür für die passenden Materialien, die Sorgfalt für Details und – besonders wichtig und sehr selten – das Vorstellungsvermögen für komplexe Raumfolgen.

Die Achse durch die Pinakothek mit der großen Rotunde und auch die Halle des Löbe-Hauses, die mit den Turmzylindern der Tagungssäle wie eine Denkfabrik der Demokratie wirkt, gehören zu den überwältigenden Raumschöpfungen der Bundesrepublik, sie sind inwendige Stadtbaukunst. Und wie die Spreefassaden von Lüders- und Löbe-Haus ihre gewaltigen Maße in komplexe Leichtigkeit auflösen und dabei aufeinander reagieren, zeugt von enormem Gestaltungsvermögen. Schade, dass in allen Fällen der Sichtbeton nicht so marmormäßig hochwertig verarbeitet wurde, wie Braunfels es sich vorgestellt hat.

Braunfels, der aus einer Künstler- und Kunsthistorikerfamilie stammt, leitet seine berufliche Sendung aus einer biographischen Doppelprägung her. Als Sechsjähriger habe er beim Anblick von Corbusiers Kapelle in Ronchamp gewusst, dass er Architekt werden wolle.

Der Städtebauer in ihm sei wiederum durch viele Aufenthalte in Florenz erwacht. Beide Neigungen – zum modernen, auf Einzelwirkung kalkulierten Bauwerk hier und zur auf Ensemblegeist bedachten Tradition der europäischen Stadt dort – will er seither miteinander versöhnen. In den Vorbildern wird der hohe Anspruch deutlich und auch ein Hang zur Selbststilisierung, gleichzeitig zeigen sich hier die Fähigkeit zur eingängigen Erzählung und der Drang zur öffentlichen Wirkung. Bescheidenheit und Diplomatie im Umgang mit Bauherren und Kollegen sind seine Sache dagegen nicht.

Nach dem Dreifach-Triumph von München und Berlin hat Braunfels’ Karriere denn auch eine beinahe tragische Wendung genommen. Er streitet seither regelmäßig mit Staatsbauämtern wegen der Verantwortung für Baumängel, er geht juristisch immer wieder gegen Wettbewerbsausschreibungen der öffentlichen Hand vor, auch weil er sich als geborenen Teilnehmer jedes wichtigen Auswahlverfahrens für Kulturbauten sieht, etwa für ein Konzerthaus in München und zuletzt für den Umbau der Komischen Oper in Berlin.

Häufig veröffentlicht er ungefragt eigene Vorschläge, so für Hochhäuser am Checkpoint Charlie und für das Kulturforum in Berlin, gern auch, nachdem die Entscheidung für Entwürfe anderer, aus seiner Sicht minder begabter Architekten längst gefallen ist, beispielsweise für die Ostfassade des Berliner Stadtschlosses.

Die Neue Mitte in Ulm war seine letzte Großtat

Manches deutet darauf hin, dass Braunfels diese querulatorische Seite schon immer hatte. Eine Provokation markiert den Beginn seiner Karriere: Der junge Münchner Architekt stellte das Wettbewerbsergebnis für die bayerische Staatskanzlei in Frage und machte einen Gegenvorschlag. Die Intervention stieß eine öffentliche Debatte an, an deren Ende das Monumentalprojekt, das den Hofgarten ruiniert hätte, ziemlich gestutzt war.

Nun hat Braunfels wie in dieser Angelegenheit auch sonst ziemlich oft recht, nicht zuletzt, was die problematischen Eigenheiten des deutschen Wettbewerbswesens und die weit verbreitete Ignoranz in städtebaulichen Fragen angeht. Aber dafür, dass gerade in Konfliktsituationen Ton und Timing die Musik machen, hat der bekennende Melomane kein Gespür – er hat sich selbst manches verbaut.

Die 2007 fertiggestellte Neue Mitte in Ulm war seine letzte Großtat hierzulande, es folgte noch die Volksbank in Gifhorn, immerhin ist dort der Beton ordentlich verarbeitet. Das ist nun aber auch schon acht Jahre her. Vor wenigen Monaten machte die Nachricht die Runde, für das Berliner Büro von Braunfels sei ein Insolvenzverfahren eingeleitet worden. Am morgigen Samstag wird Braunfels siebzig Jahre alt. Nach jetzigem Stand wird er mit einem schmalen Œuvre präsent bleiben, das in seinen kurzen besten Jahren entstanden ist. Es ist mehr, als die meisten vielbeschäftigten Architekten vorweisen können.

Quelle: F.A.Z.
Matthias Alexander - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Matthias Alexander
Redakteur im Feuilleton.
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