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Zum Tod von Peter Lindbergh

Lass die Frauen mal machen

Von Andrea Diener
Aktualisiert am 04.09.2019
 - 17:52
Aufgewachsen in Düsseldorf, Karriere gemacht in Paris: Der Fotograf Peter Lindbergh erfand mit seinen charakterstarken schwarz-weiß-Aufnahmen die „Supermodels“ der neunziger Jahre.

Die Kunstgeschichte ist voller Frauendarstellungen, all die halbnackten Odalisken, und schön sind sie alle, wie sie dasitzen und sich dem männlichen Blick anvertrauen, der sorgfältig jedes Faltenwurfdetail ausmalt. Die Modefotografie besteht überhaupt aus nichts anderem als perfekten Körpern in eleganten Roben, und muss sich dafür oft genug belächeln lassen, die reine Oberfläche abzubilden. So sah das bis Mitte der achtziger Jahre schließlich auch aus: Gesichter im Studio, viel Kajal und viel Haarspray, im Mittelpunkt die Kleider, garniert mit schwerem Schmuck.

Aber dann begann Ende der achtziger Jahre doch etwas Neues in Sachen textilwirtschaftlicher Frauenabbildung, und im Januar 1990 bekam das Phänomen auch seinen Namen. Auf dem Cover der britischen „Vogue“ waren fünf Frauen zu sehen, junge und schöne, aber durchaus individuelle Gesichter in schwarz-weiß. Ihre Kleidung ist schlicht, sie tragen Baumwolloberteile zu Jeans, das Make-up ist einfach, Tatjana Patitz steht gar eine ungeordnete Haarsträhne zu Berge. Diese fünf waren zu diesem Zeitpunkt die teuersten Models der Welt, und nach diesem legendären, teuren, modisch nachlässigem Vogue-Cover nannte man Naomi, Christy, Cindy, Linda und Tatjana nur noch die „Supermodels“. Für weniger als zehntausend Dollar, so ist von Linda Evangelista überliefert, steht keine von ihnen überhaupt nur auf.

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Musikvideo
„Freedom! ’90“ – von George Michael

Natürlich geht es um die fünf schönen Frauen, aber einen mindestens so großen Anteil an der Furore, die die Supermodels in den neunziger Jahren machen sollten, hatte ihr Fotograf Peter Lindbergh. 1944 im deutsch besetzten Polen als Peter Brodbeck geboren, wuchs er im Nachkriegs-Duisburg auf, damals noch eine von Kohlebergbau und Industrie geprägte Stadt. Ursprünglich hatte er Malerei studiert, Van Gogh und die Neue Sachlichkeit waren seine Vorbilder, später interessierte ihn eher die Konzeptkunst. Der frühe deutsche Film beeindruckte ihn, „Metropolis“, „Der Blaue Engel“, später die italienischen Neorealisten.

Retuschierte Schönheit interessierte ihn nicht

Anfang der siebziger Jahre zog er nach Düsseldorf und begann als Fotograf zu arbeiten. Der Gestalter Willy Fleckhaus wurde auf ihn aufmerksam, es folgten erste Arbeiten für den „Stern“. Nun war er seit einigen Jahren gut im Geschäft, vor allem, seit er im Jahr 1978 nach Paris gezogen war und für „Vogue“ und den „Rolling Stone“ fotografierte. Dabei orientierte er sich an frühen Reportagefotografen wie Henri Cartier-Bresson, Dorothea Lange oder Walker Evans. Das Unperfekte interessierte ihn mehr als retuschierte Schönheit.

In den achtziger Jahren entwickelte er den Stil, mit dem er bis heute assoziiert wird: Schwarz-weiß, gerne etwas körnig und alles in allem sehr lässig. Viel zu nachlässig, wurde ihm zunächst beschieden, und Kleider könne man so auch nicht verkaufen. Die amerikanische „Vogue“, noch ganz dem farbintensiven Glamour verschrieben, lehnte seine Fotos zuerst ab. Im Jahr 1988 hatte er in ihrem Auftrag mehrere Models, darunter auch die späteren Supermodels Linda Evangelista, Christy Turlington und Tatjana Patitz, in weiße Hemden gesteckt und ließ sie am Strand von Santa Monica herumalbern. Die Redaktion war ratlos und legte das Ergebnis dieses Shootings zunächst in einer Schublade.

Wie der Schnappschuss einer Freundin

Dort lag es gut, bis kurz darauf eine neue Chefredakteurin ihren Dienst antreten sollte, Anna Wintour. In der Zwischenzeit hatte zwar die britische Vogue zugeschlagen, dennoch sah Wintour in Lindberghs schwarzweißer Hemdsärmeligkeit genau den frischen Wind, den sie für die etwas angestaubte amerikanische „Vogue“ erhoffte. Andere Gesichter, Persönlichkeiten, raus aus dem Studio, weg von der reinen Produktabbildung teurer Haute Couture. Sie verpflichtete Lindberg für ihr erstes Cover. Die farbige Aufnahme zeigte das israelische Model Michaela Bercu in einer Pariser Straße, Lacroix-Jacke zur Jeans, lachend, gestikulierend, mit wehenden Haaren, ein Foto wie der Schnappschuss einer guten Freundin, mit der man zufällig gerade unterwegs war. Dieser Titel brach, erinnert sich Wintour später, alle Regeln.

Und dann kam das britische Vogue-Cover. Innerhalb von zwei Jahren wurde die gesamte Achtziger-Jahre-Ästhetik über den Haufen geworfen, und bereits im Januar des neuen Jahrzehnts zeigte ein Zeitschriftentitel, in welche Richtung es fortan gehen sollte. Lindbergh knüpfte mit dem Cover an das „White Shirts“-Foto an, versammelte abermals eine Gruppe bereits berühmter Gesichter und zeigte sie als selbstbestimmte, erwachsene Frauen, die offen in die Kamera blicken. Sie tragen Kleidung, aber die ist nicht wichtig. Sie haben Namen und vermeintliche Schönheitsfehler, Muttermale, Schlupflider, zu kurze Haare, die aber als Merkmale ihrer Persönlichkeit gedeutet werden.

Größer als ein „Vogue“-Cover

George Michael sieht das „Vogue“-Cover und bucht die fünf sofort für sein „Freedom! ’90“-Musikvideo, das er sich von David Fincher drehen lässt. Da waren sie wieder, Linda sitzt im schlecht beleuchteten Altbau, Cindy räkelt sich in der Wanne, Tatjana trägt eine blonde Lockenperücke zur Leopardenbluse, alle bewegen sie die Lippen zu George Michaels Gesang, Naomi tanzt mit Kopfhörern. Wieder sieht es aus, als sei die einzige Regieanweisung, die Mädels halt mal machen zu lassen.

Spätestens in diesem Moment sind die Supermodels in der Popkultur angekommen, und Lindbergh hat etwas geschaffen, was viel größer ist als ein „Vogue“-Cover. Etwas, worunter wir auch heute noch leiden, wenn Heidi Klum, die noch nie in Paris war, die Claudia auch nicht kennt, in einer Fernsehsendung gegenüber jungen Mädchen so tun kann, als sei Model ein erstrebenswerter Beruf und mittels Castingshow zu erreichen. Auch „Germany’s Next Top Model“ lebt noch von dem Nimbus, den die fünf einst schufen, dem Versprechen, Models seien die neuen Rockstars, die Hollywoodschönheiten einer neuen Ära.

Ein bisschen dreckig und angekränkelt

Die neunziger Jahre sind allerdings eine Weile her. Nach den wohlproportinierten Supermodels – denn bei aller Persönlichkeit geht es ja doch immer noch um Körperbilder – kamen die Kate-Moss-Jahre. Die starken, erwachsenen Frauen wurden durch Mädchen ersetzt, die irgendwie beschädigt aussahen, was der neuen Ästhetik den unschönen Namen „Heroin Chic“ eintrug. Die Popkultur entdeckte den Grunge und hatte alles gern ein bisschen dreckig und angekränkelt. Lindbergh arbeitete zwar auch mit Kate Moss, machte diesen Trend aber nicht mit. Unverdrossen suchte er weiter nach Persönlichkeiten, nach Geschichten, und ließ die Menschen so sein, wie sie eben sind. Konventionen waren ihm dabei egal. Im Jahr 2014 bebilderte er eine Trauring-Kampagne für Tiffany unter anderem mit einem gleichgeschlechtlichen Paar.

Die aktuelle September-Ausgabe der britischen Vogue ist wieder eine besondere. Die Herzogin von Sussex, Meghan Markle, fungierte als Gast-Chefredakteurin und bestimmte auch das Cover, ein Mosaik bemerkenswerter Frauen unter dem Motto „Forces of Change“. Jane Fonda ist da zu sehen, die Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie, Greta Thunberg und Jacinda Ardern. Alle Bilder sind klar, schwarzweiß – und von Peter Lindbergh. Es ist sein erstes „Vogue UK“-Cover seit 1990. Am Dienstag ist er im Alter von 74 Jahren gestorben.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Diener, Andrea
Andrea Diener
Redakteurin im Feuilleton.
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