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Anti-Brexit-Ausstellung

Rückblick auf die Zeit der unverbrauchten Unschuld

Von Stefan Trinks
 - 19:52

Was ist eigentlich britisch? In Zeiten des chaotischen Brexit stellt sich die Frage umso vehementer, sieht man derzeit doch allabendlich tumultuöse Szenen aus dem Unterhaus und auf englischen Straßen. Klischeegemäß ist britisch ein geschüttelter, nicht gerührter (im Sinne von ungerührter) schwarzer Humor, ein Adhoc-Ausstieg mit „Stiff Upper Lip“ aus einem europäischen Haus, in dem sich die Briten ohnehin nie heimisch fühlten, ein Wegdriften vom Kontinent, dem sich die stolzen Insulaner wohl zu keinem Zeitpunkt zugehörig empfanden.

Museen aber kontern im Idealfall immer die offizielle Politik, und so verwundert es nicht, dass keine geringere Institution als alle vier Häuser der Tate Britain nun Unter den Linden in der ehemaligen Kunsthalle der Deutschen Bank, die seit vergangenem Jahr mit dem grausigen Namen „Palais Populaire“ geschlagen ist, ihre Schätze ausbreiten: Zum Wundern und Staunen ist dies durchaus, wie es schon der Ausstellungstitel „Objects of Wonder“ verheißt.

Bedingung bei der Auswahl war nicht, gebürtiger Brite zu sein, was durch den Commonwealth ohnehin breit definiert wäre. Dennoch wird Kunst gezeigt, die in Großbritannien entstanden ist, und zwar innerhalb eines zentralisierten Systems von wenigen renommierten Hochschulen. So gehören rund achtzig Prozent der gezeigten Künstler nur drei großen Künstlerschmieden des Königreichs an und sind damit von ihren Lehrern im Guten wie in der Abgrenzung geprägt, was naturgemäß an meist großformatiger Skulptur besonders klar ablesbar ist.

Gibt es britische Bildhauer von Weltrang?

Wenn man ehrlich ist, fallen einem auf Anhieb nicht allzu viele britische Bildhauer von Weltrang ein. Historisch hat England keine Riemenschneiders, Berninis oder Pugets hervorgebracht; einige der in der Schau gezeigten Namen wie Hew Locke, Geoffrey Clarke oder Elisabeth Frink hatte man sogar überhaupt nicht (mehr) auf dem Schirm. Henry Moore und Kenneth Armitage (der seine Ausbildung natürlich ebenfalls an der Slade School of Fine Art in London erhielt, einer der besagten drei Talentschmieden) sind hier die berühmten regelbestätigenden Ausnahmen, indem ihre Großplastiken auch zahlreiche bundesdeutsche Fußgängerzonen besiedeln.

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Was britisch sein könnte, hatte sich bereits einer der bekanntesten Kunsthistoriker des zwanzigsten Jahrhunderts, Erwin Panofsky, ausgerechnet im amerikanischen Exil gefragt. Sein Essay von 1962 über den Kühlergrill des Rolls Royce, der ja von einem handgefertigten Stück britischer Skulptur – die einer Tänzerin und der Nike von Samothrake nachempfundenen „Emily“ – bekrönt wird, ist eine Meisterleistung distanziert-dialektischer Betrachtung.

Die Kühlerfront fasse, so Panofsky, „zwölf Jahrhunderte angelsächsischer Themen und Neigungen zusammen: Sie versteckt ein bewundernswertes Stück an Ingenieurskunst hinter einer majestätischen palladianischen Tempelfassade; doch diese wird überragt von einer windumwehten Silver Lady, deren Gestalt vom Geist unverfälschter Romantik durchdrungen scheint.“ Mit dem Verweis auf Palladios italienische Architektur und die schleierumhüllte Silberfigur der Spätromantik, beide nichtbritischen Ursprungs, betont Panofsky die kontinentalen Anteile des automobilen Gesamtkunstwerks. Dennoch werde dem Gelehrten zufolge alles, was britisch sei, durch den Rolls Royce und insbesondere seine exzentrische Kühlerfront verkörpert, die bekanntlich kein Massenfabrikat ist, sondern bis heute von Hand gehämmert wird, mit ihrer aufwendig gegossenen jugendstiligen „Silver Lady“ als gänzlich unantik einen Tempelgiebel krönender Akroter-Figur.

Mit ihren scharfgratigen Spitzen

Das von Panofsky konstatierte Fortführen von Althergebrachtem, und zwar „handmade“, das Offenlegen der Materialität, das Zeigen von Oberflächentexturen erscheint seit John Ruskins Arts & Crafts-Bewegung des neunzehnten Jahrhunderts tatsächlich als ein besonderer Charakterzug britischer Kunst, gerade in der Skulptur: In Richard Longs Steinkreis „Red Slate Circle“ von 1988 aus tiefrotem Saharaschiefer, dessen Material der Künstler wie immer auf langen Streifzügen zusammenbrachte, können die Augen zwar in den anscheinend endlosen Steinspiralen nach innen lustwandeln und meditieren.

Mit ihren scharfgratigen Spitzen versetzen die blutfarbigen Schieferstücke dem Auge allerdings auch unausgesetzt kleine Nadelstiche, die von der Retina gespeichert werden. Auf dem Höhepunkt der ökologischen Bewegung entstanden, lassen Longs Steinkreise, die seit damals als Kunst eines inzwischen sogar geadelten Briten aus Bristol in nahezu jedem Modernemuseum zu finden sind, fast schon wehmütig auf eine Zeit noch unverbrauchter Unschuld zurückblicken.

Tatsächlich aber eignet vielen der ausgestellten Arbeiten auch eine gehörige Exzentrik: Wenn etwa Sarah Lucas 1999 der Lehne eines Holzschalenstuhls einen BH umschnallt und diesen mit Hunderten von Zigarettenstummeln in konzentrischen Kreisen in loser Anlehnung an Longs ikonische Kreise beklebt und dies auch noch ironisch „Cigarette Tits (Idealized Smokers Chest II)“ nennt, ist die traditionelle Idee einer surrealen Körperplastik à la Salvador Dalí oder Meret Oppenheim unpeinlich in die Jetztzeit übersetzt. Ein nicht geringer Teil des bis heute nachhallenden Echos der „Sensation“-Ausstellung der Young British Artists (YBA) im Berlin der Neunziger rührt von dieser vorgetragenen Coolness und den rotzigen Materialien her.

Blut, Schweiß und Tränen

Dass sich britische Exzentrik nicht nur in dieser sezessionistischen Splittergruppe um Damien Hirst findet, der passend zum Wunder-Thema der Schau mit seinen drei an die Wand gehängten Medizinschränken „Trinity – Pharmacology, Physiology, Pathology“ die alte Form des kirchlichen Triptychons ins verdrogt Wunderkammerliche transformiert, zeigt eine überraschende frühe Skulptur Tony Craggs.

In der Wandarbeit „E.R. II“ des seit vielen Jahren in Deutschland als Professor lehrenden Bildhauers von 1982 werden die zwei Lettern E und R aus grünen Bier- und Weinflaschen sowie alten roten Ziegelsteinen mit Mörtelresten gebildet. Nun weiß jedes Commonwealth-Kind ebenso wie jeder Briefmarkensammler, dass die beiden Buchstaben für „Elizabeth Regina“ stehen, mithin für die englische Königin.

Ihre Majestät aber in Bauarbeitermaterialien zu preisen wirkt zuerst ironisch, mindestens skurril, dann aber folgerichtig, sind doch alle gebauten Monumente zu Ehren der Königin auf Blut, Schweiß und Tränen errichtet. Wie schon bei Hirsts dreiteiligem Ersatzaltar der Moderne überführt Cragg hier mit den an die Wand gepinnten Flaschen die diaphanen Glasfenster mittelalterlicher Kirchen in die prosaische Gegenwart.

Zurückzuführen ist all dies – YBA und Verkörperungen selbst der Queen in ungewöhnlichen Materialien plus abgründiger Humor – auf das Künstlerpaar Gilbert und George, die beim Bildhauer Anthony Caro an der St. Martins School of Art studierten und von denen Gilbert bis heute unüberhörbar Südtiroler ist. Die stets in feinen Zwirn gewandeten Snob-Anarchisten erfanden in den Swinging Sixties die „Living Sculpture“, indem sie ihre Körper selbst zum Medium machten, singend oder dabei kauzige Bewegungen wie Monty Pythons „Ministry of Silly Walks“ vollführend. Dass sie ihre Bodybildhauerei-Aktionen alsdann noch in bis zu vierzehn Meter lange Photopaneele umsetzten, die wie strahlende Glasfenster wirken, ist schon der zweite Schritt. Beuys’ zeitgleicher Idee der Sozialen Plastik hat die in Berlin zu sehende Arbeit „George the Cunt and Gilbert the Shit“ von 1969 dabei etwas für die Rezeption Entscheidendes voraus: Humor.

„Nationalcharakter“ besteht wie bei Panofsky oder beim Durchschreiten eben einer Ausstellung britischer Kunst im Herzen der deutschen Hauptstadt häufig aus Zuschreibungen von Außen, aus Projektionen der Nachbarn. Der nun bald größere Abstand zu dieser Kunst, mutwillig durch die britische Politik hervorgerufen, schärft gezwungenermaßen den Blick aufs Eigene in der Distanzierung zu dem, was sich demnächst leider entzieht.

Objects of Wonder – British Sculpture from the Tate Collection 1950s – Present. Im Palais Populaire im Kronprinzessinnenpalais, Berlin; bis zum 27. Mai.

Der Katalog kostet 26 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Stefan Trinks
Redakteur im Feuilleton.
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