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Mogul-Ausstellung in Dresden

Die Abendröte im Osten

Von Andreas Kilb
Aktualisiert am 04.07.2020
 - 20:44
Die letzte Glanzzeit des alten Indien: Ansicht des Tadsch Mahal in Agra, Elfenbeinmalerei, um 1850zur Bildergalerie
Die Ausstellung „Der andere Großmogul“ im Dresdner Grünen Gewölbe dokumentiert die Veränderung in den Machtverhältnissen zwischen der britischen Kolonialmacht und den letzten Mogulherrschern von Nordindien.

Der Großmogul sitzt in seinem samtbezogenen Thronsessel auf einem Marmorpodest, flankiert von vier Kammerherren mit Stäben und Dienern mit Palmwedeln. Er hält das Mundstück einer vergoldeten Wasserpfeife, die hinter ihm steht, und starrt vor sich hin. In seiner Blickrichtung, durch ein Blumengesteck von dem Herrscher Nordindiens getrennt, stehen vier Musiker; zwei tragen Trommeln an Schnüren um den Körper, ein dritter hält eine Sarangi, ein Streichinstrument, das aus einem Holzblock geschnitzt und mit drei Melodie- und mehr als dreißig Resonanzsaiten bespannt ist.

Der vierte ist ein Tänzer. Er steht scheinbar regungslos, nur der linke Arm ist wie zum Gruß erhoben. Gleich wird er mit dem Kathak beginnen, einem Tanz, der seit dem sechzehnten Jahrhundert am Mogulhof vorgeführt wird und hinduistisch-religiöse mit weltlichen Themen verbindet. Die Szene ist von großer Feierlichkeit, alle Anwesenden tragen knöchellange, seitlich geschlitzte bunte Gewänder über weiten Paijama-Hosen und flache Turbane oder, wie die Diener, runde Messinghelme. Nur der Padischah trägt einen halbhohen roten Prunkturban. Und er ist – man sieht es an seinem grauen Bart – der älteste in der Runde.

Ein bis heute rätselhafter Nachlass

Die Szene ist eine Elfenbein-Miniatur, sechzehn mal zwölf Zentimeter groß, und sie gehört zu den Höhepunkten der Ausstellung „Der andere Großmogul“, mit der das Dresdner Kunstgewerbemuseum seine indischen Preziosen im Neuen Grünen Gewölbe des Residenzschlosses präsentiert. Etliche der etwa hundert Exponate stammen aus der Stiftung von Mary Adelaide Yates, der Tochter eines englischen Generalleutnants, der in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts in der Armee der halbstaatlichen East India Company diente.

Die Umstände der Schenkung, die das Königreich Sachsen im Jahr 1900 aus dem Nachlass der Londoner Lehrerin Yates empfing, sind bis heute rätselhaft. Offensichtlich hegte die Mäzenin einen Widerwillen gegen ihr Heimatland; jedenfalls verpflichtete sie den sächsischen Staat testamentarisch, dafür Sorge zu tragen, dass keines der Objekte je wieder nach England zurückkehre.

Oder rächte sie sich auf diese Weise an ihrem Vater? Richard Hassels Yates (1777 bis 1847) war, wie die Dresdner Kabinettausstellung zeigt, nicht nur ein Liebhaber, sondern ein Kenner des indischen Kunsthandwerks, denn er sammelte von allem nur das Beste: Elfenbeinschnitzereien, gemalte Miniaturen, Alabaster-Arbeiten und Aquarelle. Die meisten beschworen eine bessere Vergangenheit, denn zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts war das Mogulreich von Delhi nur noch ein Schatten seiner selbst. Kriege und innere Unruhen hatten seinen einst vorbildlichen Verwaltungs- und Militärapparat zermürbt, und als die Truppen der East India Company Delhi 1803 besetzten, wurden der Mogulherrscher Alam II. und sein Nachfolger Akbar II. zu Marionettenkaisern unter britischer Führung.

Der Löwe des Punjab und sein Diamant

Umso intensiver blühte jetzt die Kunst: Ansichten von Grabmälern und Wehrbauten der Großmogule wurden auf Elfenbeinplättchen gemalt, lebensecht geschnitzte Figuren zu höfischen Ensembles arrangiert. Auch auf die Widersacher des Mogulreichs fiel das verklärende Licht der Nostalgie, wie eine zweite herausragende Figurengruppe der Ausstellung belegt.

Sie zeigt Ranjit Singh, den „Löwen des Punjab“, im Zentrum einer Ratsversammlung. Singh war der erfolgreichste jener Sikh-Fürsten, die auf dem Territorium des zerfallenden Mogul-Imperiums blühten. Nachdem er die alte Residenzstadt Lahore erobert hatte, nahm er den Titel eines Maharadschas an und dehnte seine Herrschaft über ganz Nordwestindien aus. Als Lösegeld für einen gefangenen afghanischen König bekam er den legendären Koh-i-Noor-Diamanten, dessen Nachbildung gleichfalls in Dresden zu sehen ist. In der Elfenbeingruppe des Kunstgewerbemuseums hält er ein Schwert, während er auf einem Thron sitzend den Bericht eines Militärbefehlshabers anhört.

Auch sein linkes Auge, das nach einer Pockenerkrankung erblindet war, ist exakt nachgebildet. Nach Ranjit Singhs Tod im Jahr 1839 fiel sein Reich rasch auseinander, 1847 wurde es von den Briten annektiert. Elf Jahre später fiel auch das Mogulreich an Königin Victoria, die 1876 schließlich den Titel „Kaiserin von Indien“ annahm.

Die Ausstellung kann diese geschichtlichen Umwälzungen nicht annähernd abbilden. Stattdessen präsentiert sie die ästhetischen Spuren eines Bewusstseinswandels. Denn den Elfenbeinszenen und gemalten Idyllen vom Hof der Mogul- und Sikh-Herrscher ist die Abendröte ihrer Reiche bereits eingeschrieben. Sie sind Idealbilder, Chiffren der Erinnerung an eine vergangene Zeit. Der Hauch von Wehmut, der über der Ausstellung liegt, ist kein Beleuchtungseffekt, er kommt aus den Objekten selbst. Insofern setzt die Serie von Stahlstichen aus englischer Produktion, mit denen die Schau endet, den passenden Schlusspunkt. Sie zeigen die Baudenkmäler der Großmogule so, wie die neuen Machthaber sie sehen wollten: als touristische Highlights der britischen Kolonialherrschaft.

Aber keine postkoloniale Melancholie kann die barocke Fanfare übertönen, die aus dem Nordostsaal des Grünen Gewölbes in die Ausstellung herüberschmettert. Dort breitet Johann Melchior Dinglingers Panorama „Hofstaat zu Delhi am Geburtstag des Großmoguls Aurangzeb“ mit seinen hundertdreißig Goldemaille-Figuren, 5200 Diamanten und vierhundert Rubinen, Perlen und Smaragden seine silbernen Flügel aus.

Von allen künstlerischen Produkten der deutschen Indomanie ist dieses vielleicht das politischste, denn August der Starke, König von Polen und Kurfürst von Sachsen, sah in dem absolutistischen Gepränge seines Zeitgenossen Aurangzeb das Spiegelbild seiner eigenen Ambitionen. Deshalb zahlte er ab 1708 sechzigtausend Taler in Raten für Dinglingers Gesamtkunstwerk.

August ahnte nicht, dass Aurangzebs Regierungszeit den Wendepunkt in der Geschichte des Mogulreiches darstellte. Mit der expansiven Macht- und intoleranten Religionspolitik des sechsten Großmoguls begann der Niedergang der Dynastie. Das Kurfürstentum und spätere Königreich Sachsen bestand noch bis 1918. Das Werk Dinglingers, das durch die Ausstellung des Kunstgewerbemuseums eine würdige temporäre Rahmung bekommt, wird beide noch lange überleben.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Kilb - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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