Dürrenmatt als Zeichner

Öffentlich schreiben, privat zeichnen

Von Andreas Platthaus
02.03.2021
, 11:56
Das Kurpfälzische Museum Heidelberg will über eine geschlossene Ausstellung mit Zeichnungen von Friedrich Dürrenmatt hinwegtrösten. Ein Lob auf das Zuendedenken von Geschichten – ganz im Sinne Dürrenmatts.

Der berühmteste Satz von Friedrich Dürrenmatt stammt aus den 21 Punkten, die er 1962 seinem Drama „Die Physiker“ beigab. Der dritte Punkt lautete: „Eine Geschichte ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat.“ Im Kurpfälzischen Museum der Stadt Heidelberg erlebt diese These gerade ihre Überprüfung – an Dürrenmatt selbst. Dort wurde am 18. Oktober des vergangenen Jahres im Vorgriff auf den hundertsten Geburtstag des Schriftstellers die Ausstellung „Friedrich Dürrenmatt – Karikaturen“ eröffnet. Und nur zwei Wochen später wegen des zweiten Lockdowns wieder geschlossen. Nichts Besonderes leider. Gelaufen wäre sie regulär bis zum 10. Februar, aber nun ist sie immer noch zu sehen: in virtueller Form, nämlich als fünfundzwanzigminütiger kommentierter Rundgang durch die Schau, zu finden auf museum-heidelberg.de, gegliedert nach thematischen Schwerpunkten und mit der Kamera so nahe an den ausgestellten Zeichnungen, wie wir uns das als Besucher nie getraut hätten.

Also einmal nicht die schlimmstmögliche Wendung einer sehr unerfreulichen Geschichte? Ist Dürrenmatts dritter Punkt damit falsifiziert? Natürlich nicht, denn noch ist die Ausstellung ja gerade nicht zu Ende; sie ist vielmehr ins Unendliche hinein verlängert. All das virtuelle Begleitgedöns der vergangenen Monate wird ja den Datenkosmos nie mehr verlassen. Dafür aber, muss man sagen, wurde dann auch zu wenig gedacht beim Heidelberger Filmchen, geschweige denn zu Ende. Was wir auf unseren Computerbildschirmen sehen, ist ein in Kapitel gegliederter Einblick in die Ausstellung, der chronologisch mit den Zeichnungen des Jugendlichen und des Studenten beginnt und sich danach werkthematisch orientiert: mit Zeichnungen zu bestimmten eigenen Büchern oder Dramen (keine Illustrationen, eher ein Weiterdenken der Stoffe im Bild), über private Interessen bis hin zu den gezeichneten Liebesbotschaften an seine zweite Frau, Charlotte Kerr.

Zum Abschluss erfolgt noch ein Seitensprung zu anderen Zeichnern, die sich Dürrenmatts Texten angenommen haben, etwas bizarr betitelt als „Nachleben in Graphic Novels“, obwohl das, was dann gezeigt wird, mit diesem Schlagwort nichts zu tun hat und die Behauptung, dass Dürrenmatt selbst „comichaft“, nämlich „stilisierend und typisierend“, gezeichnet habe, Unsinn insofern ist, als dass diese Charakterisierung wenig mit Comics, aber umso mehr mit Karikaturen zu tun hat. Hilfreich wären also eher Arbeiten anderer Karikaturisten gewesen, die Dürrenmatts Zeichnungen in einen historischen und ästhetischen Kontext gesetzt hätten, etwa von seinen Zeitgenossen Paul Flora, Saul Steinberg, Bosc oder Sempé, und nicht zuletzt Picasso, dem der junge Dürrenmatt viel verdankt und dem der mittelalte 1975 seine „Minotaurus“- Suite hinterherzeichnete. Die aber leider in Heidelberg gar nicht zu sehen ist, zumindest nicht im Ausstellungsfilm.

Ein tolles Buch ergänzt den nicht gerade tollen Film

Dafür kann man sie im gerade zum hundertsten Geburtstag vom Centre Dürrenmatt in Neuchâtel herausgegebenen Prachtband „Wege und Umwege mit Friedrich Dürrenmatt – Das bildnerische und literarische Werk im Dialog“ (erschienen bei Steidl und Diogenes gemeinsam) bestaunen. Man mag kaum glauben, dass im Kurpfälzischen Museum dasselbe Centre Dürrenmatt an Ausstellung und Film beteiligt war, denn wo das Buch auf hohem analytischen und kunsthistorischen Niveau argumentiert, bleibt es im Ausstellungsfilm beim bildnerischen Äquivalent zu Einfacher Sprache: nur ja keine Herausforderung oder, besser, Begeisterung durch intellektuellen Anspruch. Jegliche Erörterung von Dürrenmatts Technik und Strich unterbleibt – und was wäre da beschreibend zu zeigen an der Handvoll „Faust“-Zeichnungen des damals Neunzehnjährigen von 1940 und den während des Philosophiestudiums von 1943 bis 1946 angefertigten Witzbildern („Ich habe Vorlesungen gezeichnet, statt sie mitzuschreiben“), die etwa ein „Nieschtze-Monument (was für eine Schreibweise!) zeigen oder ein Phantasieporträt von Hans-Georg Gadamer als bärtig-behäbigen Ordinarius alter Schule, während der berühmte Philosoph damals Mitte vierzig war und vollkommen bartlos. Und Dürrenmatt erkennbar unbekannt.

Es sind denn auch weniger Karikaturen, was Dürrenmatt zeit seines Lebens gezeichnet hat, als Phantasmagorien. Goya ist neben Picasso ein wichtiger Ahnherr, Thomas Theodor Heine ein anderer. All das jedoch spielt keine Rolle in Heidelberg. Karikaturist war Dürrenmatt nur insofern, als ja auch einer der frühesten Künstler auf diesem Feld, Gian Lorenzo Bernini, Zerrbilder der römischen Prominenz der Barockzeit nur zum privaten Amüsement seines Umkreises zeichnete – ganz wie es auch Dürrenmatt in Lokalen oder bei Gesellschaften auf Speisekarten und Weinetiketten hielt. Die fürs heutige Verständnis von Karikatur notwendige Öffentlichkeit suchte er nur mit seinem Schreiben, nicht mit dem höchst privaten Zeichnen. Stattdessen malte er sein eigenes Klo daheim rundum aus, den privatesten Raum überhaupt – man hat ihn für die Ausstellung nachgebaut. So etwas wäre nicht nur zu erzählen, sondern zu deuten gewesen, um dieser Geschichte ihre bestmögliche Wendung zu geben. Aber dafür hätte man sie ja zu Ende denken müssen. Ein nach Dürrenmatt benanntes Centre musste dieser Widerspruch ja in einen Circulus vitiosus führen.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Platthaus - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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