FAZ plus ArtikelFlandern feiert Jan van Eyck

Kunst zum Niederknien

Von Ursula Scheer
08.02.2020
, 08:54
Jan van Eyck beherrschte die Ölmalerei wie kein Zweiter. Flandern feiert das Genie, und sein Genter Altar erstrahlt nach einer Restaurierung in lange verlorenem Glanz.

Roboterarme wuchten zu Sakralmusik Ausschnitte von Jan van Eycks Genter Altar auf Bildschirmen durch einen illuminierten Kirchenraum. Einen Steinwurf entfernt heben Besucher in der Seitenkapelle der Kathedrale St. Bavo die Smartphones, um das Lamm Gottes auf der Mitteltafel des berühmten Retabels zu fotografieren, das nach seiner spektakulären Restaurierung auch im Internet für Furore sorgt. Handwerker arbeiten unter demselben Dach in der bis auf den Rohbau ausgeräumten Sakramentskapelle an einer neuen Bleibe für das Meisterwerk. Und im Museum für Schöne Künste (MSK) drängt sich das Publikum um eine so noch nie zusammengetragene Fülle von Gemälden, Zeichnungen, Buchmalereien, Skulpturen von und rund um van Eyck (von dem selbst nicht mehr als etwa zwanzig Arbeiten erhalten sind), um zu zeigen: Was dieser Mann vor fast sechshundert Jahren ins Werk setzte, war eine „optische Revolution“.

Bis Ende 2020 feiert Gent das Genie, das untrennbar mit der Stadt in Flandern verbunden ist. Denn für dessen Hauptkirche – genauer: die Kapelle des reichen Stifters Joos Vijd – malte Jan van Eyck in den dreißiger Jahren des 15. Jahrhunderts, anfangs wohl unterstützt von seinem Bruder Hubert, einen in seinem Detailreichtum, seiner technischen und bildschöpferischen Finesse atemberaubenden Altaraufsatz. Van Eyck, der als weitgereister Hofmaler Herzog Philips des Guten die nordeuropäische Malerei aus dem Mittelalter in die Renaissance führte, war schon zu Lebzeiten ein Star. Anders als lange kolportiert hat er die Ölmalerei nicht erfunden, aber vervollkommnet – und zu einem Medium perfekter Illusion gemacht. Seine Porträts setzten neue Maßstäbe. Doch sein vielteiliger, rund vier mal fünf Meter messender Genter Altar, der geschlossen die Verkündigung an Maria und geöffnet die Anbetung des Christus symbolisierenden Lamms darstellt, wurde sein über Jahrhunderte hinweg begehrtestes und gefährdetstes Werk.

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Woche
Autorenporträt / Scheer, Ursula
Ursula Scheer
Redakteurin im Feuilleton.
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