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Matisse in Mannheim

Frauen, Muster, Pflanzen

Von Stefan Trinks
 - 06:58
Früchte, Glaskaraffe und Modell – alles in derselben Raumschicht: „Stillleben mit Efeu“ von 1916zur Bildergalerie

Bei manchen Ausstellungen lohnt es sich, von hinten zu beginnen. In der Mannheimer Kunsthalle mit ihren zwei gleichermaßen nicht gesondert ausgeschilderten Zugängen zur Schau „Inspiration Matisse“ geht dies sogar, ohne gegen einen vorgeschriebenen Ausstellungsparcours zu verstoßen. Und es lohnt sich.

Rollt man das Feld also chronologisch von hinten auf, beginnt man mit den Gemälden der zwanziger Jahre wie „Frau mit Mandoline“ von 1921/22, dem „Interieur mit Wellensittichen“ von 1924 oder der „Odaliske mit grauer Hose“ zwei Jahre später – buntfarbige Bilder, in denen Vorder- und Hintergrund verschmelzen. Mit Frauen, die so starr wie Statuen sitzen oder still musizieren und zum Tapeten- oder Teppichmuster werden. Bilder also, die ein Blinder als Matisse identifizieren könnte.

Startet man dagegen mit dem linken, eigentlichen Eingang, stellt sich die Sache wesentlich komplizierter dar: Die ersten tastenden Schritte im Atelier seines Lehrmeisters, des Pariser Symbolisten Gustave Moreau, sind so ungelenk und düster, dass man den Ausbilder bereits des Geizes schelten will, da er offenbar am Licht im Atelier gespart hat: Ein „Seesturm, nach Ruisdael“ von 1894 versumpft bis auf ein surreales Schlaglicht auf den Wellen, das durch ein in den ansonsten vollkommen verfinsterten Himmel gerissenes Lichtloch fällt. Das ebenso fenster- wie lichtlose „Atelier von Gustave Moreau“ von 1895 verblüfft durch das Auf-den-Kopf-Stellen der Größenverhältnisse und eine radikal holzschnittartige Vereinfachung seines Figurenpersonals. In der Mittelachse steht, beinahe die gesamte Bildhöhe einnehmend, ein weibliches Nacktmodell. An den Bildrändern und genau hinter dem Modell postiert der damals sechsundzwanzigjährige Matisse jeweils Malschüler vor ihren Staffeleien. Weder seinen steif und hölzern wie Gliederpuppen gegebenen Malerkollegen noch dem Akt schenkt er ein Gesicht, wohl aber lehnt er surrealerweise eine riesige Holzkrücke an ihren vor den Körper gezogenen Arm.

Das Einzige, dem sein ganzes Augenmerk gehört, ist das Licht aus einer unsichtbaren Quelle auf Rücken und Gesäß der Frau. Allerdings setzt er das Licht in stark vereinfachten geometrischen Streifen auf die Körper, so dass selbst die rundlichen Formen kantig wirken. Durch die kluge Auswahl dieser beiden Bilder am Einstieg versteht man das berühmte Wort des Lehrers Moreau, dass Matisse die Kunst einmal „sehr viel einfacher machen“ würde. Wie so oft in der französischen Sprachdiplomatie ist das nicht nur ein Kompliment.

Das um 1915 entstandene „Stillleben mit Früchten“ könnte, abgesehen von dem aufwendiger in Grün, Blau und Schwarz ornamentierten Hintergrund, ebenso von Cézanne gemalt sein wie viele der frühen Landschaften von Matisse mit auffällig kubischen Hauswürfeln im Hintergrund, so etwa „Garten in Issy“ von 1917 mit seinen zusätzlich geometrisierten Kugelbäumen und Parkwegen in Rotbraun. Mehrfach will man vor besonders lichtdurchfluteten Landschaften Matisse preisen, um dann durch das Lesen der Beischrift zu realisieren, dass es sich um einen André Derain, Maurice de Vlaminck oder Kees van Dongen handelt. Auch eines der faszinierendsten Matisse-Bilder, „Akt im Wald“ von 1906, auf dem der große Vereinfacher einen besonders zarten Sandton erzeugt, indem er an mehreren Stellen die Farbe schlicht weglässt und den Blick auf die ungrundierte beige Leinwand freigibt, ist ohne das Schielen auf den befreundeten Derain und auf Cézanne nicht denkbar.

Auf dem wie mit krakeliger Kinderschrift betitelten Bild „Marguerite“ verewigte Matisse 1906 seine damalige Geliebte in derart vereinfachten Gesichtszügen, dass man unwillkürlich an die kindlichen Ikonen Alexej von Jawlenskys denken muss. Auch ihr diaphan wie ein mittelalterliches Glasfenster in tiefem Nachtblau durchscheinendes Oberteil wirkt wie eine Hinterglasmalerei von Wassily Kandinsky und Gabriele Münter. Tatsächlich sind das keine unbegründeten Vergleiche, sondern Künstlerkollegen, die Matisse durchaus kannte und von denen er sich augenscheinlich inspirieren ließ. Genauso wie August Macke, der mit seinem überragenden „Sitzenden Akt mit Kissen“ von 1911 mit einem geishahaft fein vermalten, weiß geschminkten Gesicht mit blauer Kontur und zart gerougten Wangen vertreten ist, schätzte Matisse die Künstler der expressionistischen „Brücke“. Hier kann die Kunsthalle Mannheim mit Juwelen von Pechstein, Kirchner oder Nolde prunken. Eine ganze Generation junger Künstler, Expressionisten, die wilden „Fauves“, aber auch erratische Einzelgänger wie James Ensor oder van Gogh lassen sich so in der Ausstellung bei der Suche nach ihren je eigenen Handschriften beobachten, als ob man in einer Experimentalanordnung Labormäusen in einem Kasten von oben bei einem Maltest zusehen würde.

Diese permanenten Über-Kreuz-Inspirationen sind nun keineswegs abfällig als plagiatorisches oder gar mediokres Abkupfern misszuverstehen. Vielmehr zeigen sie stilistische Suchbewegungen vieler mehr oder weniger wichtiger Künstler, die nachmals zum Teil Kunstgeschichte geschrieben haben – oder eben in der Versenkung verschwanden. Der heutzutage viel zu wenig bekannte deutsche Künstler Hans Purrmann etwa reist nach Frankreich, um bei Matisse das Licht mit der Leinwand als Schmetterlingsnetz einfangen zu lernen. Zusammen mit seinem bewunderten Vorbild wird er in Paris die Académie Matisse gründen, die dieser aber nach wenigen Jahren wieder schließt, laut eigener Aussage, weil er seinen Schülern das Matisse-sein-Wollen nicht austreiben konnte. Böse Zungen hingegen behaupten, Matisse habe einsehen müssen, dass mit etwas mehr Arbeitsaufwand auch mehr und innovativere Resultate zu erzielen sind.

Ein unbestrittener Lehrerfolg dieser kurzlebigen privaten Malakademie jedoch blieb bestehen, die eheliche Verbindung von Hans Purrmann mit Mathilde Vollmoeller. Äußerst aufschlussreich ist an Vollmoeller-Purrmanns „Stillleben mit Kamelie“ von 1913, wie diese das Beste aus zwei Welten, nämlich Cézanne und Matisse, kreuzt, um etwas völlig Neues zu generieren: der über Eck gestellte Tisch mit den roh gestrichelten Früchten und einem Gefäß darauf vom Meister des Proto-Kubismus, die Pflanze selbst und die Tapete im Hintergrund von ihrem direkten Lehrer. Dass die Schublade des Tisches geöffnet ist, hätte es bei Cézanne jedoch nicht gegeben. Das freie Schweben einiger Blüten, eine abstrakte Ablösung vom Stengel und zugleich wieder Einbettung durch feste Umrandung der rosafarbenen Kamelien sind ebenfalls ein Schritt, den Matisse so nie gegangen ist; auch hier ist in Mannheim der direkte Vergleich möglich, indem seine „Geranie“ von 1906 in unmittelbarer Nachbarschaft hängt.

Den überraschenden wie konsequenten Höhepunkt in der räumlichen Mitte der Säle bilden die vier überlebensgroßen Bronzereliefs „Nu de dos I–IV“ ein und derselben nackten Frau, von 1909 bis 1930 entstanden. Ursprünglich Gipse, standen sie bis zum Tod im Atelier von Matisse, ohne dass dieser an eine Umsetzung in kostbarer Bronze für eine öffentliche Aufstellung gedacht hätte. Zu sehen ist die schrittweise Abstrahierung eines Rückenaktes, der sich anfangs noch wie ein Renoir in drallen Formen räkelt, dessen Hautoberfläche in den zwei folgenden Figuren immer nervöser aufgerissen wird und dessen Haar in Form eines Pferdeschwanzes zu einem dicken Stab wird, um schließlich in der letzten Figur als teilender Balken zwischen zwei vollständig zu Säulen stilisierten Körperhälften zu dienen, nicht ohne dass die Körpertextur wieder geglättet und befriedet würde. Hier kann nun jeder Betrachter selbst entscheiden, welcher Matisse ihn am meisten erreicht – der noch Suchende, der Experimentierende oder der bis fast zum meditativen Gleichklang beruhigte Simplifizierer aller Formen.

Inspiration Matisse. In der Kunsthalle Mannheim; bis 19. Januar 2020. Der Katalog kostet 42 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Trinks, Stefan
Stefan Trinks
Redakteur im Feuilleton.
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