Maler Piazzetta in Innsbruck

Venedig, Sachsenhausen, Paris, Innsbruck

Von Stefan Trinks
15.04.2021
, 11:37
Bild-Odyssee: Eines der schönsten Frührokoko-Gemälde im Louvre wurde von Napoleon aus Frankfurt geraubt, die meisten Vorzeichnungen befinden sich in Tirol. Jetzt sind sie dort erstmals zu sehen.

Die Kunst – ein schrecklicher Allgemeinplatz – war bereits global, als das Wort noch kaum gebräuchlich war. Die Römer brachten ihre Kunst in alle Provinzen, die wandernden Völker imitierten sie, es wurde die romanische Kunst daraus, die Gotik abstrahierte sie ins Geistige, und die Renaissance gab vor, die wahre römische Kunst wiederzubeleben. Barock und Rokoko wiederum reklamieren für sich, noch antiker als die Antike zu sein. Das alles erstreckt sich quer durch Europa und die Welt wie auch durch alle Zeiten hindurch: Der Venezianer Giambattista Tiepolo etwa wird bekanntlich ab 1750 vom Würzburger Fürstbischof mit viel Geld und Frankenwein an den dortigen Hof gelockt, um das bis heute größte Deckenfresko der Welt zu schaffen, einen neoantiken Triumphus des Carl Philipp von Greiffenclau. Die Vorzeichnungen dafür befinden sich in aller Welt verteilt. Hernach malt Tiepolo im westlichen Teil Europas im Madrider Königspalast, wo er auch stirbt.

Fast immer ist es anregend, sich besonders verworrene Wege von Kunst und Werken vor Augen zu führen. Eine dieser unerwarteten Migrationen lässt sich noch bis in den Mai hinein in der traumhaft schönen, von Ralf Bormann kuratierten Kabinettausstellung zum venezianischen Rokokomaler „Piazzetta – Têtes d’expression“ im Tiroler Landesmuseum in Innsbruck nachvollziehen. Das sogenannte Ferdinandeum beherbergt mit über sechzig Zeichnungen überraschenderweise den größten Bestand weltweit an Piazzettas „Charakterköpfen“; nicht einmal Venedigs Accademia hat derart viele, und die nächstgrößere Sammlung von Windsor, derzeit auf der Startseite mit schwarzem Trauerflor für Prinz Philip aufwartend, besitzt fünfundfünfzig Werke des berühmten Malers. Doch halt – berühmt? Ist Giovanni Battista Piazzetta heute wirklich noch ein Begriff? Eher nicht.

Zwei Venezianer beglücken die Welt mit ihren Bildern

Dabei darf er als Tiepolos Lehrer – wenngleich nicht in einem Werkstattverhältnis, vielmehr durch zahlreiche übernommene Anregungen – gelten. Alles Entscheidende hat sich Tiepolo von dem vierzehn Jahre Älteren abgeschaut. Alles bis auf Piazzettas Vorliebe, noch in der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts, mithin hundertfünfzig Jahre nach Caravaggio, dessen dramatische Hell-Dunkel-Malerei im Rokoko wiederaufleben zu lassen (im nebenstehenden Bild der sehr dunkel gegebene Apostel mit den verschränkten Armen unten links sowie sein Gegenüber auf der rechten Seite). Dieses den Theaterbühneninszenierungen der Zeit verwandte Chiaroscuro, als Stil von Kunsthistorikern „Tenebrismus“, „Dunkelmalerei“ genannt, scheint die alleinige Eigenart Piazzettas.

Doch erlaubt man sich einmal die Ungehörigkeit, in der digitalen Bilddatei eines Piazzetta per Bildbearbeitungsprogramm die Farbskala insgesamt ins Helle zu verschieben, hat man unvermittelt einen Tiepolo vor sich. Die beiden Maler teilen demnach nicht nur dieselben Vornamen.

Betrachtet man die vielen Innsbrucker Charakterköpfe in ihren abgedunkelten Kabinetten, lässt sich ein Kopfschütteln über diese extrem nach hinten, nach oben und zu den Seiten gebogenen Köpfe kaum vermeiden, vielfach an der Grenze des anatomisch gerade noch Möglichen. Des dauerfeuchten Venedigs Alternative zu den sich anders als im trockenen Florenz oder Rom rasch auf den Wänden ablösenden Fresken hieß, Leinwände an die – trockeneren – Decken zu bringen. Die Lagunenstadt ist die eigentliche Erfinderin der Kunst der dramatisch sich nach oben verkürzenden Deckenbilder – der Raum war meist arg begrenzt – und damit auch der baldigen Genickstarre. Die Künstler Venedigs, sich aus der Enge der Kanäle herausmalend, wurden zu Experten der gen Himmel blickenden Figuren und deren Kinnpartien, die oft von unten zu sehen sind. Vor allem aber Piazzetta und Tiepolo benötigten für beinahe alle ihre Bilder rasante Verkürzungen und meisterten diese mit jeder ihrer vielen Studienzeichnungen immer souveräner.

So (lebens-)nah wie nun in Innsbruck ließ sich noch nie studieren, dass der dunkelste Punkt bei Piazzetta stets in nur einem der Nasenlöcher liegt, in das der Blick so weit hineinkriecht wie derzeit der Abstrichstab der Corona-Tests. Die schönsten Beispiele hierfür sind das Selbstbildnis Piazzettas am Schluss der Enfilade aus vier Kabinetträumen sowie das „Bildnis eines gen Himmel blickenden bärtigen Mannes“ in schwarzer Kreide. Weit in den Rücken genommen ist der Kopf, die Augen als nächstdunklere Punkte sind weiß gehöht und wirken dadurch glasig, als sähen sie oben am Himmel ein numinoses Licht. Etwas muss allerdings auch von unten leuchten, denn der weiße Vollbart des Alten wird von unterhalb des Kinns bestrahlt, so dass er eine einzige überblendete Zone auf dem Papier ist.

Tatsächlich kennt man den von viel Licht Überblendeten – es ist der Petrus von Sachsenhausen, der Maria bei ihrer Entrückung in den Himmel nachsieht und gleichzeitig wie auch die anderen elf Jünger von gleißendem Licht aus dem nun leeren Sarkophag unter ihm erfasst wird. Und noch zwei weitere Vorzeichnungen für das Frankfurter Bild von „Maria Entschlafung und Himmelfahrt“ sind in Innsbruck zu sehen, ein „Apostel mit entblößter Schulter“ sowie ein „Junger Apostel, erstaunt in den leeren Sarkophag blickend“.

Frankfurter Raubkunst im Louvre

Warum aber kennt man das Frankfurter Bild nicht? Weil es in Paris hängt. Eins der schönsten Frührokokobilder im Louvre, 1735 von Piazzetta in Venedig gemalt, respektable 5,17 Meter in der Höhe und 2,45 Meter in der Breite messend, wurde es 1796 von Denon und seinen Kunstkommissaren für Napoleon aus Frankfurt in den Louvre verbracht, Raubkunst des achtzehnten Jahrhunderts mithin. Zuvor war es der unbestrittene künstlerische Höhepunkt der Rokoko-Deutschordenskirche in Frankfurt-Sachsenhausen, direkt am Main gelegen, für die es der Ordensgroßmeister Clemens August von Wittelsbach 1736 für die enorme Summe von 2000 Gulden als Hochaltarblatt gestiftet hatte.

Nach Napoleons Niederlage und Absetzung wurde das Frankfurter Hauptwerk – anders als die Quadriga des Brandenburger Tors in Berlin oder der Danziger Altar – nicht wieder aus dem Louvre zurückgeholt, ob aus zwischenzeitlicher stilistischer Veraltung des Rokokos oder aus Ablehnung der Frankfurter Deutschordensherren und vor allem des Wittelsbachers Clemens August, bleibt offen. Bis heute hat sich Frankfurt jedenfalls nicht um die Rückführung des Bildes bemüht, obwohl der Altar noch einmal für fünf Jahre in Deutschland war: Vom Louvre nach Lille ausgeliehen und unter deutschem Granatenbeschuss im Ersten Weltkrieg beschädigt, wurde er 1915 in das Berliner Kaiser-Friedrich-Museum zur Restaurierung gebracht. Nach dem Krieg musste der Altar 1919 wieder nach Frankreich zurückgegeben werden.

Wie aber kamen die „Frankfurter Apostel“ ins Tiroler Landesmuseum, zusammen mit über fünfzig weiteren hochrangigen Blättern Piazzettas? Das ist vermutlich nicht anders zu erklären, als dass dessen Meisterschüler Philipp Haller aus Tirol diese am Ende seiner Lehre in Venedig mitnahm, um bis zu seinem Tod in Innsbruck 1772 von diesen brillanten Vorlagen für seine eigenen Bilder zu profitieren.

Derartige Bildmigrationen besagen einiges über die Widrigkeiten, denen die Kunst ausgesetzt war, aber auch über die Gepflogenheiten in ihr. Denn die außergewöhnliche Bandbreite der sich in alle Richtungen biegenden Charakterköpfe in Innsbruck als Studien für verschiedenste Bilder - aus Piazzettas beliebtem Modell für das „Bildnis eines gen Himmel blickenden bärtigen Mannes“ etwa wurde nicht nur der Sachsenhausener Petrus, sondern auch ein „Abraham“, einer der beiden Alten beim Bad der Susanna sowie ein „Moses“ - würde auch eine weitere Vorzeichnung dort erklären: Aus dem „Apostel mit entblößter Schulter“ machte Piazzetta – bei absolut identischem Gesicht und Kopfhaltung – kurzerhand einen Jäger mit Fellmütze und geschultertem Gewehr. Dieser Pelzmützen-Trapper belegt nicht nur die Mehrfachverwendung einmal glücklich gefundener „Köpfe“ in Piazzettas Werkstatt; er zeigt auch, dass selbst noch der Schüler Haller diese als Vorlage für weitere Figuren in wiederum gänzlich anderen Zusammenhängen recycelt hat.

Überhaupt Pelzkappen auf den Häuptern: Piazzetta gibt sowohl seinem Bildnis eines „Jungen Bildhauers“ im amerikanischen Springfield Museum of Art als auch seinem eigenen Selbstbild auf einer Radierung in Windsor jeweils eine mehr oder minder ausfransende haarige Kopfbedeckung mit, im Fall des Autoporträts noch federbekrönt, beim jungen Bildhauer von Agraffen juwelenverziert. So wandern unbescholtene Apostel sogar noch quer durch weitere, profane Bilder als gar nicht mehr heilige Trapper mit Flinte durch die Museen der Welt.

Piazzetta – Têtes d’expression. Im Tiroler Landesmuseum, Innsbruck; wohl keine Verlängerung über Mai hinaus. Kein Katalog.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Trinks, Stefan
Stefan Trinks
Redakteur im Feuilleton.
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