Googles „Arts & Culture“-App

Ist Helene Fischer eigentlich ein Knabe?

Von Kolja Reichert
23.01.2018
, 21:02
Etwas mehr Profil bitte: Google entdeckt via „Arts & Culture“-App unsere Doppelgänger in der Kunstgeschichte. Aber sind die Ähnlichkeiten wirklich so groß, wenn man genau hinsieht?

Irgendwo da draußen, in einer abgelegenen Galerie irgendeines Museums, gibt es mich. Und dank Google kann ich mich, nachdem ich ja eigentlich echt schon sehr, sehr lange nicht mehr auf die Idee gekommen bin, mich selbst zu googeln, finden. Ich mache ein Selfie am Schreibtisch, und das Display zeigt mir einen bärtigen Mann von Frans Hals. Das Porträt eines Kapitäns aus der Hand eines unbekannten Meisters. Und mehr Männer mit roten Bärten in Halskrausen. I’m so baroque! Vielleicht gibt es aber auch außerhalb der flämischen Porträtmalerei einfach nicht so viele Rothaarige.

Die populärste unter den kostenlosen Apps in Apples Store war diese Woche eine, die tief in die Keller der Kunstgeschichte hinabsteigt und als Spiegelbild ein Gemälde zurückwirft, das aussieht wie man selbst. Und noch ein paar andere zur Auswahl, versehen mit Ähnlichkeitswerten zwischen 35 und 95 Prozent. Bisher ist die Funktion nur in den Vereinigten Staaten verfügbar, aber mit einer Proxy-App wie „NordVPN“ lässt sie sich überall nutzen.

„Wir wurden von der Nachfrage völlig überrascht“, sagte ein Google-Mitarbeiter. Schließlich dümpelt Googles „Arts & Culture“-App schon länger vor sich hin, so richtig spannend ist der virtuelle Rundgang durch Museen, die ihre Sammlungen zur Verfügung stellen, dann doch nicht. Vor einem Monat kam die Gesichtsvergleichsfunktion hinzu. Aber erst vor einer Woche brach der Hype los. Geben Sie mal auf Instagram den Hashtag #GoogleArtsCulture ein. Es ist lustig. Links die Normalos, rechts ihre Doppelgänger aus 3000 Jahren. Die Ähnlichkeiten sind beeindruckend. Und wenn sie es nicht sind, dann sind die Abweichungen genauso interessant.

Leute helfen auch nach. Es ist nicht immer leicht, die tatsächlichen Ergebnisse von den montierten zu unterscheiden. Der Account „latenighttalkshow“ sieht 99 Prozent Übereinstimmung zwischen einem Steak nagenden Donald Trump und Goyas Saturn, der seinen Sohn verschlingt; wiederholen lässt sich das Ergebnis nicht. Eine Karikatur des „New Yorker“ sieht dagegen 75 Prozent Übereinstimmung zwischen Donald Trump und Marcel Duchamps Urinal.

Das Spiel ist ja so alt wie das Museum: Schau mal, da bist du. Und das bin ich. Es ist lustig, wenn man sich selbst in einer Daphne oder einem Satyr sieht, je älter und fremder, desto besser. Es belebt der Bezug auf ein Drittes die Kommunikation beziehungsweise auf das Werk eines Dritten, dessen Intention man kidnappt, vorsätzlich verzerrt und ins eigene Leben hereinholt.

Das Fenster zur Welt hat die Form meines Gesichts

Der aufregendste Blick auf die Kunst scheint gerade der über die Kunst zurück auf sich selbst zu sein. Mein Fenster zur Welt hat die Form meines Gesichts. Das Netz war schon vor dieser Sache voll mit Fotos von Leuten, die im Museum ihren leibhaftigen, wirklich total identischen Doppelgänger gefunden haben. Der Schriftsteller und Künstler Douglas Coupland („Generation X“) hat kürzlich zum Van-Gogh-Ähnlichkeitswettbewerb aufgerufen. 500 000 Abstimmende identifizierten unter 1250 eingesandten Gesichtern den echtesten van Gogh mit dem wogendsten rötesten Bart, den verstörtesten Augen und der brütendsten Stirn.

Zufällig sind wir hier in der Redaktion auf eine Ausgabe der Jugendzeitschrift „twen“ aus dem Jahr 1963 gestoßen, in der Köpfe von Filmstars mit ihren Ahnen aus der Antike verglichen werden, Paul Newman steht da neben einem hellenistischen Jüngling. Auf der Documenta erinnerte das Künstlerduo Prinz Gholam an die „Life“-Ausgabe aus dem Jahr 1947, in der die Fotografin Nelly im Vergleich zwischen hellenistischen Statuen und total inszenierten Porträts einfacher Griechen die Konstanz der Rassen beweisen wollte. Was ein Beispiel dafür ist, dass die Suche nach Ähnlichkeiten auch das Allerlangweiligste, Gedankenverklebendste sein kann.

Es hat auch was von einer Plünderungsparty

Der Spaß am Gesichtsabgleich mit der Kunst ist aber ein gegenteiliger, er rührt aus dem Vergleich des Unvergleichbaren. Gerade weil es so abwegig wäre zu glauben, die Gesichter hier hätten irgendwas mit mir zu tun, ist es ja so toll zu sehen, dass sie das tun. Es ist ein großer Maskenball, wie ihn auch die Gesichtstausch- und -entstellungs-App SnapChat feiert, und es hat auch was von einer Plünderungsparty: Die Gemälde kommen von der Wand in unsere Hand auf Augenhöhe. Alles ist Material, das neu vermessen und verknüpft werden kann. Wir sind es auch.

Der Vordenker des Pictorial Turn, W. J. T. Mitchell, hat Facebook als großes Gruppenporträt beschrieben, und das ist auch Googles App vor allem anderen; sie beruft eine große Family of Man aus Vergangenheit und Gegenwart ein, und vielleicht ist das hier einer der Momente, nach denen die Menschheit aufwacht und ein bisschen anders in die Welt und auf sich selbst guckt. Vorerst sehen wir: Es gibt viele lustige Gesichter.

Was machen wir hier eigentlich?

Moment, halt. Unsere Gesichter. Was machen wir hier eigentlich? Das Foto werde nur für den Abgleich verwendet und nicht darüber hinaus, versichert die App. Man lösche die Bilder sofort, sagt man bei Google. Aber hatte jemand offiziell die Absicht, auf Druck der amerikanischen Regierung alle unsere Daten an die NSA weiterzuleiten? Facebook hat rund 300 Milliarden Nutzerfotos. Das ist, zusammen mit einer Gesichtserkennung, die genauer ist als die des FBI (und die von Google), natürlich ein Wettbewerbsvorteil.

Auf die Frage, wie genau die App funktioniert, antwortet man bei Google, wie Menschen heutzutage auf Algorithmenanfragen antworten: Man könne das nicht erklären, es sei zu kompliziert. Jedenfalls kommen hier zum ersten Mal zwei Technologien zusammen: die Kartierung des menschlichen Gesichts und die Kartierung des kulturellen Erbes der Menschheit. 70 000 Kunstwerke zählt das Archiv des Google Cultural Institute bislang, das ist natürlich ausbaufähig. Regelmäßig taucht dieselbe Street-Art-Sammlung auf, und es gibt Werke, die sich überdurchschnittlich oft durchsetzen, darunter die „Beata Beatrix“ des Präraffaeliten Dante Gabriel Rossetti mit ihrem langen Hals und dem entrückten Blick.

Das Google Cultural Institute ist eine kleine, nicht gewinnorientierte Unternehmenstochter mit Sitz in Paris, die im Stundentakt niedrigschwellige Features produziert wie „What Is Contemporary Art?“, „Die 13 besten Zitate über Kunst“ oder „12 Artworks You’ll Love to Zoom in in“. Sie kennt 6294 Künstler, 228 Medien und zwölf Kunstrichtungen. Und sie bietet an, zwei Werke aus der Sammlung auszuwählen, zwischen denen die Algorithmen dann ein Morphing in mehreren Schritten unternehmen. So gelangt man von einer Madonna mit Kind aus der Riemenschneider-Werkstatt zu einer geschnitzten Figurengruppe aus den achtziger Jahren über ein japanisches Tabakkästchen und ein Goldsiegel mit Schildkröte aus der Han-Dynastie zu einem Band aus Palladios „Architektur“ aus dem Jahr 1735. Aby Warburg würde sich im Grab umdrehen. Das ergibt natürlich alles überhaupt keinen Sinn.

Der Nullpunkt des rassistischen Blicks

Erst wenn man das Gesicht des Nutzers dazuholt, ergibt es Sinn. So wird Google zum Porträtisten, was all die bekannten Probleme der Porträtkunst aufwirft, zuvörderst solche der Ähnlichkeit. Wenn ein Mann mit dunkler Haut Kerry James Marshalls „Portrait of the Artist as Shadow of His Former Self“ aus dem Jahr 1980 zurückgespielt bekommt, ist das natürlich, vorausgesetzt, er kennt sich ein bisschen aus, total cool, weil das die Schlüsselarbeit eines der interessantesten Maler der Gegenwart ist; aber andererseits auch an Ignoranz nicht zu übertreffen, weil das Bild eine schwarze Fratze mit weißen Augen und weißem Grinsen zeigt, also den Nullpunkt des rassistischen Blicks. Der Porträtierte war dann auch nicht begeistert. Man denkt an das Unglück von 2015, als Googles Gesichtserkennung Schwarze als Gorillas wiedergab.

Damals löste man das ja, indem man die Gorillas aus der Datenbank nahm. Jetzt hilft wohl nur: mehr Daten, mehr Menschen, mehr Werke, mehr Museumssammlungen außerhalb Europas und Amerikas. Es wurde auch schon kritisch angemerkt, dass das Figurenarsenal für asiatische Gesichter sehr beschränkt sei. Googles Archiv ist auch ein Porträt all der Asymmetrien und Verzerrungen der Kunstgeschichte, die es mitschleift und denen es neue hinzufügt. Aber vielleicht ist es ja auch der Fehler der Kunst, dass sie zu viele Stereotypen von Asiaten produziert hat? Oder verlernen wir jetzt, Kunst zu verstehen, indem wir nur noch Ähnlichkeiten sehen? Setzen sich künftig die Kunstwerke durch, die am besten zu den Schemata der Algorithmen passen?

Disruptive Unternehmensführung funktioniert als Spiel

Dass in Paris irgendjemand darauf kam, die beiden Kartierungstechnologien zu verknüpfen, und dass gleichzeitig niemand darauf kam, das Ergebnis zu bewerben, ist typisch für die Art, wie Unternehmen wie Google agieren, die ja mit jedem Schritt den ganzen Grund, auf dem sie gehen, umbauen und deshalb weder immer wissen können, wo sie genau hinwollen, noch es wissen müssen. Die Kunsterfassungskampagne ist ein Testballon, wie es die eigenen Roboter sind und das selbstfahrende Auto, von dem man ja auch noch nicht weiß, ob es sich gegen die Konkurrenz durchsetzen wird. Hauptsache, man hält so viele Bälle wie möglich in der Luft. Hauptsache, man ist, wo auch immer, der Erste, und damit für die unter Öffentlichkeitserzeugungsdruck stehenden Museen das, was man für die Suchmaschinenkunden ist: die alternativlose Plattform. So ist die kollektive Feier der Zugänglichkeit des kollektiven Erbes auch eine Feier der Privatisierung des Zugangs zu diesem Erbe.

Disruptive Unternehmensführung funktioniert heute selbst nach der Logik des Spiels, weshalb auch die Büros aussehen wie Kinderparadiese. Was man genau macht, kann man immer noch unterwegs verstehen. Zum Beispiel ging es den Entwicklern von Google, Facebook und Apple ja in erster Linie nicht darum, den globalen Überwachungsstaat aufzubauen. Das ist dann halt aus der Logik der Sache heraus einfach so passiert. Und hier sind wir, rechts die Anfänge des Porträts und links dessen Ende. Rechts Subjekte der in der Renaissance ansetzenden Kartierung der Welt, links deren Objekte.

Wie erfasst man ein Kunstwerk? Vielleicht ist das am Ende schwieriger, als einen Menschen zu erfassen. So erinnert Googles Gesichtsvergleich auch daran, dass jede Kommunikation im Offenen schwebt und es nie etwas anderes gab als Mustererkennung.

Wie könnte ich Google also beibringen, dass ich tief in meinem Inneren kein rotbärtiger Mann von Frans Hals bin, sondern die Arbeit „One and Three Chairs“ von Joseph Kosuth aus dem Jahr 1965, bestehend aus einem Stuhl, der Fotografie eines Stuhls und der Kopie einer Lexikondefinition eines Stuhls? Also: Wie bringe ich Google dazu, nicht immer nur in mein Gesicht zu sehen?

Wobei, wenn ich es mir recht überlege, ist das hier das erste Mal, dass Google mir ins Gesicht sieht. Die Hälfte meines Lebens hat Google mir eigentlich nur zugeschaut was ich mir so angeschaut habe. Jetzt hat es auch das letzte Puzzlestück von mir. Es ist vielleicht das Banalste.

Quelle: F.A.S.
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