Grabkammer von Qatna

Das war einst ein König samt Gefolge

Von Ulf von Rauchhaupt
21.09.2009
, 22:52
In Syrien haben deutsche Archäologen eine Grabkammer entdeckt, die seit Jahrtausenden nicht betreten worden ist. Sie verspricht Aufschluss über die eigentümlichen Bestattungsgebräuche des Reiches von Qatna.

Die Kammer ist zu eng für Lebende. Wer sich aufrichtet, stößt sich leicht den Kopf an dem Gewölbe aus bröseligem Fels. Trotzdem herrscht Hochbetrieb. Mehrere Gestalten mit Mundschutz kauern auf Brettern, die einige Handbreit über den Boden gelegt sind, und zeichnen minutiös das gruselige Chaos ab, das den etwa dreißig Quadratmeter großen Raum bedeckt: menschliche Gebeine, in enormen Mengen, überall. Zwischen Wirbeln, Rippen und Oberschenkeln funkeln lauter kleine Schätze: eine goldene Rosette hier, ein Diadem dort, ein offenbar elfenbeinernes Figürchen von der Größe einer Barbie-Puppe, ein Äffchen aus Stein. Und vielerorts stehen Gefäße. Aus einer Alabastervase nahe dem Eingang glitzert es golden - sie ist mit Schmuckstücken vollgestopft.

„Da hinten liegt eine Tridacna-Muschel. Die wurde als Kultgefäß benutzt“, erläutert Peter Pfälzner versonnen. Dann wird der Archäologieprofessor von der Universität Tübingen von seiner Frau ermahnt, sich ebenfalls einen Mundschutz zu holen - wer weiß, was für Schimmelpilze in einem Raum gedeihen, den seit mindestens 3340 Jahren niemand mehr betreten, geschweige denn saubergemacht hat. Heike Dohmann-Pfälzner ist die Grabungsleiterin hier im sogenannten Nordwestflügel des Königspalastes von Qatna, einer bronzezeitlichen Metropole, deren riesige Befestigungswälle noch heute weithin sichtbar sind, wenn man von der mittelsyrischen Stadt Homs achtzehn Kilometer nach Nordosten fährt.

Spektakulärer Fund

Am 8. August waren Frau Dohmann-Pfälzner und ihre Mannschaft auf die Felsöffnung gestoßen. Von einer Art Kellerraum in dem infolge seiner Hanglage erhaltenen Untergeschoss des Nordwestflügels führte der Weg in einen Hohlraum im anstehenden Mergel. Drei Wochen später war der Keller so weit freigelegt, dass man die Felskammer betreten konnte. Gestern endete die Grabungssaison, und am Montag wird der Fund der Weltöffentlichkeit bekanntgemacht.

Es ist nicht die erste spektakuläre Entdeckung im Tell Mishrife, dem mehr als hundert Hektar großen Hügel aus Wällen, zerfallenem Lehmziegelwerk und anderem Siedlungsschutt, der vom alten Qatna übrig blieb. Seit 1999 leitet Peter Pfälzner mit seinem Kollegen von der syrischen Antikenbehörde die Ausgrabungen im Areal des Königspalastes. Hier war einst die Zentrale eines Königtums, das zu seiner Blüte in der Mittelbronzezeit, zwischen 1800 und 1600 vor Christus, halb Syrien kontrollierte, von der Mittelmeerküste und den Zedernwäldern des Libanon bis zur Oase Palmyra, einer wichtigen Station der Handelswege zwischen Ägypten und Mesopotamien.

Unter den Fundamenten dieses Palastes hatte das syrisch-deutsche Archäologenteam im Jahr 2002 eine komplette königliche Gruft entdeckt, die seit der Zerstörung der Anlage um das Jahr 1340 vor Christus unberührt geblieben war. Anlage und Ausstattung dieser mehrteiligen Felskammer sind einmalig. Sie weisen auf einen merkwürdigen Totenkult hin, bei dem die Herrscherfamilie und andere Würdenträger offenbar regelmäßig zu den Bestatteten hinabstiegen, um bei ihnen rituelle Mahlzeiten abzuhalten. Die gefundenen Grabbeigaben sind von höchster Qualität. Die wichtigsten und schönsten davon werden vom 17. Oktober an im Landesmuseum in Stuttgart in einer großen Ausstellung zu sehen sein.

Skelette ohne Schädel

Von den königlichen Gebeinen allerdings hatten die Jahrtausende dort wenig übrig gelassen. Was die Forscher davon noch fanden - Reste von mindestens neunzehn, vielleicht bis zu dreiundzwanzig Individuen beiderlei Geschlechts -, gibt etliche Rätsel auf. So fehlten in der Königsgruft fast alle Schädel, selbst bei dem einzigen Skelett, das im anatomischen Verband vorgefunden wurde - die Gebeine der anderen Toten lagen wild durcheinander.

Das gilt zwar auch für sämtliche Knochen in der nun entdeckten Kammer - von den Archäologen als „Gruft VII“ bezeichnet -,aber sonst ist dieSituation hier völlig anders. „Hier liegen mindestens dreißig Schädel, und der Erhaltungszustand der Knochen ist wesentlich besser“, legt Peter Pfälzner dar, der gleich einen weiteren Anthropologen von der Universität Hildesheim einfliegen ließ. Bislang hatte er nur einen Knochenkundler im Team, zu wenig bei diesen Fundmassen.

„Doch nicht nur die Knochen, auch die Beigaben haben uns überrascht“, sagt Pfälzner. Zwar ist die Gruft VII viel kleiner als das achtzig Meter Luftlinie entfernt gelegene Königsgrab und enthält weitaus weniger Keramik. Doch die Qualität der Beigaben ist durchaus vergleichbar, zumal wenn man nicht nur auf das Gold schaut: „Diese Granitgefäße dort“, sagt Pfälzner, „die sind ägyptisch. Sie stammen aus dem Alten Reich, aus der Zeit um 2600 vor Christus. Das waren hier damals schon Antiquitäten.“ Dennoch, Gruft VII war keine zweite Königsgruft. Ihr geht der repräsentative Charakter ab. Was aber war Gruft VII dann? „Wir erwägen drei Möglichkeiten", berichtet Pfälzner. "Entweder es wurden hier bestimmte Mitglieder der Königsfamilie bestattet, die keinen so hohen Status hatten, oder es waren nichtkönigliche Mitglieder des Hofstaates, Minister etwa. Drittens aber könnte es sich um Umbettungen aus der Königsgruft handeln.“

Umbettung der Toten

Tatsächlich hatten sich die Forscher nach 2002 gefragt, warum in der Königsgruft nur die Reste von knapp zwei Dutzend Personen lagen. Diese Kammern müssen bereits bei der Errichtung des Palastes, die Pfälzner in das frühe achtzehnte Jahrhundert vor Christus datiert, angelegt und wahrscheinlich von da an kontinuierlich benutzt worden sein, also etwa vierhundert Jahre lang. In dieser Zeit hätten sich aber sehr viel mehr königliche Leichen ansammeln müssen. Es könnte also sein, dass man die Königsgruft von Zeit zu Zeit sozusagen entrümpelt und die Gebeine der bereits länger Verstorbenen nebst ihrer Grabbeigaben umgebettet hat - unter anderem hierher, in die Gruft VII.

Es gibt archäologische Befunde, die, wenn sie sich weiter erhärten, die Umbettungstheorie stützen. Einmal sind die Gefäße in Gruft VII typologisch etwas älter als die in der Königsgruft. Dann wäre da der Schmuck in der Alabastervase. „Bei einer Bestattung dürfte er dem Toten angelegt worden sein“, vermutet Pfälzner. „Warum hat man ihn hier in diese Vase gestopft, wenn nicht zum Transport?“ Vor allem aber liegen etliche Knochen in Gruft VII nicht völlig zufällig verteilt herum, sondern lassen eine Anordnung erkennen. „Da sind etwa die Langknochen nebeneinandergelegt wie zu richtigen Päckchen.“ Diese Knochenkonzentrationen haben einen auffällig rechteckigen Umfang und sind von Häufchen zu Staub zerfallenen Holzes begrenzt. Offenbar hatte man die Knochen also in Kisten gepackt, sie darin weggetragen und hier abgestellt.

Der Sinn des Ganzen

Nur hier? Eine Reihe von Fragen, welche die Gruft VII nun aufwirft, wird sich vielleicht nicht unabhängig von anderen Rätseln beantworten lassen, die der Nordwestflügel den Archäologen aufgibt. Sie betreffen etwa diese Kellerräume im Untergeschoss des Nordwestflügels, über welchem ein ebenfalls erhaltenes Hanggeschoss liegt. Inklusive der Reste des darüberliegenden Erdgeschosses sind hier also drei Stockwerke überliefert, eine Situation, die bei einem antiken Lehmziegelbau eine veritable archäologische Sensation für sich darstellt. Einige diese Hanggeschossräume sind nun aber von keiner Seite zugänglich, während die direkt darunterliegenden Keller mit dem daneben zuweilen verbunden sind - wie im Fall des Raumes vor Gruft VII.

Bislang ist völlig unklar, welchen Sinn diese Konstruktion hatte. Hat sie vielleicht etwas mit dem Bestattungswesen zu tun? Kann es sein, dass auch andere Keller mit solchen Felskammern in Verbindung stehen? Peter Pfälzner wird weitergraben. Er ist nun schon zum zweiten Mal in seinem Archäologenleben an der Entdeckung und Untersuchung einer unberührten Grabkammer beteiligt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Rauchhaupt, Ulf von (UvR)
Ulf von Rauchhaupt
Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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