Anselm Kiefer in Mannheim

Die Röte des Bleis

Von Stefan Trinks
16.02.2021
, 21:35
Über allen Wabernebeln keine Ruh’: Mannheim zeigt Anselm Kiefers Arbeit am Mythos Material so monumental, wie es die Bilder brauchen.

Lediglich Beuys wird in der Kunst mit nur zwei Materialien - Fett und Filz - so eng assoziiert wie Anselm Kiefer mit „seinem“ Blei und der Asche. Und nur sehr wenige andere Künstler spalten die Betrachter derart in glühende Anhänger und abgrundtiefe Verächter. Diese Polarisation war erst jüngst wieder in Frankreich zu beobachten, wo Kiefer besonders viele Verehrer hat: Als Präsident Macron persönlich dafür sorgte, dass der deutsche Künstler im Pantheon als Allerheiligstem der Nation Vitrinen mit Blumen aus Stacheldraht und abgelegten, aschebestreuten und an Deportationen erinnernden Kinderkleidern installierte, raunte es sofort „Symbolkitsch!“ von jenseits des Rheins. Dabei wird doch gerade Kiefer das erd- und bleischwere Dauerraunen und Heideggern zugeschrieben.

Ein Missverständnis, wie sich nun in der Kunsthalle Mannheim anhand Dutzender seiner Arbeiten aus über dreißig Jahren zeigt. Tatsächlich kann Material Symbolik transportieren oder erzeugen, nicht jedoch per se Kitsch. Die Metaphern mögen vielen zu groß sein - die vier Säle der Schau sind dichotomisch „Gott & Staat“, „Mann & Frau“, „Tod & Stille“ und „Himmel & Erde“ übertitelt - verboten kann es einem Künstler nicht sein, sich mit letzten, metaphysischen Dingen und den alten Mythen der Menschheit, die sich im Kern doch ähneln, auseinanderzusetzen. Zumal Kiefer stets neue Metaphern aus seinen bevorzugten Arbeitsmaterialien schnitzt. Und selbst wo er vorhandene Materialsymbolik nutzt, erweitert er diese immer auf bislang ungekannte Weise.

Diese metaphorischen Transmutationen signalisiert Kiefers Lieblingsmaterial Blei überdeutlich. Natürlich ist es kein „leichtes“ Material - in der Renaissance wurde es, der Melancolia zugeordnet, von der Alchemie geliebt, und so bringt Kiefer seine Bleibilder oft genug alchemistisch mittels Säure und Elektrolyse zum „Glimmen“. Von bleierner Schwere spricht, wer versucht, den lastenden Alp von Träumen, extremer Ermattung oder lockdownhaften Gefühlen der Unentrinnbarkeit zu beschreiben. Zugleich aber ist Blei ein quecksilbriges Material von erstaunlicher Wandelbarkeit, das trotz seiner Weichheit den größten Steinkonstruktionen der Menschheit Halt verleiht - der höchste Kirchturm der Welt in Ulm würde ebenso wenig ohne Blei stehen wie irgendeine andere gotische Kathedrale.

Wenig verwunderlich daher, dass sich Kiefer einen Teil der alten Bleideckung des Dachs des Kölner Doms verschafft hat, um diese in „Die große Fracht“ von 1981/96 unter anderem in ein mächtiges Flugzeug zu verwandeln. Als solches kann es Atombomben abwerfen, aber auch Wasser zum Löschen von Waldbränden, genauso wie Menschen und eben lebensnotwendige „Fracht“ an ihr Ziel bringen. Eine weitere Bedeutungsebene des Bleis entfaltet Kiefer in der erstmals gänzlich aufgebauten Installation „Der verlorene Buchstabe“: Einer alten Druckmaschine im Zentrum entsprießen gigantische Sonnenblumen und Bleilettern, überall liegen aufgeschlagene Bleibücher umher, die im Querschnitt wie Schwalben aussehen - selbst die Beflügelung der Gedanken durch Bücher, jahrhundertelang ja auch mit Blei gedruckt, kann das tellurische Metall ausdrücken.

Kein Historienmaler, eher ein Poet

Und auch Kiefers stark skandalisierte Arbeit „Volkszählung“ aus zumindest der Aufschrift nach „sechzig Millionen“ in Bleiplatten und Röhren eingegossenen Erbsen, die eine nach dem Gemüse benannte Zählung aller damaligen Bundesbürger im Jahr 1987 kritisiert, gibt dem Blei neue Bedeutung. Scheint die naheliegende Assoziation angesichts des bedrohlichen Gehäuses um die eingereihten Erbsenplatten eher die der Bleikammern Venedigs, in denen Menschen in Isolationshaft gefangen gehalten wurden, spreizt die Arbeit den Assoziationsrahmen mühelos aus auf den bleiernen RAF-Herbst 1977 mit daraus resultierender Installation der Rasterfahndung und damit den Beginn versucht lückenloser Erfassung. Kiefer aber wäre nicht der begnadete Neo-Metaphorist, der er ist, würde er nicht diese düsteren inneren Bildern von Blei mit einem Silberstreif versehen (die feine Ironie des Künstlers ist vermutlich sein bestgehütetes Geheimnis): Auf das Dach dieser erbsenzählerischen Staats-Bleikammeralistik setzt er eigener Aussage zufolge den „Leviathan“ in Lindwurmform. Weil der biblische Leviathan aber seit dem gleichnamigen Buch der frühmodernen Staatslehre Thomas Hobbes’ von 1651 in Gestalt eines riesigen Regenten mit Hunderten von Staatsbürgerlein als Leib dargestellt wird, zeigt das surreale Bild des Kiefer’schen Leviathans mit kleinem Schlangenkopf oben und sechzig Millionen Erbsenbürgern darunter die ganze Absurdität dieser Volkserfassung.

Vielleicht stammt diese sich fein verästelnde Metaphorizität Kiefers vor allem aus der Literatur, von der er sich immer hat befeuern lassen. Seine Werke sind selbst Meisterzählungen, mit allen Vor- und Nachteilen dieser Form. Um Unbegreifliches verbildlichen zu können, generalisiert er. Abstrakte Größen wie andauernde Kriege in der Menschheitsgeschichte, genozidale Gewalt und andere Zivilisationseinbrüche erscheinen bei ihm deshalb als mystische Naturgewalten, weil tatsächlich niemand eine Erklärung für sie hat.

Möglicherweise ist dies der größte Irrtum in Bezug auf Kiefer: die Annahme, er sei ein moderner Historienmaler. Dazu geht er in der Tradition Walter Benjamins viel zu „zeitkontinuumsprengend“ vor. Wenn überhaupt, schafft er mythische Bilder der Geschichte der Moderne - in all ihren Schrecken und Irrtümern. Wer offen dafür ist, erspürt die Stimmungen der Werke auch ohne Lektüre der Kabbala oder anderer okkulter Schriften, selbst wenn die Bleibücher in den Werken meist geschlossen sind. Seine installative Malerei setzt dem unaufhaltsamen Geschichtsfluss der Zeit schon durch die Materialien Bremsendes entgegen; sie ist weniger von konkreter Historie inspiriert als von großen Mythen-Umdichtern wie Ingeborg Bachmann, Paul Celan oder Gabriel García Márquez mit seinem Roman „Hundert Jahre Einsamkeit“.

Bleibt die Frage nach der Monumentalität seiner Werke. Die den Saal „Tod & Stille“ nahezu ganz durchquerende Installation „Palmsonntag“ mit ihrer naturnah imitierten, wie „gekreuzigten“ Palme ist vierzehn Meter lang, das im Treppenhaus der Kunsthalle fest installierte Bleiwellen-Relief „Sephirot“ wiegt bei neun Meter Höhe dreitausend Kilogramm, das im vierten Saal abschließende und bekrönende Bild „Der fruchtbare Halbmond“ von 2010 dürfte mit seinen fast fünf auf acht Meter Kantenlänge und einem Gewicht von fünfhundert Kilo das schwerste Gemälde der Kunstgeschichte sein. Denn gemalt, wenn auch meist nicht mehr mit dem Pinsel, sind die Bilder immer noch. Nur wirkt die teils über zehn Zentimeter dick aufgespachtelte Farbe im Fall des „Fruchtbaren Halbmonds“ wie gebaut: Hunderte von getrockneten Farb-Ziegeln bauen eine Zikkurat-Pyramide auf, um die lodernde Flammen schlagen. Wie alle großen Reiche muss auch die menschheitsalte Wiege der Kultur an Euphrat und Tigris fallen. Und im treppenhaushohen „Sephirot“ wird nach der sogenannten lurianischen Kabbala des Rabbi Isaak Luria aus dem sechzehnten Jahrhundert sogar die gesamte Schöpfungsgeschichte - nur eben aus einem neuen Blickwinkel - erzählt, mit beschrifteten Erdklumpen und Disharmonie von Anfang an durch zerbrochene Gefäße für die Menschen.

All das ist überlebensgroß, so dass oft der Vorwurf der Überwältigungsstrategie laut wird. Tatsächlich aber will man in diese Stoppelacker von Geschichtslandschaften mit dem Auge hineingehen können, den ausgebreiteten Teppich auch begehen, sich in den Bildern verlieren. Diese notwendige Monumentalität kommt in den lichten Hallen des 2018 eröffneten Neubaus der Kunsthalle mit den zusätzlich zum Foyer hin geöffneten Saaltüren zur Entfaltung, ohne überrumpelnd zu wirken. So und nur so kann es gelingen, Kiefer zu verstehen.

Anselm Kiefer. In der Kunsthalle, Mannheim; vorauss. Ostern bis 22. August. Zur Ausstellung ist eine kostenlose Broschüre erhältlich, ein Katalog mit den Ergebnissen des wissenschaftlichen Symposiums „Begriffe und Material in der Kunst von Anselm Kiefer“ folgt im Sommer.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Trinks, Stefan
Stefan Trinks
Redakteur im Feuilleton.
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