<iframe title="GTM" src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Hans Hartung in Paris

Das beste Mittel, um den Tod zu besiegen

Von Bettina Wohlfarth
 - 21:40
Ohne die typische Titulierung und Numerierung: Gouache von Hans Hartung aus dem Jahr 1940zur Bildergalerie

Hans Hartungs intensives Schaffen mit fünfzehntausend Werken hat seinem Nachleben nicht nur gutgetan. Auf Kunstmessen und in teuren Sekundärmarkt-Galerien hängen seine Gemälde, fast zu einer dekorativen Künstler-Marke degradiert, an allzu zahlreichen Wänden. Es ist an der Zeit, dem deutsch-französischen Maler einer expressiven, lyrischen Abstraktion auf den Grund zu gehen, und seine wie besessene Suche nach der Emotion von Licht, Farbe und der malerischen Geste in den kunsthistorischen Kontext des zwanzigsten Jahrhunderts zu stellen.

Hartung hat es als bedeutender Wegbereiter der Abstraktion nahezu ganz durchquert. Bislang sind in Ausstellungen immer wieder Teilaspekte seiner Arbeit beleuchtet worden, wie im vergangenen Jahr im Kunstmuseum in Bonn, wo der Schwerpunkt auf die zweite Lebenshälfte gelegt wurde. Ansonsten gab es 1969 und 1980 Retrospektiven in Paris oder 1975 in Berlin – notwendig unvollständig, denn der Maler lebte noch. Nun zeigt das Pariser Museum für moderne Kunst, das gerade neu gestaltet wiedereröffnet hat, die erste komplette Retrospektive. Mit dreihundert Arbeiten und hundert Archivdokumenten, von der „Fondation Hartung-Bergman“ in Antibes mit zahlreichen Exponaten unterstützt, bietet sie eine intensive Reise durch Leben und Werk, auch einen aufschlussreichen filmischen Einblick in sein Atelier.

Nachahmung, nur etwas anders

Wie wichtig, sogar ausschlaggebend das Licht für den 1904 in Leipzig geborenen Maler gewesen ist, wird in dieser Ausstellung bewusst. Die Phänomene des Lichts und seiner Reflexe faszinieren ihn schon als Jugendlichen. Er bemalt die Seiten ganzer Schulhefte mit Gewitterblitzen – „Blitzbücher“ werden sie von seinem Vater genannt – und bastelt ein Teleskop, um den Himmel zu untersuchen. Mit seiner ersten Kamera fotografiert er den Mond. Licht ist bei Hans Hartung mit tiefer Emotion verbunden.

Ein Leben lang wird er mit dem Fotoapparat Lichtreflexe und motivische Strukturen im Bildraum einzufangen suchen. Die Fotografien von Wolken, schillernden Wasserflächen oder den im Nachtlicht gleißenden Wasserstrahlen eines aufschießenden Springbrunnens geben ihm ein visuelles Repertoire von Mustern, Formen und dynamischen Linien. Die Hartung-Stiftung in Antibes bewahrt 35.000 Negative auf. Die hochkreative Zeit nach dem Ersten Weltkrieg prägt den angehenden Maler nachhaltig. In den ersten, noch figurativen Ölgemälden der zwanziger Jahre zeigen sich Anspielungen an expressionistische Künstler wie Franz Marc, Wassily Kandinsky oder Oskar Kokoschka.

Hartung bewundert große Meister wie Rembrandt und kopiert Goya in einer groben, aber das Licht besonders herausarbeitenden Farbfeldtechnik. Mit achtzehn stellt er sich in einem Selbstporträt mit übermütiger Selbstsicherheit dar. Noch im selben Jahr 1922 löst sich Hartung, zunächst noch experimentierend, von der Figuration und betreibt expressive Farbstudien in Aquarell oder zeichnet wenig später abstrakte Formen auf kleinformatige Blätter. 1926 geht Hartung zum ersten Mal für längere Zeit zum Studium nach Paris. Dort lernt er die norwegische Malerin Anna-Eva Bergman kennen. Die beiden heiraten, lassen sich zehn Jahre später scheiden und heiraten 1959 ein zweites, nun definitives Mal.

Von Deutschland abgewandt

In den dreißiger Jahren begründet Hans Hartung ein abstraktes Formen- und Strukturen-Vokabular mit kubistischen Einflüssen. Eine Hierarchie von Form und Bildraum gibt er endgültig auf. In Paris trifft er Alexander Calder oder Juan Miró und befreundet sich besonders mit dem Bildhauer Julio González. Mit Anna-Eva Bergman lebt er in Frankreich und Norwegen, gemeinsam bauen sie ein Haus auf Menorca. Dann reist Hartung wieder nach Berlin, setzt sich jedoch nach einem Gestapo-Verhör definitiv nach Paris ab. Die Kriegsjahre sind für den deutschen Maler eine Zeit zehrender Irrfahrten und der Flucht, mit Internierungen und einem notgedrungenen Beitritt zur Fremdenlegion. Wenn immer es ihm möglich ist, malt er weiter. 1944 engagiert er sich in der französischen Befreiungsarmee und verliert bei einer Bombenattacke ein Bein.

Hartung ist von Anfang an ein Künstler der Bewegung, der die intuitive, emotionale Malgeste kultiviert und Farbfelder mit oft schwarzen, kalligraphischen Motiven in Dialog setzt. Der treffliche Untertitel „Die Fabrik der Geste“ der von Odile Burluraux kuratierten Ausstellung spielt auf die Ambivalenz von Hartungs Maltechnik an. So unmittelbar dahingeworfen seine Gemälde erscheinen, so sehr sind sie durchdacht und aus einer gewissermaßen fabrizierten Geste heraus entstanden. Denn bis zum Ende der fünfziger Jahre arbeitet er mit dem Rasterverfahren.

Seine Gemälde sind das Ergebnis einer präzisen, vergrößernden Übertragung von spontanen Vorzeichnungen auf die Leinwand. Auch auf Andy Warhols Factory nimmt der Titel Bezug. Mit dem wachsenden Erfolg, der sich nach dem Krieg einstellt – Hartung geht nie wieder nach Deutschland zurück -, begründet der Künstler eine fabrikartige Atelierproduktion. Er umgibt sich mit Assistenten, die bei den Arbeitsprozessen mithelfen und sein umfassendes Werk aus Gemälden, Pastellen, Zeichnungen, Fotografien, aber auch Keramik oder Druckgrafik systematisch dokumentieren.

Keine Methode war zu kurios

In den fünfziger Jahren wird Hartung als Vorläufer der abstrakten Avantgarde-Bewegungen „Informel“ und „Zweite Schule von Paris“ gefeiert, die die geometrische Abstraktion ablehnen und ihr das Prinzip der Formlosigkeit, den gestischen Ausdruck und Emotionalität entgegensetzen. Für ihn sei die Lust zu leben mit dem Drang zu malen identisch, erklärt Hartung in seinem memoirenähnlichen „Selbstporträt“. Ohne Unterlass experimentiert er mit neuen Techniken. In den sechziger Jahren gibt er das kopierende Rasterverfahren vollends auf.

Im Pariser Atelier verwendet er die neue Farbscala industrieller Vinyl- oder Acrylfarben, greift zu Pressluftpistolen, um sie aufzusprühen. Dann entwickelt er eine Ritztechnik, indem er mit einem Rebmesser auf der feuchten Farbe kratz-zeichnet und in den Linien den hellen Untergrund aufscheinen lässt. Faszinierend ist hier, wie diese Technik Licht in seine Gemälde zaubert, Turbulenzen, Witterungen und Stimmungen entstehen lässt. 1973 baut er mit Anna-Eva Bergman ein Atelierhaus in Antibes, in dem auch die Assistenten wohnen und das heute die Hartung-Bergman-Stiftung beherbergt.

Sein Spätwerk zeugt von einem energischen, wie befreiten Bezug zur Leinwand. Er entlehnt den Handwerkern ihre Spritzgeräte für Putz oder verwendet breite, grobe Malbürsten. Mit einem rundgebundenen Feger aus Ginsterzweigen, der in Farbe getunkt wird, peitscht er seine Gemälde regelrecht. Noch im letzten Lebensjahrzehnt wachsen die Formate zum Monumentalen. Er bearbeitet die Leinwand mit einer Explosion der Farben und Lichtstimmungen. Malen sei das beste Mittel, um den Tod zu besiegen, bekennt Hartung. Am Ausgang hängt sein letztes Gemälde aus dem Jahr 1989. Darin sprüht eine geheimnisvolle rot-schwarze Lebensenergie.

Hans Hartung. Im Musée d’Art Moderne im Palais de Tokyo, Paris; bis zum 1. März 2020.
Der Katalog auf Französisch kostet 44,90 Euro.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenErster WeltkriegAntibesBerlinParis