John Miller in Berlin

Roter Teppich für Kartoffeln

Von Georg Imdahl
Aktualisiert am 13.08.2020
 - 14:37
Untitled, 1987. Acrylic on canvas. Courtesy of the Artist & Meliksetian Briggs, Los Angeleszur Bildergalerie
Komplexer Kitsch gegen die Krise: John Miller füllt den Schinkel Pavillon Berlin mit einer gold-braunen Installation. Es ist seine erste Rückschau in Deutschland.

Der Mann mit dem imposanten Bizeps weint bitterlich, ein ganzes Handtuch hält er in sein Gesicht, während er die Tränen fließen lässt. Wer von dem Bild des Afroamerikaners im Entree dieser Ausstellung empfangen wird, versteht das wohl zwangsläufig als Geste der Empathie mit der Black-Lives-Matter-Bewegung – und hält sich nicht länger mit Fragen über die eher bescheidene Qualität der Malerei auf. In der Retrospektive von John Miller im Berliner Schinkel Pavillon trifft man dann aber auf weitere weinende Menschen auch weißer Hautfarbe, die ihre Bestürzung, worüber auch immer, nicht verbergen können. Auch sie sind schier verzweifelt und wiederum in einer, wohlwollend gesprochen, naturalistischen Manier gemalt, die man sich versierter vorstellen kann.

Miller hat diese Momentaufnahmen vor mehr als zehn Jahren gemalt, sie entstanden nach amerikanischen Reality-TV-Shows, in denen Bürgerinnen und Bürger jeglicher Couleur ihr Leben vor den Augen der Öffentlichkeit ausbreiten, sich damit aber auch vorführen und bloßstellen lassen, womit der in New York und Berlin lebende Künstler einen medialen Zynismus bespiegelt, der in die Mitte der modernen Mediengesellschaft zielt – letztlich auf uns alle, nicht auf einzelne Gruppen. Insofern kommentiert er mit der mäßigen Güteklasse der Malerei auch einen kümmerlichen sozialen Status quo. „A Holiday in Other People’s Misery“ nannte Miller seine sarkastische Werkreihe von 2009.

Dann hängt da, einige Schritte weiter, eine große, braune Kugel von der Decke, sie ist mit vielen kleinen Figürchen bevölkert und löst wiederum einen assoziativen Reflex aus: Genauso sieht doch, von Ferne betrachtet, das Coronavirus aus. Klar – die ganze Welt ist hier dargestellt in der Pandemie. Aber auch dieses Werk hat mit der globalen Misere der Gegenwart ursächlich nichts zu tun, Miller schuf seine „World Without End“ im Jahr 1989, vielleicht als Reaktion auf das Ende des Eisernen Vorhangs, nicht aber im Blick auf eine Welt im Klammergriff der Seuche.

Haben wir nicht aber gelernt, dass relevante Kunst vieldeutige Bilder erschafft, die von jeder Generation neu gelesen und ausgelegt werden müssen? Eigentlich schon, doch dann sind wir sehr nahe an einem Verständnis von Kunst als Hochkultur, der die zeitgenössische Kunst reserviert gegenübersteht und sich zumindest nicht dem Verdacht aussetzen will, einen klassischen Kanon fortschreiben zu wollen. So auch der 1954 in Cleveland im Bundesstaat Ohio geborene Künstler, Autor und Musiker, und unter der ominösen Kugel in einem wenig appetitlichen Braun (das sozusagen auf das Gegenteil von Schokolade anspielt) lautet die Losung denn auch klar und plakativ: „NO“. Als begehbarer Teppich liegen die beiden Buchstaben in Versalien zu Füßen; mit dem kategorischen Nein zitiert Miller ganz unverblümt ein Künstlerkollektiv der sechziger Jahre aus New York namens „No!Art“, das die Kunst der Negation pflegte – und 1964 sogar mit einer in Künstlerkreisen vielbeachtete „Shit Show“ auf sich aufmerksam machte.

An ebendiese Zeit knüpft Miller mit seiner Kunst an: Seine Werke beschreiben gesellschaftlich-ökonomische, auch ökologische Konfliktlinien, die sich verschieben, annähern und kreuzen, die flexibel lesbar bleiben. Zugleich sucht Miller konsequent die Komplizenschaft mit allem, was in den vergangenen rund fünfzig Jahren dazu beigetragen hat, einen hehren Begriff von etablierter Kunst auf intelligente Weise auszuhöhlen oder neu zu kodieren. Ebendarum wird er als Künstlerkünstler geschätzt. Die Sechzigerjahre sind sein Kanon, hier finden sich seine Klassiker, mit denen er ein ständiges Zwiegespräch führt.

Die sehenswerte Berliner Rückschau auf sein OEuvre, die erste in Deutschland, hätte einen größeren institutionellen Rahmen verdient, bezeugt andererseits aber, wie ergiebig auch eine kleinere Ausstellung ausfallen kann. Miller hat sich mit den Jahrzehnten als Meister einer Wegwerfkultur erwiesen, für die er in Malerei, Skulptur und Objekt eine ziemlich unverwechselbare Fäkalsprache entwickelt hat.

Mit jenem Braun, in das der Sohn eines Farbenhändlers viele seiner Werke taucht, beruft er sich auf Freud und dessen Ansicht, im infantilen Interesse an den Exkrementen verberge sich ein späteres Movens der Kunst. Mal formt er es zu abjekten Klumpen, dann überzieht und versiegelt er damit Gebrauchsartikel in neurotischen Assemblagen. Avantgarde und Alltag, Komplex, Krise und Kitsch gehen bei Miller stufenlos ineinander über, bei aller Drastik in der Kritik an sozialer Schieflage, Doppelmoral und Degeneration schwingt er keinen so schweren Holzhammer wie etwa ein Paul McCarthy, vielmehr spielt er mit den künstlerischen Gattungen, wenn er zum Beispiel täglich just zu jener Mittagszeit fotografiert, die vom Licht her betrachtet als eher ungünstig gelten.

Oben im Pavillon liegt ein knallroter Läufer aus, zu dem Miller nach eigenem Bekunden die SPD inspiriert hat – ein solcher Teppich war einst Gerhard Schröder bei einem Besuch der Berliner Kunst-Werke ausgerollt worden, ein Erlebnis, an das Miller nun mit einer Kartoffel als deutscher Insignie erinnert, für die er ein Loch in den Teppich geschnitten hat. Im Belvedere inszeniert er eine Ruinenlandschaft mit pseudoantikem Säuleninventar grell in Gold, um damit seinem Markenzeichen Braun selbst etwas ähnlich Penetrantes entgegenzusetzen. Als Fragment trifft man unter anderen Bruchstücken auf die Granitschale aus dem Lustgarten vor dem Alten Museum, die Hitler als Kulisse seiner Propaganda diente. Miller will dies als Hinweis verstanden wissen, wie geschichtliche Hinterlassenschaften politisch überschrieben werden können. Es ist aber auch ein Wink mit dem Zaunpfahl auf das Wiedererstarken von historischen Ungeistern in der deutschen Gesellschaft.

John Miller: An Elixier of Immortality. Im Schinkel Pavillon, Berlin; bis zum 13. Dezember. Eine Broschüre mit Werkbeschreibungen des Künstlers ist erhältlich.

Quelle: F.A.Z.
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