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Documenta-Tagung in Jakarta

Pläne planen

Von Marco Stahlhut, Jakarta
 - 21:52
Neun der elf Kuratoren der Documenta 15 des Künstlerkollektivs ruangrupa: Reza Afisina, Indra Ameng, Farid Rakun, Daniella Fitria Praptono, Iswanto Hartono, Ajeng Nurul Aini, Ade Darmawan, Julia Sarisetiati und Mirwan Andan.

Etwas habe sie immer noch nicht verstanden: Warum ruangrupa? Gäbe es außer dem Punkt, dass ruangrupa gut vernetzt sei, irgendwelche anderen Argumente dafür, gerade sie für die Leitung der nächsten Documenta auszuwählen? So die erste Publikumsfrage einer jungen Indonesierin im gutbesuchten Goethe-Institut Jakarta, nachdem zwei deutsche Gäste die Geschichte der Documenta vorgestellt hatten. Sabine Schormann, die neue Generaldirektorin, und Ute Meta Bauer, Ko-Kuratorin der Documenta 11, waren nach Indonesien gekommen, um die Kasseler Welt-Kunst-Ausstellung einem größeren Publikum nahezubringen. So viel vorweg: Die Frage „Warum ruangrupa?“ blieb weitgehend unbeantwortet.

Auf die Frage nach ruangrupas „Plan“ sagte das Gruppenmitglied Mirwan Andan, man habe den Plan, einen Plan zu entwickeln. Das klingt charmant, bis man sich daran erinnert, dass sich Interessenten für die künstlerische Leitung der Documenta mit einem Konzept bewerben müssen. Generell ging es in Jakarta weniger um Fragen von Kunst und Ästhetik als um Politik und Visionen einer besseren Gesellschaft. Das ist prinzipiell nicht neu. Seit Harald Szeemann und der Documenta 5 von 1972 hat in Kassel ein erweiterter Kunstbegriff dominiert, der Kunst hauptsächlich als Medium gesellschaftspolitischer Intervention sieht. Das galt nicht zuletzt auch für die Documenta 11 (2002) unter Okwui Enwezor, mit dem zum ersten Mal ein Nichteuropäer Kurator wurde. Aber wer wenig von Kunst redet und viel von Gesellschaft, muss sich nach dem Realitätsgehalt seiner Überlegungen fragen lassen. In den Beiträgen der Generaldirektorin klang wiederholt durch, die kollektive Arbeitsweise ruangrupas als solche sei als Vorbild für neue soziale Formen zu verstehen. Tatsächlich ist ruangrupa durchaus typisch für indonesische Künstlergemeinschaften, und zwar nicht zuletzt in zwei problematischen Aspekten: Erstens gibt es in den vielen Kunstkollektiven des Landes fast immer einen, zwei oder drei Männer, die das Sagen haben; so auch bei ruangrupa. Zweitens sind die verschiedenen Gruppen untereinander fast immer stark zerstritten. Wenn diese Situation ein Vorbild für die Gesamtgesellschaft sein sollte, dann für eine tribalistische Gesellschaft mit Alphamännchen an der Spitze.

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„Non-formal education“, informelle Ausbildung, ist ein weiteres Hauptanliegen ruangrupas, weswegen ihr Projekt im heimatlichen Jakarta den Namen „Gudskul“ trägt. Informelle Ausbildung soll auch eins der Leitthemen der kommenden Documenta 15 sein. Ins Goethe-Institut hatte das Kollektiv verschiedene indonesische Initiativen eingeladen: die Vertreterin einer mobilen Leihbücherei aus Sulawesi, ein Mitglied einer kostenlosen Fotografieschule aus dem armen Papua, ein privates Institut für Kulturwissenschaften aus Java und einen Theatermacher, der mit traumatisierten Indonesiern arbeitet. Dass diese zivilgesellschaftlichen Initiativen zu erheblichen Teilen deswegen nötig sind, weil der indonesische Staat seine Aufgaben nicht überall ausreichend wahrnimmt, spricht nicht gegen sie. Aber darüber nachdenken könnte man schon, wenn einem das Soziopolitische denn so wichtig ist. Und wer für informelle Ausbildung plädiert, müsste dringend reflektieren, welche Schutzmechanismen formal organisierte Ausbildungsstätten bieten: hinsichtlich einer Qualitätskontrolle, aber auch gegen ökonomische und sexuelle Ausbeutung. Es ist ja nicht so, als hätte es die Missbrauchsgemeinschaft des Wiener Aktionskünstlers Otto Muehl und andere Beispiele dieser Art nie gegeben.

Schließlich: Dass in Jakarta so viel vom Potential künstlerischer Praxis für eine Veränderung der Gesellschaft die Rede war, ohne das Thema Religion auch nur zu erwähnen, ist bizarr. Die ultrakonservative Wende des Islams schränkt das Leben von Frauen, Schwulen und Lesben, religiösen Minderheiten und moderaten Muslimen nicht nur in Indonesien zunehmend ein. Visionäre, sollte man meinen, müssten solche Prozesse im Auge haben. Das alles macht noch keine schlechte Documenta 15. Hier wird alles von dem kuratorischen Team abhängen, das ruangrupa zusammenstellt. Für die Zukunft aber eine Idee: Wenn der Kunstmarkt den Fetischismus einiger weniger großer Namen zelebriert, während wichtige Teile des Ausstellungsbetriebs hartnäckig auf die unbelegte Schlagkraft engagierter Kunst setzen, wäre dann nicht vielleicht eine Rückbesinnung auf Kunst, der es primär um sich selbst geht, der eigentlich subversive Akt?

Quelle: F.A.Z.
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