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Kunsthistoriker Suckale tot

Enzyklopäde der Form

Von Stefan Trinks
Aktualisiert am 18.02.2020
 - 16:13
Stets origineller, ostpreußischer Charakterkopf: Robert Suckale (1943-2020).
Vom Frühmittelalter bis zum Comic: Kaum ein Thema der Kunstgeschichte, zu dem Robert Suckale nichts Kluges sagen konnte. Nun ist der universell gebildete Mediävist mit siebenundsiebzig Jahren in Berlin verstorben.

Es wird geschätzt, dass Kunsthistoriker rund dreißigtausend mit Daten gekoppelte Bilder im Kopf abrufbar haben. Bei dem 1943 in Königsberg in Ostpreußen geborenen Robert Suckale müssen es erheblich mehr gewesen sein. Ein einmal gesehenes Bild vergaß er nie mehr. Einst an einem sonnigen Samstag auf ein sehr vertracktes ikonographisches Problem im Garten, nicht mit seiner Handbibliothek im Rücken, angesprochen, antwortete er, von der Krankheit schon gezeichnet aber ohne eine Sekunde des Zögerns, man solle doch einmal in den Münchner Codex Clm 4454 auf Folio 41 recto schauen. Die Stelle stimmte; es war die Lösung.

Auch in Bamberg, seiner ersten akademischen Station, kannte er buchstäblich jeden Stein, wie er eindrucksvoll in einem Aufsatz zu den Bamberger Domskulpturen bewies, in dem er erstmals die Rückseiten der berühmten Schilfsandsteinfiguren der Kathedrale auf Material, Versatz- und Farbspuren untersuchte, und nachweisen konnte, dass sie subtilst geformte und bemalte bunte Götter und Heilige waren. Nach den Bamberger achtziger Jahren wechselte er 1990 an die Technische Universität Berlin, nicht zuletzt aufgrund der auch dort engen Verbindung von Kunstwissenschaft, Baugeschichte und Denkmalpflege, mit der er schon zuvor in Bamberg spektakuläre Ergebnisse erzielen konnte.

Er schrieb die Bibel der gotischen Architektur

Promoviert bei Wolfgang Braunfels in München mit einer Arbeit über die Madonnenfiguren der Île-de-France hat Robert Suckale mit dieser immer am Material orientierten Sachkenntnis der Kunst des Mittelalters im gesamten europäischen Raum fundamentale Forschungsergebnisse hervorgebracht, die das Bild dieser Epoche markant verändert haben. Hierzu gehörte seit seiner Promotion die positive Bewertung von künstlerischen Reihen, die er aus der negativen Aura der Reproduktion in die positive Bestimmung der vervielfältigten Formen überführte. Vor diesem Hintergrund vermochte er Formwanderungen zu verfolgen, die in einer Zeit, in der die Mauer noch nicht gefallen war, das Bewusstsein dafür schärften, dass die mittelalterlichen Künstler nationale Grenzen, und dies insbesondere in Mittel- und Osteuropa, kaum beachteten.

Sämtliche Gattungen der Kunst analysierte er mit einer beeindruckenden Kennerschaft, von der Buchmalerei über die Skulptur bis zur Architektur. Seine zahlreichen Untersuchungen über die Architektur der Gotik mündeten in jene Publikation, die, gemeinsam mit Dieter Kimpel verfasst, 1985 in einer ersten und zehn Jahre später in einer stark revidierten Fassung erschien, die "Geschichte der gotischen Architektur in Frankreich" auf derart umfassende Weise entfaltete, das sie unter Studenten fortan ehrfürchtig nur noch „die Bibel“ genannt wurde. In dieser Gotik-Bibel gelang es ihm, die architektonischen Formen mit komplexen historischen Bestimmungen zu verbinden, ohne die Autonomie der Gestalt preiszugeben.

Eines der Entwicklungsmodelle Suckales war dabei jene Theorie der Generationen, die der Kunsthistoriker Wilhelm Pinder in der Zeit der Weimarer Republik mit starken Auswirkungen auf die Wissenssoziologie begründet hatte. Dieser Umstand führte Suckale zu einer kritischen Revision der Wissenschaft, die, deutlich von den Impulsen der Zeit um 1970 geprägt, hierin einen besonderen Charakter besaß, dass sie die schematische Ausblendung früherer Ansätze der Forschung vor 1945 nicht mitvollzog. Großartige Anregungen vermitteln auch kleinere Arbeiten Suckales, so etwa die Analyse von Claude Monets Serie der Belichtungen der Kathedrale von Rouen während des Tageslaufes der Sonne.

Mächtige Frauen, bayrisches Berlin, aber keine „deutsche“ Kunst

Bedeutend war seine Arbeit zu den Frauenklöstern und Damenstiften vor allem der Ottonen, die dem modernen Märchen, die Frauen seien in früheren Epochen über den Status potentieller Opfer nicht hinausgekommen, mit reichem Material über die beträchtliche Macht von Frauen widersprach. Von einem kritischen Impuls ist auch seine bedeutende Gesamtdarstellung der Kunst in Deutschland von Karl dem Großen bis in die Gegenwart bestimmt, die, um keinem nationalen Kurzschluss zu verfallen, nicht etwa die „deutsche“ Kunst, sondern die "Kunst in Deutschland" behandelte. Sie beginnt mit dem Beispiel des heutigen Potsdam-Babelsberger „neo-slawischen“ Stadtteils Nowawes, einer Gründung Friedrich des Großen für glaubensverfolgte böhmische Weber und endet mit der ohnehin internationalen Moderne in Deutschland, namentlich des Bauhauses.

Zu wenig gewürdigt worden ist seine grundlegende Untersuchung zur "Hofkunst Kaiser Ludwigs Bayern", die möglicherweise erst jetzt, im Rahmen einer überregionalen Sensibilität, ihre Wirkung entfalten könnte – wer hätte auch vor dem Buch daran gedacht, dass Berlin und Brandenburg lange Jahre unter Ludwig bayrisch waren?

Mittelalterliche Bild-Montagen und Wolkenkratzer

Die Auswahl von Aufsätzen zur mittelalterlichen Kunst, wie sie die Publikation "Stil und Funktion" von 2003 enthält, setzt mit jenem bis heute standardmäßig zitierten Artikel ein, der, bereits im Jahr 1977 verfasst, die Zeichenhaftigkeit mittelalterlicher Bilder der Arma Christi mit dem Kompositionsprinzip moderner Montagebilder in Parallele brachte. Hier ging es um die Frage nach dem Zusammenhang von Körper, Haut und Bild, um die Reproduzierbarkeit der Kunst und um die überhistorische Geltung der Lehre, dass vom Detail her das Wesen einer Person oder eines Glaubensinhaltes zu erschließen ist.

In der Lehre hat Robert Suckale die Moderne systematisch mit einbezogen, so etwa in seiner legendären Vorlesung zur Geschichte der Wolkenkratzer, die er nach einer Reise in die Vereinigten Staaten spontan statt seiner Veranstaltung über die gotischen Kathedralen hielt und die mit der überraschenden Feststellung einsetzte, dass im Chicago des neunzehnten Jahrhunderts zeitweise 34 deutschsprachige Zeitungen erschienen, so dass die Stadt auch deshalb als San Gimignano der Neuzeit ein Magnet für Architekten wie den Thüringer Dankmar Adler und den Österreicher Adolf Loos werden konnte.

Während der Jahre in Bamberg und Berlin erfolgten ehrenvolle Einladungen an die Harvard University, die Bibliotheca Hertziana in Rom und das Institute for Advanced Studies in Princeton. Unter den Berufungen in akademische Institutionen ragt die Aufnahme in die American Academy of Arts and Sciences und die Ehrendoktorwürde des Courtauld Institute in London heraus.

Aufgrund seiner Krankheit musste er im Jahr 2004 in den Ruhestand wechseln, was seinem forschenden Elan jedoch keinen Abbruch tat; seine große Schülerschaft, die über hundert Dissertationen von der Spätantike bis zur Geschichte des Comic hervorbrachte, hat er jedenfalls weiterhin zusammen mit seiner Frau aufopferungsvoll betreut.

Dass er diese Breite auch selbst lebte und nie nur Mittelalterforscher war, erweist vor allem sein erstaunlicher Münchner Habilitationsvortrag zu Paul Klee: Durch den Vergleich dreier Werke innerhalb einer Motivgruppe - der Schiffe - innerhalb eines Schaffensjahres Klees wollte er hier zeigen, wie diese als „Serie“ zusammenhängen, indem er nachweist, wie Klee immer an künstlerischen Formfragen interessiert war, dabei also künstlerische Mittel selbst wie Rhythmus, Farbe und Licht sowie Materialstruktur und Faktur befragt. Bedauerlich, dass diese im besten Sinne bildwissenschaftliche Grundlagenstudie, an deren Veröffentlichung er solange arbeitete, wie seine Kräfte es erlaubten, nun wohl nicht mehr erscheint. Am 13. Februar ist Robert Suckale in Berlin an den Folgen seiner schweren Krankheit gestorben.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Trinks, Stefan
Stefan Trinks
Redakteur im Feuilleton.
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