Eingesperrt als Performance

Kalter Lockdown in Manhattan

Von Georg Imdahl
24.02.2021
, 21:22
Für seine „One Year Performances“ ließ sich Tehching Hsieh von 1978 an fünfmal für je ein Jahr einsperren. Ein Gespräch mit dem taiwanischen Künstler über seine Erlebnisse in dieser Zeit.

Was später einmal „Durational art“ genannt werden sollte – eine Kunst der Dauer –, hatte der junge Taiwaner in New York zunächst einmal eine Woche lang ausprobiert. Dann realisierte er seine denkwürdige Performance in vollem Umfang, nämlich über 365 Tage hinweg. Dafür legte er in einem „Statement“ einige wenige, allerdings einschneidende Regeln fest und ließ diese sogar offiziös von einem Notar beglaubigen: Am 30. September 1978 würde er, Sam Hsieh, sich in seinem Atelier in Manhattan in einer Zelle aus Gitterstäben mit den Maßen 335 mal 275 mal 245 Zentimeter wegschließen und sie bis zum 29. September 1979 nicht verlassen. Zwar werde er, wie er eigens notieren zu müssen glaubte, jeden Tag „Nahrung erhalten“, ansonsten aber weder lesen noch schreiben, Radio hören oder Fernsehen gucken und sich auch mit niemandem unterhalten – nicht mit seinem Freund Cheng Wei Kuong, der ihn täglich mit Essen und Kleidung versorgen (sowie seinen Abfall entsorgen) würde, nicht mit dem Publikum, für das er alle drei Wochen samstags, jeweils sechs Stunden, sein Studio öffnen würde.

Jene verschärften Bedingungen seiner freiwilligen Einzelhaft, erzählt uns der 1950 in Taipeh geborene Künstler im Zoom-Gespräch, sollten seine kühne, durchaus legendär zu nennende Performance „nicht komplizierter, sondern klarer machen“. Was aber hatte den illegalen Einwanderer – erst in den achtziger Jahren erhielt er eine „Green Card“ – überhaupt in eine Isolation getrieben, die in den Menschenrechten Folter genannt würde? Eine gewisse „soziale Distance ist Teil meiner künstlerischen Praxis, sie gehört zu meinem Leben“, antwortet der in Brooklyn lebende Tehching „Sam“ Hsieh lakonisch: Künstlerische Existenz sei ohne Abgeschiedenheit sowieso nicht zu haben. Seine Motive beschreibt Hsieh mit der Metapher der Schiffsschleuse. Er wollte Kunst und Leben damals auf dasselbe Niveau heben. „Beide kamen bei mir auf diese Weise auf ein Level.“ Mit der Performance habe er sich eine Form „für freies Denken“ geschaffen. Tagsüber übte der stoische Proband seines eigenen Experiments verschiedene Gewohnheiten ein, um die Zeit zu beleben: In einer Ecke des winzigen Verlieses ging er „spazieren, das war für mich draußen“, in einer anderen schaute er auf den Boden, um dort immer wieder neue Bilder zu entdecken, während er die Pritsche zu „meinem Zuhause“ erklärte.

Was lehrt uns seine Kunst?

Einfach und klar dokumentierte Hsieh seine insgesamt fünf Ein-Jahres-Performances, in denen er sich später etwa verpflichtete, ausschließlich draußen zu leben oder, im Vorgriff auf ein Dasein im wörtlichen Modus „24/7“, zu einer jeden vollen Stunde eine Lochkarte in eine Stechuhr zu stecken. Während seines Lockdowns ließ er sich jeden Tag von seinem Kompagnon in seiner Zelle fotografieren. So können noch heute Ausstellungen an seine frühen Werke aus den Jahren um 1980 erinnern wie bei der Biennale in Venedig (F.A.Z. vom 14. Juni 2017) oder in diesem Jahr, ab kommendem August, im Moskauer „Garage Museum of Contemporary Art“.

Wenn Museen und mithin die Kunst in diesen Pandemie-Zeiten als systemrelevant oder gar überlebensnotwendig für die Gesellschaft reklamiert werden, dann müsste ein kalter Entzug von Alltag, Leben und, nicht zu vergessen, von jedweder Kultur wie Hsiehs erste „One Year Performance“ doch besonders aussagekräftig zu uns sprechen. Was also lehrt uns seine Kunst? Was sagt ihm selbst heute seine Kontaktsperre von der Außenwelt, vor dem Hintergrund der Covid-19-Krise – und worüber hatte er eigentlich konkret nachgedacht in der ganzen Zeit?

„Keine Kunst mehr, sondern Leben“

Das Virus zwinge die Menschen, „über das Leben nachzudenken und über Zeit. Über deine Zukunft, was du erwartest. Sie erfordert ein ,Big Thinking‘ über dein gesamtes Leben.“ So viel zu den Gemeinsamkeiten zwischen seiner über vierzig Jahre zurückliegenden asketischen Performance und der Gegenwart. Er sei seinerzeit aber freiwillig in die Isolation gegangen, „das ist etwas völlig anderes“. Es sei schon so, dass momentan viele Menschen in jenem Zustand lebten, „in dem ich künstlerisch arbeite. Mein Werk handelt davon, wie Zeit vergeht. Aber ich erzähle den Menschen nicht, wie sie das in ihrem Leben machen sollen.“ Oder was sie denken sollen. „Wie soll ich ihnen in ein paar Minuten sagen, was ich ein ganzes Jahr lang gedacht habe?“ Hsieh gibt die Frage zurück: „Wenn du etwas über meine Arbeit erfahren willst, denke selbst darüber nach! Was würdest du in dieser Situation denken?“

Tatsächlich greift es zu kurz, in Hsiehs Lockdown-Performance lediglich die Passion eines Künstlers in Märtyrerpose zu bestaunen. Man muss die Klarheit ihres Gedankens auf sich selbst münzen. Das Werk realisiert sich in der Rezeption – im Grunde bestätigt es damit einen Topos, den Umberto Eco in den frühen sechziger Jahren aufgebracht hat, als er das „offene“ Kunstwerk beschwor. Ohne gedankliche Aneignung bleibe seine One Year Performance in der Zelle „ein leerer Behälter“, bemerkt Hsieh. Die künstlerische Intensität geht hier jeder Bedeutung voraus; sie ist in der Einfachheit vieldeutig, in der Strenge komplex und lässt sich denn auch nicht einfach vereinnahmen. So wie man in ihr eine neomarxistische Metapher für den Generalstreik erkennen wollte, bringt man sie heute mit einer Pandemie zusammen und wird sie in zukünftigen Krisen in wiederum ganz anderen Kontexten erinnern.

Tehching Hsieh interessieren solche Bezüge weniger. Wichtiger ist ihm die Autonomie seiner Arbeit. In der Tat: Kunst lässt sich gedanklich aneignen, aber nicht aufs Leben anwenden. Ebenso naiv wäre es, alles, was seit Becketts „Warten auf Godot“ hervorgebracht worden ist, heute zur angesagten Kunst einer stillgestellten, heruntergefahrenen Zeit zu erklären. Zumindest so viel kann der Künstler Tehching Hsieh aus eigener Erfahrung beglaubigen: „Es hilft, frei zu denken.“ Sein künstlerisches Werk hat er vor rund zwanzig Jahren drangegeben, es sei übergegangen in eine Praxis, die er (kaum übersetzbar) „doing time“ nennt: Zeit schaffen. „Ich mache keine Kunst mehr, sondern Leben. Jeder macht das.“ Seinen Unterhalt bestreitet er mit einem asiatischen Lebensmittelladen in Brooklyn. Jeder Mensch ein Künstler, fällt einem dazu im Beuys-Jubiläumsjahr ein – ein Überlebenskünstler.

Quelle: F.A.Z.
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