Marianne Birthler kuratiert

Mauerabbau auf der Biennale

EIN KOMMENTAR Von Kolja Reichert
18.08.2017
, 14:22
Bei der Architekturbiennale in Venedig fungiert Marianne Birthler als Kuratorin. Das Motto lautet „Freespace“. Was wird die ehemalige Chefin der Behörde für Stasi-Unterlagen dazu beitragen?

„Freespace“ ist das Motto der nächsten Architekturbiennale von Venedig. Zu dem Thema, wenn man es Thema nennen kann, hat freilich schon der Deutsche Pavillon im vorigen Jahr einen Beitrag geleistet, mit unerhörten Durchbrüchen durch das historische Mauerwerk, die den Blick auf die Giardini und die Lagune freigaben. Nach dem Abbau der von Löwen-Gewinnerin Anne Imhof für die Kunstbiennale eingezogenen Glasbühne im November wird dann im kommenden Jahr, wenn man dem Bundesbauministerium glauben darf, Marianne Birthler den Deutschen Pavillon kuratieren.

Ja, richtig, die Marianne Birthler, studierte Außenhandelswirtschaftsfachfrau und hochverdiente Ex-Stasi-Aktenbeauftragte. „Unbuilding Walls“ soll die Ausstellung heißen, was zunächst einmal überrascht, da man doch gerade das Errichten von Mauern als konstitutive Idee der „Mutter aller Künste“ (Vitruv) bezeichnen könnte.

Doch erklärt sich die Wahl von Begriff wie Person mit Blick auf die miternannten Architekten, das Berliner Büro Graft. Weil dessen drei Partner in Kalifornien studierten und dort ein Haus für Brad Pitt gebaut haben, galten sie mit ihrer neureichen, effektvoll auf die Science-Fiction-Träume der sechziger Jahre rekurrierenden Trumpfarchitektur für einen kurzen Zeitraum, gefühlt von 2006 bis 2008, als coole Alternative zu den vom hiesigen Bauauflagenwesen trockengelegten Quadratköpfen.

Die flotten Herren in Weiß und die nette Dame aus der Politik: Die Gruppenfotos sehen schon einmal lustig aus. Das Konzept soll Anfang 2018 vorgestellt werden. Hier vorab einige Details: Unter Mitwirkung internationaler Street-Art-Künstler wird der Deutsche Pavillon mit Friedenssymbolen und Schlüsselszenen der deutschen Geschichte verschönert. Anschließend wird das Gebäude unter der Regie David Hasselhoffs, der von einer von Graft gestalteten Yacht aus ein Konzert geben wird, feierlich eingerissen. Finanziert wird das Ganze durch den Verkauf von Mauerteilen an Touristen und vermögende Kunstfreunde.

An der Stelle des Pavillons werden Graft einen „Kokon“ in Form eines riesigen Vogelnestes errichten, der künftig als „Agora“ dienen soll. Das Talk-Programm wird von James Franco kuratiert. Volksbühnen-Direktor Chris Dercon zeigt sich begeistert über die „dringend nötige Vermischung von allem“. Insbesondere der internationale Pfeifwettbewerb „Wind of Change“ führe zurück an die „Ursprünge des öffentlichen Raums in der Performance“. Auch der Kurator für 2020 steht übrigens schon fest: Mark Zuckerberg. Titel dann: „Free Speech“.

Auf Bitten des Bundesbauministeriums folgender Hinweis: Das tatsächliche Konzept wird, wie in der Glosse angegeben, Anfang 2018 vorgestellt. Bitte sehen Sie von besorgten Anrufen beim Bürgerservice des Ministeriums ab. Ob der Deutsche Pavillon 2018 abgerissen wird, entzieht sich unserer Kenntnis.

Quelle: F.A.Z.
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