Teuerster Ankauf des Städel

Krieg und Frieden im Gesicht

Von Stefan Trinks
14.10.2020
, 10:30
Die Essenz der Zwanziger in einem Bild: Das Städel Frankfurt erwirbt als teuersten Ankauf seiner Geschichte ein Gemälde, das im Grunde immer schon in die Sammlung gehörte.

Bilder wie das seit heute fest dem Städel gehörende „Selbstbildnis mit Sektglas“ von Max Beckmann stehen gewöhnlich im Buche der Geschichte. Wie nur wenige andere Gemälde kann das Werk, obschon bereits 1919 entstanden, stellvertretend für die kommenden zwanziger Jahre in ihrer Gesamtheit stehen. Es illustriert nicht nur wie etwa bei Meidner, Dix oder Grosz die mit ihrem unausgesetzten Kanonendonner noch nachhallenden vier Jahre des entsetzlichen Weltkriegs; vielmehr nimmt es auf hellsichtigste Weise die angeblich Goldenen Zwanziger in all ihrer Widersprüchlichkeit vorweg. Doch beim besten Willen und mit Grundsympathie für einen der wichtigsten Maler des zwanzigsten Jahrhunderts: Wie hätte Beckmann, der auf dem Bild in einer Bar mit dem Sektglas des Titels aufs Überleben des Kriegs und auf sich selbst anstößt — Quellen berichten, dass er in seiner Frankfurter Zeit von 1915 bis 1933 häufig eine Flasche Champagner allein konsumierte —, bereits im Jahr 1919 weiter in die Zukunft schauen können als die meisten anderen?

Weil er stets der große Quer-zur-Zeit-Steher war. Keiner seiner Bildräume ist je rechtwinklig gerade, als ob er sein eigenes Leben auf abenteuerlich schiefen Rampen darin spiegeln wollte. Anfangs Mitglied der Berliner Secession, stilisierte er sich bald lieber als einsamer Motivjäger und distanzierter Dandy. Wo die Moderne ab den Zehnerjahren das Figürliche immer mehr als verschmockt bannte, setzte er umso kräftigere Figuren mit Konturen, dick wie die Bleiruten mittelalterlicher Kirchenfenster dagegen. Wo seit Kandinsky und Malewitschs „Schwarzem Quadrat“ das Erzählen im Bild als bourgeois verpönt war, beobachtet Beckmann scharf und deklamiert das Gesehene auf seinen theatralen Bildbühnen laut als Privatmythen.

Hinterm Maler blinken schon die katzengoldenen Sterne der Zwanziger

Auch der Raum in „Selbstbildnis mit Sektglas“ ist eine solche Guckkastenbühne. Ein enger Raum, den sein Körper mit dem unten an den Rahmen stoßenden Ellbogen und dem markanten Kopf oben komplett ausfüllt, mit einer rasant nach schräg links unten ziehenden Stuhllehne, die dem goldgerahmten Spiegel hinter ihr auszuweichen scheint, dessen Rahmenleiste sich wiederum nach oben bewegt. Das Ganze wird schräg und noch auf dem weiß gedeckten Tisch von einem tiefroten Vorhang begrenzt, der sich auch im Spiegel wiederfindet. Es ist, stark verwandelt für Beckmanns Bildanliegen, das damals noch mondäne Frankfurter Café am Hauptbahnhof, neben dem Frankfurter Hof eines seiner zwei Stammlokale, dessen luxuriöse bordeauxrote Samtvorhänge in zeitgenössischen Berichten als Besonderheit herausgehoben werden. Furios in seiner Paradoxie ist, wie der Maler diesen expressiv in alle Richtungen zu bersten drohenden Raum durch farbliche Kniffe wieder zusammenbindet: der Champagnergoldton ist jener der goldenen Sterne auf der Tapete, das Grün der Champagnerflasche findet sich sowohl im Blau seiner Augen als Reflex wie auch an den Wangen und am oberen Ende der markanten Geheimratsecken, das ungesunde Gelb um die Iris entspricht dem seines ergrauenden Blondhaars.

Es ist ein Bild der Widersprüche in einer Zeit voller Widersprüche. Obwohl die Ikonographie des Bildes auf Feiern deutet, gleicht der Kopf mit den tiefen Augenhöhlen einem Totenschädel, was gut zu dem Satz seines Frankfurter Kunsthändlers Israel Ber Neumann im Kapitel der unveröffentlichten Biographie „Sorrow and Champagne“ passt, der geliebte Franzosentrunk sorge bei Beckmann dafür, „dass sich die Totenmaske der Erschöpfung von seinem Gesicht löste“ — es handelt sich im „Selbstbildnis mit Sektglas“ demnach um den transitorischen Moment der Entspannung bei anhaltend konzentriertester Beobachtung; ein „Don’t drink and paint“ beachtete Beckmann ohnehin nie. Selbst die Champagnerflasche verwandelt er in ein Geschütz, das mit seiner dunklen Mündung gefahrvoll aus dem Sektkühler ragt und zwischen seine Augen zielt.

Als Sanitäter hatte Beckmann im Ersten Weltkrieg zwar nicht gekämpft, die behandelten Schwerstverwundeten und Verstümmelten hallen aber als Traumata in ihm nach. Dass die Gespenster der Vergangenheit ihn 1919 noch lange nicht verlassen haben, zeigt die überdimensionierte weiße Fratze im Spiegel und der spitzohrige Mann hinter der Wand mit den grotesk weiß spiegelnden Brillengläsern, vielleicht eine Erinnerung an Max Reger, von dem er zwei Jahre zuvor ein Einzelporträt fertigte. Beckmanns linker Mundwinkel scheint nervös zu zucken und hat etwas Verkniffenes, die Gesichtshaut ist an mehreren Stellen fahl. Geradezu totenbleich aber ist die an die Schulter gelegte Hand mit Zigarre; was wie eine manieriert-affektierte Geste wirkt, sind tatsächlich die verschraubten Hände des Städel-Laurentius von Grünewalds Heller-Altarflügeln sowie jene ikonischen Hände des Johannes unterm Kreuz vom Isenheimer Altar, den Beckmann wie wenige andere Kunstwerke genau studiert und zitiert hat, so unter anderem in der großen „Kreuzabnahme“ die bis 1937 ebenfalls dem Städel gehörte.

Wie aber kommt es, dass die Farben, die für Deutung und inneren Zusammenhalt des Bildes so wichtig sind, nach über hundert Jahren derart gut erhalten sind und das Bild sogar noch den ursprünglichen Firnis von 1919 auf seiner Maloberfläche besitzt? Es liegt an dem seltenen Umstand, dass es seit 1928 durchgängig im Besitz ein und derselben Textilunternehmerfamilie Lange in Krefeld war, die sich im Jahr vor dem Erwerb von Mies van der Rohe eine Villa als mondänen Rahmen für das Bild und den Rest ihrer Kunstsammlung hatte erbauen lassen. Als Leihgabe im Städel seit 2011 drohte es irgendwann einmal als letztes innerhalb der kleinen Gruppe von ikonisch gewordenen Selbstbildnissen Beckmanns in deutschem Privatbesitz verkauft zu werden. Beharrlich schrieb Städeldirektor Demandt Briefe an die Nachkommen des einstigen Erwerbers, um diese Ikone der aufscheinenden zwanziger Jahre dauerhaft für das Museum zu sichern. Und eines Tages kam Antwort.

Das letzte Selbstbildnis in deutschem Privatbesitz

Bleibt nur die Frage nach dem Preis dieses Ausnahmekunstwerks. Mit einer dem Vernehmen nach niedrigen achtstelligen Summe entspricht er einem Bruchteil des auf einer Auktion derzeit wohl zu erzielenden Preises. Zwei Drittel der Summe stammen nicht aus öffentlichen Geldern, sondern vom Städelschen Museums-Verein, von fünf privaten Mäzenen sowie der Ernst von Siemens Kunststiftung; ein Drittel des Geldes kam von Kulturstaatsministerin Grütters, die das Bild gestern in einem Festakt dem Städel übergab, sowie der Kulturstiftung der Länder. Vielen mag dies „in Zeiten von Corona“, in denen amerikanische Häuser wie das Brooklyn Museum oder dasjenige von Boston Hauptwerke ihrer Sammlung für den laufenden Unterhalt verkaufen müssen (F.A.Z. vom 18. September), hoch erscheinen.

Im Jahr 1962 jedoch, in Frankfurt lagen noch Kriegstrümmer herum, hatte der damalige Städeldirektor eines der besten Bilder von Matisse, das tiefblaue „Blumen und Keramik“, bis 1937 im Städel, für den exorbitanten Preis von einer halben Million Mark zurückgekauft — für diese Summe wären seinerzeit noch Häuser in Frankfurts Innenstadt zu erwerben gewesen. Naturgemäß erhoben sich damals Proteste, ob es nichts Wichtigeres gebe, als ein Stillleben für das Museum anzukaufen. Denkwürdig die Antwort des Direktors: Er wolle, so Ernst Holzinger, „unsere jungen Leute immer wieder von neuem an die Schande von 1937“ erinnern.

Wenn von allen Künstlern, die unter der Aktion „Entartete Kunst“ zu leiden hatten und bei der 680 Kunstwerke aus dem Städel entfernt wurden, Beckmann mit rund hundert Arbeiten — darunter zehn Gemälde — mit Abstand die meisten Bildverluste verzeichnen musste, darf von einem mindestens historisch in jeder Hinsicht angemessenen Ankauf gesprochen werden. Mit ihm kehrt ein zentrales Werk des verfemten und ins Exil getriebenen Künstlers an den Ort seiner Entstehung zurück.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Trinks, Stefan
Stefan Trinks
Redakteur im Feuilleton.
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