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NS-Ausstellung in München

Die Geistersuppe auslöffeln

Von Brita Sachs
Aktualisiert am 12.02.2020
 - 22:27
Rettung vor der Sintflut: Kent Monkmans „The Deluge“, 2019 Bild: Kent Monkman, Private Collection
Denkräume öffnen in der Ausstellung „Tell me about yesterday tomorrow“: Das NS-Dokumentationszentrum München schärft mit zeitgenössischen Positionen die Sinne für Verdrängtes oder Radikalisiertes.

„Ordnung muss sein“, mit diesem typisch deutschen Satz betitelt Marcel Odenbach eine Collage, die auf typisch deutsche Verdrängung abzielt: Sie zeigt einen großen, sauber für Messer, Gabeln und Löffel beschrifteten Besteckkasten aus dem Bonner Kanzlerbungalow, jenem Bau aus den sechziger Jahren, der die moderne, weltoffene Bundesrepublik repräsentieren sollte. In die Schubfächer des Kastens montierte Odenbach Bilder, die sich auf Verbrechen des Hitlerregimes beziehen.

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Verdrängt wurde auch in München lang, die einstige „Hauptstadt der Bewegung“ machte sich spät an die Aufarbeitung der unrühmlichsten Periode ihrer Geschichte, und bis diese Erinnerungsarbeit endlich in der Eröffnung des NS-Dokumentationszentrums gipfelte, schrieb man Mai 2015. Seither war es dort der Dauerausstellung von Ursprung bis Desaster des Terrorsystems vorbehalten, mit sachlicher Präzision ihre berührende Wirkung zu tun, Wechselausstellungen halfen, einzelne Themen zu vertiefen. Kunst spielte allenfalls Nebenrollen.

Mit „Tell me about yesterday tomorrow“ wollen Mirjam Zadoff – seit zwanzig Monaten Chefin des Hauses in der Nachfolge von Gründungsdirektor Winfried Nerdinger – und Gastkurator Nicolaus Schafhausen ein Publikum (zurück-)gewinnen, das meint, sich historisch bereits gut auszukennen. Vor allem aber will die Ausstellung Stellung beziehen gegen die aktuelle „Radikalisierung des Politischen“, gegen den Geist, der damals Faschismus, Antisemitismus, Rassismus, Vertreibung und all die anderen Formen von Menschenfeindlichkeit unterfütterte und sich wieder massiv in der Welt breitmacht. Schon im Foyer umreißen zwei Arbeiten die Spannweite des Konzepts.

Dort steht Rosemarie Trockels „Frankfurter Engel“ mit dem gebrochenen Hals, eine Replik ihres Denkmals für homosexuelle Opfer des Nationalsozialismus, und daneben hängt das dramatische Riesengemälde „The Deluge“ von Kent Monkman. Der Künstler, der vom Volk der Cree abstammt, thematisiert die gewaltsame Vertreibung der indigenen Völker Nordamerikas in Gestalt einer androgynen Mutterfigur, die auf der Kippe zwischen Absturz und Rettungsversuchen von Ahnen an einem Felsen hängt.

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Beiträge von sechsundvierzig vorrangig zeitgenössischen Künstlern schlüpften in die unveränderte Dauerausstellung über vier Etagen. Da wird es dann stellenweise recht eng, aber fast nichts möchte man missen, auch nicht in der Bibliothek im Untergeschoss, wo Hito Steyerls Video „Normalität 1-x“ mit um die Jahrtausendwende gesammelten Episoden zu rassistischer Gewalt in Deutschland und Österreich läuft. Da liefert Paula Markerts Fotoserie zur Mordserie des NSU gleich die Fortsetzung. Wo es um den Umgang mit historisch besetzten Orten geht, gelangen thematische Parallelen zur Dauerausstellung besonders gut.

Durch Erinnerung kommt Veränderung

Das NS-Dokumentationszentrum wurde genau dort gebaut, wo das „Braune Haus“ stand, die erste NSDAP-Parteizentrale. In der Nachbarschaft, die während der dreißiger Jahre zum Parteiareal mit vielen Behörden wurde, liegt auch der Königsplatz. Hier, daran erinnern die Wandtexte, fand die Bücherverbrennung statt, aber erst 1988 entfernte man die 1935 verlegte Granitpflasterung und damit letzte Spuren der schlimmen Jahre.

Gregor Schneider schrieb solcherart Aufräumen fort, als er 2014 das Geburtshaus von Joseph Goebbels erwarb, in Rheydt, was auch seine Heimatstadt ist. Er filmte sich beim Schlafen und Suppe essen in den Räumen, dann entriss er das Haus durch komplettes Entkernen möglicher Fetischisierung. Aus Fundstücken und Videos entstand die Installation „Suppe auslöffeln“, ein Zeugnis vom adäquaten Umgang mit Resten widerlicher Historie durch Dokumentieren, Verändern, Erinnern.

Leon Kahanes Beitrag spielt in Drancy bei Paris, wo mit der Cité da la Muette ein hochmodernes, fortschrittliches Projekt des sozialen Wohnungsbaus der frühen dreißiger Jahre ab 1941 von den Nationalsozialisten als Sammellager für Transporte nach Auschwitz benutzt wurde. Dieser Verkehrung ins Gegenteil der ursprünglichen Nutzung der Anlage durch Feinde der Moderne geht Kahane nach und berichtet auch von einem dort durch Überlebende geschaffenen Erinnerungsort. Bei Sammy Baloji steht die Minenstadt Lubumbashi in der Demokratischen Republik Kongo für koloniale Ausbeutung von Menschen und Bodenschätzen sowie deren postkoloniale Fortsetzung. Seine zweieinhalb Meter breite Fotomontage „Mémoire“ kombiniert Personenfotos aus der harten Zeit unter belgischer Herrschaft mit Bildern der Minenanlagen von heute.

Diese Ausstellung schafft viel mehr als der verbreitete Versuch, Schausammlungen ein Facelifting mit zeitgenössischer Kunst zu verpassen. Wie weit sie in Sachen Diskriminierung ausholt, zeigt die Fotoserie „Shoplifters“ von Mohamed Bourouissa. Man sieht Aufnahmen, die ein Ladenbesitzer in Brooklyn von erwischten Dieben machte. Sie halten in die Kamera, was sie mitgehen lassen wollten, Waschpulver, Eier oder Bier. Für jeden sichtbar an der Ladentür angebracht, stellten die Bilder die Diebe bloß, Bourouissa dienen sie als Hinweis auf die um sich greifende Verarmung in den Großstädten.

Tell me about yesterday tomorrow. Im NS-Dokumentationszentrum, München; bis zum 30. August. Eine Publikation zu den beteiligten Künstlern erscheint im Mai.

Tell me about yesterday tomorrow. Im NS-Dokumentationszentrum, München; bis zum 30. August. Eine Publikation zu den beteiligten Künstlern erscheint im Mai.

Quelle: F.A.Z.
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