Fluchten in die Phantasie

Sacht stromabwärts treiben

Von Ursula Scheer
19.01.2021
, 15:21
Augusttage im romantischsten aller Täler: Eine imaginäre Reise an den Rhein und ins Jahr 1817 mit dem Maler William Turner.

Knurrend steht das Biest vor ihm, fletscht die Zähne, duckt sich, wie bereit zum Sprung. Wohl hungrig und so wenig leutselig wie ich, denkt der Maler, denn er hat schon üblere Promenadenmischungen in London gesehen, kratzt sich die Bartstoppeln und zieht das Skizzenbuch aus dem speckigen Mantel. Ein paar Striche, schon hat er den gescheckten Köter zweifach vor Augen. Der sitzt nun abwartend da, irritiert von der wüsten Erscheinung, die mit Bleistift auf Papier herumschabt, statt nach ihm zu treten. Dann ein Pfiff, beide heben den Kopf: „Blücher!“ Der Hund springt fort, William Turner hustet mehr, als dass er lacht, und schreibt den Namen des Porträtierten neben dessen Konterfei. Diese Rheinländer. Da schafft ihnen ein tolldreister Methusalem von Preußen-General – mit Hilfe der Engländer, bitte sehr! – die Franzosen vom Hals, und am Ort seines legendären Rheinübergangs macht die Erinnerung daran als Vierbeiner Männchen.

Brütend heiß ist es in Kaub an diesem Augusttag im Jahr 1817, Turners Finger haben einen feuchten Fleck ins Papier gedrückt. Ob die peruanische Rinde, die er mit sich führt, gegen das drohende Wechselfieber hilft? So gefährlich wie in den Sümpfen jenseits der Alpen wird es wohl nicht sein. Eigentlich hatte Turner nach Italien reisen wollen, jetzt, da sich der Rauch der Napoleonischen Kriege verzogen hat und Briten der zuvor abgeriegelte Kontinent wieder offen steht. Aber für eine Grand Tour fehlt die Zeit. Drucker sitzen ihm im Nacken wegen Vorlagen für grafische Illustrationen, dann noch die Vorlesungen an der Akademie, wo man schon die Augenbrauen hob, weil er in diesem Jahr nur ein Gemälde, den „Untergang des Karthagischen Reiches“, eingereicht hat. Also an den Rhein, auch gut, sein Freund Walter Fawkes hat ihm dazu geraten. Wie Lord Byron vor ihm hat Turner auf der Ochsentour mit der Postkutsche hierher das Schlachtfeld von Waterloo besucht. Ein wenig erhabener Anblick, den die Imagination mit einem Gewühl von Menschen nach dem Gemetzel füllen soll. Eine Skizze, die er vor Ort anfertigte, zeigt nur ein paar fast horizontale Linien mit Andeutung von Vegetation, dazwischen tote Leere, Zehntausenden von verlorenen Seelen angemessen.

Jeder Knochen schmerzt

Am Rhein dagegen ist Leben, und auch Turner fühlt sich lebendig: Jeder Knochen schmerzt. Von Köln rheinaufwärts ist er losgewandert, immer in strammen Tagesmärschen von an die 25 Meilen, mal auf dem rechten, mal dem linken Ufer, steile Anhöhen hinauf und wieder hinunter, durch Weinberge, Krüppeleichenwälder, Geröll. Am liebsten bleibt er nah am Wasser, seinem Lieblingselement.

In Bonn schaut er Schiffern beim Be- und Entladen zu und wundert sich über den seltsamen Aufzug der Studenten auf dem Markt. In Koblenz lässt er schon alles Städtische links liegen, um das wechselnde Abendlicht auf der zerschossenen Festung rechtsrheinisch aufzusaugen. Dieses leuchtende Gelb! Wie für ihn geschaffen. Auf den Leinpfaden überholt er fluchende Treidelknechte, die mit Pferde- oder Ochsengespannen quälend langsam Kähne gegen den Strom ziehen, während Segelschiffe und Floße von erstaunlicher Größe scheinbar mühelos flussabwärts treiben. Fuhrwerke holpern auf der Uferstraße vorbei, Reiter, Fußvolk und Vieh passieren. Turner skizziert es mit einer gewissen Nostalgie: „very romantic“. Anderswo pflügen schon Dampfschiffe den Transport auf dem Wasser um. Das erste auf dem Rhein, wie Turner von Margate kommend, hat es im Jahr zuvor zwar nur bis Köln geschafft, doch besteht kein Zweifel: Eine neue Zeit bricht an. Dass bald eine Eisenbahn fahren könnte, wo er mit Blasen an den Füßen entlangschnauft, kommt ihm noch nicht in den Sinn.

Zu Fuß lässt es sich verweilen, schrittweise öffnen sich Panoramen. Oben die Burgruinen, die sanfte Linie der Bergrücken oder das schroffe Gezacke des Schiefers, unten das glitzernde Flussband, gerahmt von Fachwerkhäusern und Kirchturmspitzen, hier und da ein paar Menschen zur Steigerung des Sublimen, und alles verbunden zu einem atmosphärischen Ganzen, festgehalten im ewigen Wandel: Turner sieht schon Aquarelle und Gemälde vor sich. Vorerst muss der Bleistift genügen, mit dem er lautmalend auch die seltsamen Bezeichnungen des Gesehenen („Laureligh“) und hilfreiche Floskeln („Can ich here essen?“) notiert. Seinen Farbkasten hat er auf dem Herweg verloren, zusammen mit einem Teil seiner Bekleidung und dem Rasierapparat. Ersteres ist ein Ärgernis, das andere kümmert ihn nicht. Reist er eben mit noch leichterem Gepäck, wechselt noch seltener die Wäsche und wächst im Gesicht langsam zu. Die Natur schaut einen nicht an, und den Leuten, die er auf Papier bannt – Lasten auf den Köpfen tragende Frauen, Peitschen über Zugtiere schwingende Männer, Reusen setzende Fischer –, ist es gleich. Den Zimmerwirten macht Geld auf dem Tresen und ein geradebrechtes „Vier ist myn Simmer?“ Eindruck genug.

Ein Regenbogen? Warum nicht!

Doch bevor er einkehrt und wieder zu viel Wein trinkt, geht er vor das Städtchen, dahin, wo der Fluss eine Biegung macht. Er zeichnet die Pfalz mit ihren Türmchen aus unterschiedlichen Perspektiven: diese pittoreske Zollburg, die im Strom liegt wie ein steinernes Schiff. Er setzt die Burg Gutenfels auf dem Berg in einem eigenen Bild dazu, bringt Generalansichten der Landschaft gen Norden und gen Süden aufs Papier und zum Spaß einen Regenbogen. Warum nicht? Kann sich gut machen, und man darf wohl von sonnigem Regen träumen in dieser Glut, von Stechmücken geplagt.

Zurück in London, schiebt er, was er auf Papier und im Kopf mitgebracht hat, wie Kulissen zusammen und baut berückende Ansichten, immer aufs Neue: Kaub und die Pfalz vor blauen Bergen, verträumt im Diffusen. Oder, jenseits der Grenzen der Topographie, mit anderer Ortsansicht, Statisten und Floß kombiniert. Eine Sicht auf Oberwesel mit riesenhaft vergrößertem Turm und bukolischer Szene, an der der alte Claude Lorrain seine Freude hätte. Oder Ehrenbreitstein, aufgelöst zu Farbflächen, etwas für kommende Generationen.

Der Zauber ist immer noch da

Wo Turner solche Ansichten gewonnen hat, haben in unseren Tagen Tourismusverbände näherungsweise mit einigen Bodenplatten im Tal markiert. So soll etwas vom matt gewordenen Glanz der Rheinromantik auf den Reisenden von heute hinüberstrahlen, selbst wenn dieser sich, folgt er den Spuren des Malers, zwischen Bundesstraße, Bahntrasse und Gewerbegebiet wiederfinden kann. Die Berge, das Wasser, die Burgen, die Schiffe und das Licht sind doch immer noch da mit ihrem Zauber.

Turner in seinem Atelier muss die Zukunft nicht kümmern. Er nimmt einen Pinsel und taucht ihn in die Farben. Er reist ins Imaginäre. Irgendwo draußen bellt ein Hund.

Die genannten Bodenplatten verweisen auf die Website turner-route.de mit Informationen zur ersten Rheinreise des Malers. Zu Phantasiereisen lädt auch die Online-Datenbank der Tate Gallery auf tate.org.uk ein: Dort sind Turners Skizzenbücher vom Rhein erfasst.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Scheer, Ursula
Ursula Scheer
Redakteurin im Feuilleton.
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