Gursky-Ausstellung in Leipzig

Die Rückkehr

Von Andreas Platthaus
10.04.2021
, 14:11
Konfektioniert und perfektioniert: Das Museum der bildenden Künste in Leipzig richtet dem gebürtigen Leipziger Fotografen Andreas Gursky eine Retrospektive aus.

Andreas Gursky verließ die DDR im selben Jahr wie seine spätere Lehrerin Hilla Becher, 1955. Nur war sie da schon einundzwanzig und ausgebildete Fotografin, während er gerade erst ein paar Monate zählte, als die Eltern mit ihrem einzigen Kind in den Westen gingen. Die Fotografie war ihm jedoch gleichsam schon in seiner Geburtsstadt Leipzig in die Wiege gelegt worden: Der Vater, Willy Gursky, arbeitete dort als Berufsfotograf, und auch der Großvater, Hans Gursky, hatte im nahen Taucha ein Fotostudio unterhalten.

Die Ausreise von 1955 setzte dieser sächsischen Fotografendynastie ein Ende, denn Andreas Gursky wuchs danach in Düsseldorf auf, wo er 1980 in die Klasse von Bernd und Hilla Becher an der Kunstakademie aufgenommen wurde, also nun in die Wiege der international erfolgreichen deutschen Fotokunst der Gegenwart. Auch Gursky wurde berühmt als Düsseldorfer.

Bilder am richtigen Ort

Nun ist er zurückgekehrt nach Leipzig, zur ersten großen Ausstellung in seiner Geburtsstadt. Das Museum der bildenden Künste ist der richtige Ort dafür, denn die riesigen Säle bieten Raum für Gurskys Überformate. Nahezu das ganze dritte Geschoss ist mit seinen Bildern bestückt, insgesamt rund sechzig.

Und es sind einige Aufnahmen aus der Meisterschülerzeit bei den Bechers und den Jahren vor der Weltberühmtheit zu sehen, die seine doppelte Herkunft verraten: einmal durch die wie bei den Bechers leergewischten grauen Himmel von Essen, Ratingen oder Zürich und über den Flussläufen von Ruhr und Rhein – perfekt komponierte Ansichten, die bei Gursky allerdings immer farbig angelegt sind. Aber dann spiegelt sich in der Aufnahme des Ratinger Freibads von 1987 auch eine fotografische Vorliebe seines Großvaters, die in einer Tischvitrine desselben Saals dokumentiert ist: mit zahlreichen postkartengroßen Schwarzweißbildern aus der Zwischenkriegszeit vom Schwimmbad in Taucha.

Bilder zur richtigen Zeit

Plötzlich wird Andreas Gursky also auch zum Rückkehrer in die eigene Familie. Die Werbeaufnahmen, die sein Vater nach der Ankunft in Westdeutschland anfertigte, fanden ihr Echo in der Faszina-tion des Sohnes für Warenwelten, die in so bekannten Kompositionen anschaulich wird wie „99 Cent“ aus dem Jahr 2001 (in Leipzig als „Remastered“-Version, also computertechnisch neu bearbeitet, von 2009 zu sehen) oder „Prada II“ von 1997, dem von ihm selbst für sein Foto inszenierten leeren Schuh-Showroom. Mit „Amazon“, dem Blick in ein Auslieferungslager, hat Gursky 2016 diese Werkgruppe noch einmal erweitert, und es dürfte kaum ein Foto geben, das die aktuelle gesellschaftliche Situation derart auf den Punkt bringt, wie dieses in jeder Hinsicht kunterbunte Sammelsurium von Konsumartikeln, die auf ihre Zustellung an isolierte Besteller warten, um deren grauen Alltag schönzufärben.

Aber da sind auch die jüngsten, noch nie gezeigten Aufnahmen aus dem Vorjahr, also der Pandemiezeit selbst: allen voran „Kreuzfahrt“, eine um jeden Hintergrund bereinigte, vor schwarzen Fonds gesetzte und im Stil von „Paris, Montparnasse“, Gurskys Durchbruchsbild von 1993, gehaltene Panorama-Aufnahme eines Kreuzfahrtschiffs, in dessen Balkonmosaik man sich schon sehr bemühen muss, einen einzelnen Menschen zu finden. Oder „Apple“, die vexierend verhext wirkende, verschlierte Ansicht aus der kalifornischen Konzernzentrale des Unternehmens. Und geradezu programmatisch „Politik II“: eine im Arrangement von Leonardos Letztem Abendmahl angeregte Best-of-Versammlung bundesdeutscher Politprominenz rund um das Zentrum Merkel/Spahn vor einem riesigen Zifferblatt, das als Uhrzeit fünf vor eins zeigt – der Zeitpunkt zur Umkehr ist längst verpasst.

Bilder in richtiger Erregung

Mit der geradezu plakativ satirischen Haltung, die aus diesem Motiv spricht, setzt Gursky sein erstes dezidiert politisches Motiv aus dem Jahr 2015 fort: „Rückblick“, eine virtuell erstellte Gruppenrückenansicht der vier damals noch lebenden Bundeskanzler gemeinsam vor einem blutrot-aggressiven Gemälde von Barnett Newman. Aber indem Gursky im vergangenen Jahr die Glasfassade des von ihm bereits 1994 fotografierten Hochhauses der Hongkong Shanghai Bank in Hongkong nunmehr für gleich zwei neue Bilder wie eine Anzeigetafel inszeniert hat, darunter einmal mit Videoausschnitten der Regenschirm-Demonstrationen gegen das chinesische Regime, beweist der Künstler, dass er auch subtile politische Stiche zu setzen weiß. Schade nur, dass die Leipziger Ausstellungsdramaturgie die beiden neuen Bankgebäude-Bilder auf zwei Säle verteilt hat und das frühere Foto gar nicht in der Schau vertreten ist.

Die Retrospektive wurde in enger Zusammenarbeit mit Gursky erstellt. Das aufwendige Begleitbuch hat er gar selbst konzipiert; bis auf kurze Ausschnitte aus Robert Musils Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ (die Gursky im Jahr 2000 zu einzelnen virtuellen Buchseiten kombiniert hatte, die er dann wie reale Objekte fotografierte) ist es ohne jeden Text. Und doch gibt es darin einen Kontext: einen rein bildlichen, der in der Kombination seiner Fotos – auch bislang nie gesehener Kleinbildaufnahmen aus seiner Wahlheimat Ibiza – mit denen des Vaters und Großvaters besteht.

Bilder mit richtigem Vergnügen

Dieses Konzept überträgt sich auch ins Leipziger Museum, wo nicht nur einzelne Aufnahmen seiner Vorfahren über die Ausstellung verteilt sind, sondern der noch in der DDR entstandenen Modefotografie von Willy Gursky auch ein kleiner Teil der parallel im Untergeschoss des Hauses laufenden Ausstellung „1950–1980. Fotografie aus Leipzig“ gewidmet ist. Wie Gurskys im Computer konfektionierte oder perfektionierte Bilder selbst mittlerweile gigantische Puzzlekunststücke sind, lässt er uns auch sein Leben und seine Kunst ohne Anleitung zusammensuchen. Mit dem Risiko der Enttäuschung für weniger findige Betrachter.

Aber die Bilderlust macht alles gut: die Chuzpe der 2013 entstandenen Superheldenserie „SH“, die Selbstironie von „Lager“ aus dem Folgejahr (mit einem Blick in ein Depot voller Gursky-Großformate) und vor allem die erkennbare Freude an der Rückkehr zu älteren Motiven wie „Toys ’R’ Us“ (1999) in der Fotografie eines Bauhaus-Markts von 2020 oder wie dem emblematischen Flussbild („Rhein II“, ebenfalls von 1999) im an identischer Stelle aufgenommenen „Rhein III“ von 2018 – im letzteren Fall jetzt mit durch den Klimawandel ausgetrocknetem Uferstreifen. Doch der Höhepunkt der Gursky’schen Rückkehrlust ist sein 2019 entstandenes Porträt von Frau und Kind: „A und E“. Da ist der Fotograf bei sich, unendlich viel näher als in Ibiza, Düsseldorf oder auch Leipzig.

Andreas Gursky. Im Museum der bildenden Künste, Leipzig; vom 10. April an für Besucher mit negativem Corona-Test wieder geöffnet, bis zum 22. August. Danach zu noch unbekanntem Termin im Museum Küppersmühle für Moderne Kunst, Duisburg. Das vom Künstler selbst gestaltete und verlegte Begleitbuch „Gursky – 2020“ kostet im Museum 70 Euro. Die parallel laufende Ausstellung 1950–1980. Fotografie aus Leipzig mit einigen Aufnahmen von Willy Gursky ist noch bis 4. Juli zu sehen.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Platthaus - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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