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Säule von Cape Cross

Steinsäule des Anstoßes

Von Raphael Gross
 - 20:33
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Die Debatte um die Restitution kolonialer Objekte aus Afrika wird oftmals sehr abstrakt geführt. Das Deutsche Historische Museum (DHM) steht dagegen vor einer sehr konkreten Entscheidung. Soll eines seiner wichtigen Exponate zurück nach Afrika?

Die Regierung von Namibia ersucht um die Rückgabe der Säule von Cape Cross, eines Objektes, das heute in unserer Dauerausstellung präsentiert wird. Es handelt sich um eine 3,50 Meter hohe und 1,1 Tonnen schwere Säule aus Kalkstein, die oben mit einem Kreuz abschließt. 1486 wurde sie von portugiesischen Seefahrern an der Südwestküste Afrikas, auf dem Gebiet des heutigen Namibias, errichtet. Weithin sichtbar, diente sie damals als ein Zeichen zur Orientierung für nachfolgende Seefahrer, die die Küste Afrikas umrundeten. Sie manifestierte den Herrschaftsanspruch und Missionsgedanken Portugals. Aus Form und Inhalt der Erklärung, die auf der Säule in lateinischer und portugiesischer Sprache zu lesen ist, wird deutlich, dass die im Land lebenden Einwohner zu der Frage, wer das Land zu beanspruchen hatte, gar nicht erst gefragt werden mussten – gehörten sie doch nicht zur Christenheit.

Der Kaiser ließ eine Replik aufstellen

1894, als das Land, in dem die Portugiesen die Säule errichtet hatten, zum deutschen „Schutzgebiet“ – der Kolonie Deutsch-Südwestafrika – erklärt worden war, brachte die Kaiserliche Marine sie nach Berlin. An der Stelle, an der sie sich befunden hatte – ihretwegen mittlerweile im kolonialen Sprachgebrauch „Cape Cross“ genannt –, ließ Kaiser Wilhelm II. eine Granitreplik aufstellen. Die Originalsäule blieb von nun an in Deutschland: vom Kaiserreich über die Weimarer Republik, den Nationalsozialismus, die DDR bis zum vereinigten Deutschland. Vom Kriegsmarinemuseum gelangte sie über einige Umwege erst in den Bestand des Museums für Deutsche Geschichte, einer Einrichtung der DDR. Von dort aus ging sie dann 1990 in das Eigentum des DHM über, wo man sie seit 2006 in der Dauerausstellung sehen kann, allerdings nicht im Bereich „Kolonialismus“, sondern im Bereich der „Entdeckungen“.

Die aus wilhelminischer Zeit stammende Granitsäule im namibischen Ort Cape Cross ist bereits seit dem Jahr 1968 zum Gedenkort an die Opfer und Verbrechen der Kolonialherrschaft ausgestaltet worden*. Restitutionsansprüche in Bezug auf die Säule waren jedoch schon weitaus früher geäußert worden, so bereits in den Jahren 1925 und 1960 und dann wiederholt seit der Unabhängigkeit Namibias im Jahr 1990. Alle blieben sie ohne Erfolg.

Historisch und kulturell von Bedeutung

Das DHM aber wollte auf die neuerliche Forderung aus dem Jahre 2017 überlegt reagieren. Es wurde beschlossen, zur Vorbereitung einer Entscheidung über dieses Ersuchen ein internationales, interdisziplinäres und vor allem öffentliches Symposion durchzuführen: Mehr als 350 Gäste nahmen am 7. Juni 2018 im Zeughaushof des Museums daran teil und diskutierten intensiv mit Politikerinnen und Historikern, Botschaftern und Juristinnen, Kuratorinnen und Philosophen aus Deutschland, Österreich, Portugal, Botswana und Namibia über rechtliche, moralische, historische und museologische Fragen rund um die Säule. Schnell wurde deutlich, dass Namibia keinen Repatriierungsanspruch nach deutschem und internationalem Recht besitzt. Für eine Rückgabe sprechen aber ethische und politische Überlegungen. Der wichtigste Gesichtspunkt für die Frage nach der Rückgabe ist für das DHM seine Haltung zur historischen Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte in Namibia. Insbesondere geht es in diesem Fall um die Auseinandersetzung mit den an verschiedenen Bevölkerungsgruppen Namibias verübten Verbrechen gegen die Menschheit („crimes against humanity“).

Die Entscheidung über die Säule kann nicht von diesem Kontext gelöst werden. Sie stellt zwar kein koloniales Raubgut im eigentlichen Sinne dar, wie etwa die gerade zurückgegebene Witbooi-Bibel. Dennoch gibt es gute Gründe für eine Rückgabe, allerdings weniger im Sinne einer historischen „Wiedergutmachung“, respektive Kompensation, als vor dem Hintergrund einer zukunftsorientierten Betrachtung.

Bei der Säule handelt es sich um ein Objekt, das gerade heute für Namibia von außerordentlich großer historischer und kultureller Bedeutung ist. Sie ist eines der ganz wenigen Objekte, das die Inbesitznahme des Landes durch die Portugiesen und damit den langsamen Beginn kolonialer Herrschaft im heutigen Namibia dokumentiert. Sie wurde aus dem Land entfernt, als die Namibier selbst keine Kontrolle über das Territorium besaßen. Die Deutschen machten damals nicht einmal den Versuch, zu erkunden, was die einheimische Bevölkerung über die Mitnahme der Säule dachte. Für die Menschen in Namibia und ihr kulturelles und politisches Selbstverständnis ist sie deshalb heute von so großer Bedeutung, weil sie für die Erfahrung kolonialer Herrschaft aus der Perspektive derjenigen steht, die dieser Herrschaft unterworfen waren. Daraus lässt sich ein starkes Interesse auf Seiten Namibias ableiten, die Säule zurückzuerhalten.

Der Anfang einer neuen Zusammenarbeit

Die Geschichte des deutschen Kolonialismus ist eine Geschichte, die Deutschland mit Namibia verbindet. Das DHM sieht es als seine Aufgabe an, diesen Teil der Geschichte in seiner Dauerausstellung zu präsentieren. Die Rückgabe der Säule sollte dementsprechend nicht den Abschluss dieser Aufgabe dokumentieren. Sie ist eher ein Ausdruck für ein seit geraumer Zeit zunehmendes Interesse an einer Auseinandersetzung mit der Geschichte der Kolonialpolitik und ihren Folgen auch in Deutschland. Erst diese Auseinandersetzung hat es ermöglicht, die Gründe für das Interesse Namibias an der Säule angemessen zu würdigen.

Die Rückgabe sollte den Anfang einer neuen und vertrauensvollen Zusammenarbeit zwischen deutschen und namibischen Museen eröffnen. Mit dem Botschafter Namibias und dem National Museum of Namibia haben wir in diesem Sinn schon Gespräche über ein weiteres Symposion geführt, das diesmal in Namibia stattfinden soll. Darum hoffe ich, dass auch das entscheidende Kuratorium des DHM der vom Museum empfohlenen Rückgabe, die auch von Staatsministerin Monika Grütters befürwortet wird, zustimmen wird.

Die Rückgabe wäre sowohl für Namibia als auch für das DHM eine wichtige Geste. Sie würde die historische Verpflichtung dokumentieren, auch jenseits der rechtlichen Notwendigkeiten, sich differenziert mit der Kolonialgeschichte zu beschäftigen und dabei historisches Unrecht anzuerkennen. Die Geste dokumentiert eine Anerkennung historischen Unrechts – jenseits rechtlicher Normen. Insofern kann sie als eine Intervention wirken, die sowohl in Deutschland als auch in Namibia ein neues Kapitel der Betrachtung der gemeinsamen Geschichte beider Länder ermöglicht.

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* Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung des Artikels hier es irrtümlich, der namibische Ort Cape Cross sei bereits seit dem Jahr 1968 zum Gedenkort an die Opfer und Verbrechen der Kolonialherrschaft ausgestaltet worden. Tatsächlich ist lediglich die aus wilhelminischer Zeit stammende Granitsäule Gedenkort.

Quelle: F.A.Z.
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