Die neue Bilderflut

Miteinander „reden“ im digitalen Zeitalter

Von Hannah Bethke
10.11.2016
, 12:43
Fotografieren als Akt der Massenkommunikation: Die Flut an Bildern erhöht das Interesse an der Mitteilung in sozialen Medien. Aber entwertet es damit nicht gleichzeitig das Interesse an der Kunstform Fotografie?

„Permanently online, Permanently connected“ – im Zeitalter der Smartphone-Fotografie verändert sich nicht nur das, was wir sehen, sondern auch die Art und Weise, wie wir miteinander reden. Begrenzter Internet-Zugang war einmal; heute sind wir immer und überall online. Kommunikation ist mit Mobilität verknüpft, und das bedeutet auch: Kommunikation endet nie. Auf die „vielfältigen Formen der Unterwegs-, Parallel- und Nebenbeinutzung“ des zentralen Instruments unserer Kommunikation – der Smartphones – machte der Medien- und Kommunikationswissenschaftler Peter Vorderer in seinem Tagungsbeitrag auf der ersten Internationalen Smartphone-Fotografie-Tagung „Smart as Photography“ in Mannheim aufmerksam. Ein Medienwandel sei vor allem dadurch eingetreten, dass die mobile Internetnutzung alltäglich werde. Einen Tag lang ohne das Smartphone auskommen? Für die meisten sei das heute unvorstellbar. „Kommunizieren, informieren, dokumentieren“ – diese von dem Journalisten Markus Weckesser hervorgehobene Trias bleibt ständig im Fluss.

Die sozialen Medien beschrieb Vorderer dabei als eine Art unablässiges Hintergrundrauschen, ein „backround listening“, das zur Mär vom Multitasking geführt hat. In Wahrheit sei niemand dazu in der Lage, mehreren Kommunikationsquellen gleichzeitig seine ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken, stellte Vorderer klar. Wir könnten zum Beispiel nicht eine SMS schreiben oder einen Beitrag auf Facebook posten und parallel hochkonzentriert die Inhalte einer Vorlesung aufnehmen. Die ständige Ablenkung tritt aus seiner Sicht jedoch nicht erst dann ein, wenn wir unser Smartphone aktiv nutzen. Schon die schiere Präsenz der Smartphones, das Wissen, dass sie sich in der Tasche befinden und immerzu griffbereit sind, führe dazu, dass wir uns im Modus permanenter Reaktionsbereitschaft befinden.

Dass es sich mit den vielen Fotos, die wir mit dem Smartphone machen, ganz ähnlich verhält, ist eine naheliegende Annahme. Und in der Tat, erklärte Vorderer, verändert schon die bloße Möglichkeit, jederzeit Fotos zu machen, die Situation grundlegend. Auch im Umgang mit vorhandenen Fotos stellte er einen Wandel fest: Anders als im Zeitalter der analogen Fotografie würden zwar unendlich viele Fotos in den sozialen Medien hochgeladen, jedoch anschließend nicht noch einmal angeguckt.

Unser Alltag wird heute ganz anders gestaltet als zu analogen Zeiten. Jeder kennt die Bilder von Menschen, die ihr Smartphone in die Luft halten und die sie umgebenden Dinge mit der Kamera aufnehmen. Das, was gerade passiert, sehen sie nur noch durch die Linse ihres Smartphones. Verändert also das andauernde Fotografieren das Erleben von Ereignissen? Vorderer zitierte eine aktuelle experimentelle Studie, die überraschenderweise zum genau gegenteiligen Ergebnis kommt. So sei zum Beispiel festgestellt worden, dass Personen, die eine Stadtrundfahrt machen, diese mehr genießen, wenn sie dabei fotografieren können. Wir seien gerade nicht weniger präsent, sondern ließen uns mehr auf den Moment ein, wenn wir das Erlebte mit dem Smartphone fotografieren.

Die wichtige Rolle sozialer Netzwerke

Fraglich ist, welche Kriterien für die Studie herangezogen wurden und wie plausibel und repräsentativ die dort getroffene Auswahl ist. Nichtsdestoweniger veranschaulicht sie, wo der Dreh- und Angelpunkt des gegenwärtigen Medienwandels liegt: in der kommunikativen Struktur des digitalen Zeitalters. Vorderer interpretierte die Flut an Bildern in erster Linie als Ausdruck von Kommunikation, nicht als erhöhtes Interesse an der Fotografie. Die Bilder, die wir produzieren, behalten wir nicht bei uns, sondern verbreiten sie in unseren Netzwerken. Dadurch wird die Fotografie zu einem kommunikativen Akt. Doch nicht nur der Zweck der Bilder, sondern auch ihr Inhalt verändert sich: Aufgrund der rasanten Verbreitung des mobilen Internets machen wir unzählige Bilder vom Alltäglichen, wie der Kommunikationswissenschaftler betonte. Geht es also nicht mehr um Kunst und die Qualität der Fotos?

Der Medienwissenschaftler Jens Ruchatz wies darauf hin, dass in der Smartphone-Fotografie das Konventionelle zum Fortschritt werde. Ein Beispiel dafür brachte Andreas Gebhard, Chef der Inhaltsprogrammierung in der Bildagentur Getty Images: Der Porträt-Modus des neuesten iPhone ermögliche eine automatische Porträtfotografie, deren Qualität sich von professionellen Fotografien kaum noch unterscheide.

Die herkömmlichen Maßstäbe der Fotografie werden auf diese Weise aktualisiert und jedem zugänglich gemacht – aber ist das wirklich ausschließlich ein Fortschritt? Man könnte meinen, der Egalitarismus erhält Einzug in die Kunst: Plötzlich kann jeder fotografieren, ob er Talent hat oder frei davon ist, ob er das Handwerk gelernt hat oder nicht – das Smartphone nimmt ihm die erforderlichen Fertigkeiten ab. Die radikale Entwertung, die die Fotografie damit erfährt, wurde auf der Konferenz der Fotografen erstaunlicherweise nicht problematisiert.

Wo bleiben die Frauen?

Ohnehin schien – abgesehen davon, dass keine einzige Frau vortrug und manche Präsentationen ein bisschen zu sehr dem „klassischen Dispositiv“ folgten, vor allem junge Frauen zum Objekt der Fotografie zu machen – eine fortschrittliche Haltung das einigende Band unter den Tagungsteilnehmern zu sein. Keiner sang das alte Lied vom ewigen Kulturverfall, was angesichts der rapiden technologischen Entwicklungen und des dadurch eingetretenen gesellschaftlichen Wandels durchaus zu erwarten gewesen wäre. Doch die Referenten erweckten den Eindruck, in der Smartphone-Fotografie weniger ein Verlust als ein willkommenes Potential für Neues zu sehen.

Zu diskutieren bleibt dennoch, ob Kommunikation im digitalen Zeitalter automatisch eine Entwertung der Bilder einschließt. Klar ist nur: Wenn es heute um Fotos geht, handelt es sich zugleich immer um Kommunikation; das eine ist ohne das andere nicht mehr denkbar. „Miteinander reden“ ist im Smartphone-Zeitalter deshalb viel mehr als nur der Austausch von Gesten und Worten. Das gemeinsame Reden basiert heute zu wahrscheinlich fast gleichen Anteilen auf dem Austausch von Fotografien.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Bethke, Hannah
Hannah Bethke
Feuilletonkorrespondentin in Berlin.
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