Smartphone-Fototagung

Spieglein, Spieglein in der Hand

Von Hannah Bethke
09.11.2016
, 21:46
Selfies sind zum Lieblingsfraß der Küchenpsychologie geworden. Kulturlose Narzissten! Dabei greift das Selfie-Phänomen viel tiefer in unsere Psychologie ein, als es auf den Selfies aussieht.

„Selber staunt er sich an; unbewegt in einerlei Stellung haftet er, wie ein Gebild aus parischem Marmor gemeißelt.“ So ergeht es in der griechischen Mythologie Narziss – und so ergeht es uns mehr oder weniger allen. Der Moment, in dem wir uns selbst erblicken, ist für die menschliche Seele ein Faszinosum. „Alles bewundert er selbst, was er selbst der Bewunderung darbeut. Sich verlanget der Tor; und der Lobende ist der Gelobte. Suchend wird er gesucht; und zugleich entflammt er und brennt er.“ Mit Narcissus, von dem Ovid in seinen Metamorphosen erzählt, nimmt es bekanntermaßen kein gutes Ende; vor lauter Selbstverliebtheit muss er sterben.

Im Zeitalter des Selfies, der unzähligen Fotos, die wir mit unserem Smartphone von uns selbst machen, liegt kaum etwas näher, als den Mythos des Narziss wiederzubeleben. Und das wird auch zuhauf getan. 423.000 Einträge findet Google in den ersten Millisekunden, wenn man das Stichwort „Narzissmus“ eingibt. Gemeinsam ist fast allen Treffern der dramatische Unterton: „Narzissmus ist das Krankheitsbild unserer Zeit“, „Narzissmus hat in Amerika die Politik zersetzt“, „Selfie-Sucht entlarvt Narzissten“, „Warum Narzissten soziale Netzwerke lieben“, „Die Narzissmusfalle“, „Die zerstörerische Kraft von Narzissten“, „Die Leiden der jungen Narzissten“, „Die verletzlichen Narzissten“, „Narzissmus, der kaum an die Folgen denkt“ – ganz offensichtlich ist die Lage sehr ernst.

Für alle steht zumindest fest: Die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts ist ein Volk von gestörten Narzissten, kulturlos, selbstbezogen, chronisch abgelenkt. Und um das wiederentdeckte Phänomen des nun immerhin postmodernen Narzissmus noch ein bisschen mehr zu dramatisieren, wird es nur selten erwähnt, ohne sogleich sämtliche tiefenpsychologischen oder auch eher pseudopsychologischen Erklärungen für die betroffenen Subjekte mitzuliefern, die das Feld der populär verfälschten Seelenheilkunde zu bieten hat.

Wenn die Diagnose stimmt, haben wir Narzissten der Postmoderne – immer das Smartphone im Blick, stündlich, wenn nicht gar minütlich, auf der Suche nach dem perfekten Foto von uns selbst, das wir dann sofort in unseren sozialen Netzwerken posten und anpreisen – außerordentlich schlechte Aussichten. Werden wir eines Tages wie Narziss in uns selbst ertrinken?

Eine neue Narration des Selbst

Anlass genug, denjenigen Gehör zu schenken, die nicht nur aus laienhaftem Vergnügen alles mögliche abfotografieren, sondern aufgrund ihrer Professionalität wirklich etwas von Bildern verstehen, nämlich den Fotografen. Zum ersten Mal machten sie auf einer interdisziplinären Tagung der Deutschen Gesellschaft für Photographie (DGPh) die Smartphone-Fotografie zum Gegenstand ihrer Untersuchung. „Wir haben eine neue Narration des Selbst“, erklärte André Gunthert, Professor für visuelle Geschichte an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris. Selfies sagten etwas darüber aus, wie die Person, die sich selbst fotografiert, wirken möchte. Den eigenen Erfolg zu demonstrieren, sei dabei ein entscheidendes Attribut, das durch den Mechanismus der öffentlichen Kommentierung in den sozialen Medien an Relevanz gewinne. Dass damit in Bezug auf das vielgescholtene Selbst weitaus komplexere Mechanismen in Gang gesetzt werden, als das gemeinhin in der küchenpsychologischen Ratgeberliteratur zum Ausdruck kommt, verdeutlichte der Psychologieprofessor Gerald Cupchik aus Toronto. Eine entscheidende Folge der Smartphone-Fotografie ist aus seiner Sicht, dass wir die Fähigkeit verlieren, zwischen dem privaten und dem öffentlichen Selbst zu unterscheiden. Wenn ich jedes Bild, das ich von mir mache, jedes Gefühl, das ich damit verbinde und ausdrücke, mit einer von mir ausgewählten Öffentlichkeit teile, bleibe ich – anders als Narziss, der sich außer von den Göttern unbeobachtet wähnen konnte – in meiner Selbstbespiegelung nicht alleine. Das Private wird öffentlich, die Grenzen zwischen privater und öffentlicher Sphäre verschwimmen.

Wir werden, erklärte Cupchik, zu Repräsentanten unseres eigenen Lebens. Wir wollen, dass die anderen unser Leben auf eine bestimmte Weise sehen. Also konstruieren wir es so, dass die von uns gewünschte Geschichte, und nur sie, für das Außen sichtbar wird. Geht es nach Cupchik, korrespondiert damit eine Zweiteilung unseres Inneren: Durch die Smartphone-Fotografie sehen wir uns permanent von außen. Unsere Identität wird externalisiert.

Cupchik unterschied in seinem Vortrag zwischen dem denkenden Auge und dem Ich, das intuitiv existiert. Wenn wir uns mit dem Smartphone fotografieren, erläuterte er, lässt sich diese Trennung nicht mehr aufrechterhalten. Das Ich, das ohne Absicht existiert, wird vom denkenden Auge mit Absicht als Motiv umrahmt, um es zu fotografieren – das alles vollzieht sich jedoch in ein und derselben Person. Bei Smartphone-Fotografien gelte deshalb, dass man außerhalb seines Ichs stehen muss, um Intuitionen auszudrücken – ein Vorgang, der genau genommen eigentlich gar nicht funktionieren kann, da Intuitionen nicht steuerbar sind. Gibt es also vielleicht so etwas wie eine Dialektik des Selfies? Das Ergebnis ist in der Darstellung Cupchiks jedenfalls erstmal wenig ermutigend: Gebrochene Identitäten in einer fragmentierten Welt. Eingefrorene Momente, die mit anderen geteilt werden und das Selbst gleichzeitig isolieren. Selfies führen so gesehen geradewegs in eine vollkommene Selbstentfremdung. Befördert wird diese Entwicklung durch den Verlust unseres Sensoriums. Unsere Sinne – schmecken, fühlen, riechen – kommen in der Welt des Digitalen (noch) nicht vor.

Für Dramatisierung gibt es wenig Anlass

Bleibt die düstere Prognose des narzisstischen Zeitalters, nach der alles im Verfall begriffen ist, also berechtigt? Wer den lebendigen und äußerst humorvollen Ausführungen Gerald Cupchiks lauschen konnte, begriff – selbst wenn aufgrund des hohen Abstraktionsgrades des Gelehrten gewiss nicht alles verständlich wurde –, dass für depressive Verfallsgeschichten und Dramatisierungen wenig Anlass besteht. Technologien wandeln sich und mit ihnen die Gewohnheiten der Menschen – kein Grund zur Beunruhigung. Dass wir im Zustand der Entfremdung leben und es mehr als wünschenswert wäre, diesen Zustand zu überwinden und endlich zu uns selbst zu finden, ist dagegen eine Erkenntnis, die sehr viel älter ist als die Erfindung des Smartphones. Wir hoffen weiter – ob mit oder ohne Selfies.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Bethke, Hannah
Hannah Bethke
Feuilletonkorrespondentin in Berlin.
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