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Kulturpolitik nach Corona

Wie könnte ein New Deal für die Kunst aussehen?

Von Kolja Reichert
Aktualisiert am 30.04.2020
 - 17:57
Hat die Kunst einen Platz im digitalen Kapitalismus? Werk des Berliner Künstlers Simon Denny, Professor an der Hochschule für Bildende Künste Hamburgzur Bildergalerie
Die Kunst steckte schon vor Corona in der Krise. Was der Staat jetzt tun kann, um ihr eine Zukunft zu sichern – und sich selbst auch.

Während Restaurants und Fußballclubs in dieser Woche von der Politik ein kleiner Zukunftsstreif am Horizont gesichert wurde, werden die Hilferufe aus der Kultur immer lauter. Am Donnerstag forderten die Kulturminister der Länder, zu deren Hoheit die Kultur eigentlich gehört, in einem offenen Brief an die Bundesregierung einen „gesamtstaatlichen Kraftakt“, um „eine drohende Verarmung der Kunst- und Kulturlandschaft nach der Corona-Krise zu verhindern“.

Lesen Sie den Gastbeitrag des Kurators Hans Ulrich Obrist über die Kunstförderung des New Deal und deren Lehren für die Gegenwart

Auch in der Kulturpolitik schlägt die Stunde des starken Staates. Zuletzt hatte Kulturstaatsministerin Monika Grütters beharrlich auf den Erfolg verwiesen, dass Kulturschaffende genauso von den Soforthilfen von Bund und Ländern profitierten wie andere Selbständige. Das sei eine nie dagewesene Solidaritätserklärung der Politik an die Künstler, sagte sie etwa dem Kunstmagazin „Frieze“ und stellte zugleich Strukturprogramme für die Kultur auf europäischer Ebene in Aussicht.

Nanu. Muss die Kultur plötzlich nicht mehr erklären, dass sie kein Luxus ist, um den man sich erst kümmern muss, wenn das Überleben gesichert ist? Dass sie allen gesellschaftlichen Bereichen Reflexion, Empathie und einen Mindestanspruch an Umgangsformen schenkt? Dass die Kultiviertheit einer Gesellschaft auch Voraussetzung für ihre diplomatischen und wirtschaftlichen Erfolge ist und dass gerade die Vielfalt von Deutschlands Kulturlandschaft international als Beispiel gilt? Dass die wirtschaftlichen Effekte der Kultur heute unübersehbar sind, vom Tourismus über Gastronomie und Immobilienwirtschaft bis zum produzierenden Gewerbe, das die Kostüme, Rahmen und oft auch die Kunstwerke selbst herstellt? Das wäre erfreulich und eine historische Leistung einer Regierung, die sich den „globalen Wettbewerb der Narrative“ als Herausforderung in den Koalitionsvertrag geschrieben hat.

Kulturpolitik muss die Kunst fördern, nicht nur die Künstler

Was aber kann diese Regierung für die Künste tun, wenn sie es ernst meint? Wie könnte staatliche Kunstförderung aussehen, wenn die Rezession zuschlägt, Privattheater schließen, Musiker und Schriftsteller ohne Einkommen bleiben, Unternehmern das nötige Trinkgeld für den Kunstkauf fehlt und Kunstvereine Mitglieder verlieren, Projekträume schließen und Sponsoren wegbrechen, wie es dem Deutschen Pavillon der Architekturbiennale schon geschehen ist? Was wäre aus der Kunstpolitik der Roosevelt-Regierung zu lernen?

Sicher nicht die Einschwörung von Künstlern auf Idyllen nationaler Einheit oder gar die Suche nach einem nationalen Stil, die damals die Ablösung von der europäischen Moderne vorantrieb. Sicher auch nicht die blinde Produktion hunderttausender Kunstwerke, von denen viele nicht für aufbewahrungswürdig befunden wurden. Und bestimmt auch kein Gießkannenprinzip, wie es die deutschen Soforthilfen darstellen.

Denn Kulturpolitik darf sich nicht daran messen lassen, wie vielen Künstlern sie das Überleben sichert. Sie muss sich daran messen lassen, wie viel herausragende Kunst entsteht – und ob diese ihr Publikum findet. Das hat schon zuletzt nicht gut geklappt. Eine umfassende Sinnkrise frisst an der Kunst, seit sie in Abhängigkeit von immer weniger immer vermögenderen Käufern geriet, gefolgt von einer Entfremdung der breiten Öffentlichkeit von der Kunst und einem weltweiten Galeriensterben. Bricht das Rückgrat des globalen Kunstmarkts, bedroht das auch den deutschen Standort. Ziehen die Superreichen Nord- und Südamerikas und Asiens ihr Geld zurück, spüren das auch die deutschen Galerien. Der französische Galerienverband rechnet mit dem Verlust eines Drittels seiner Mitglieder.

Kunst nur für die Vermögendsten oder für alle?

Eine Stichprobe der F.A.S. bei einem guten Dutzend deutscher Galerien ergab, dass in den zurückliegenden Wochen des Lockdowns noch Verkäufe stattfanden. Offenbar wollten treue Sammler zumindest einen Teil des Geldes ausgeben, das sie für die in dieser Woche ausgefallene Art Cologne und das in der kommenden Woche ausfallende Gallery Weekend beiseitegelegt hatten. Aber alle befürchten, dass auch die in den Herbst verschobenen Messen ausfallen, zumal Flugreisen auf absehbare Zeit nur für Privatjetnutzer interessant sind. Für die drei Messestandorte der Art Basel, die in den letzten fünfzehn Jahren synonym für den Kunstmarkt stand, könnte das das Aus bedeuten – zumal die Schweizer Messegesellschaft noch mehr als bisher taumelt, nachdem gerade Rolex und Patek Philippe ihrer Uhrenmesse Baselworld den Rücken gekehrt haben.

Die Krise bietet die Chance, Kunst und Bürger wieder in ein lebendigeres Verhältnis zu bringen. Wie könnte eine nachhaltige Förderung für eine Kunst aussehen, die weniger vom Markt abhängig ist? Maximal dezentral müsste sie sein, maximale Vielfalt müsste sie fördern und maximale Autonomie – ohne Künstler in die Beliebigkeit zu entlassen. Sieben Vorschläge, die auch schon vor der Krise Sinn ergeben hätten:

1. Künstler bezahlen
Kaum ein Berufsstand wird so erfolgreich heruntergehandelt wie Künstler, die sich meist durch Nebeneinkünfte selbst subventionieren. Vielen wäre schon geholfen, würden Ausstellungshonorare zur Pflicht, wie seit einigen Jahren in Berlins kommunalen Galerien.

2. Mehrwertsteuer senken
Es ist absurd: Seit einigen Jahren werden zwar Hotelübernachtungen so günstig besteuert wie Bücher und in Kürze auch Restaurantbesuche. Aber für Kunstverkäufe gilt seit 2014 der erhöhte Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent. Alle Galerien ächzen unter dem Wettbewerbsnachteil, dem, wer kann, durch Verkäufe im Ausland entgeht. Dabei ist bei einem Jahresgesamtumsatz von knapp 600 Millionen im deutschen Kunsthandel weit weniger zu holen, als viele glauben.

3. Kunst sammeln
Nachhaltige Kunstförderung stützt nicht Künstler, sondern die ganze Produktionskette – und damit die Beziehungen, in denen Kunst entsteht. Zuletzt hat der Staat vor dem Kunstmarkt mit seinen entfesselten Preissteigerungskurven kapituliert. Mit bescheidensten Ankaufsetats hat der Staat faktisch aufgehört, Kunstgeschichte zu schreiben. Und sich in die Abhängigkeit von privaten Künstlern, Galerien und Sammlern begeben. Der Rückzug des Mäzens Friedrich Christian Flick aus dem Hamburger Bahnhof führt das schmerzhaft vor Augen. Dabei sind Ankäufe die nachhaltigste Form der Kunstförderung: Sie erreichen die Galerie, die Künstler durch Investitionen aufgebaut hat, die Künstler, deren Mitarbeiter und Zuarbeiter und die Rahmenbauer. Vor allem aber versetzen Ankäufe Staat und Bürger in die Lage, die Kunst der Gegenwart für die Zukunft abzubilden statt nur deren Markt, Kunst als gesamtgesellschaftliches Projekt zu begreifen und an den Preissteigerungen, die staatliche Ausstellungen befördern, selbst teilzuhaben.

4. Arbeitsräume sichern
Auch vor dem Immobilienmarkt hat der Staat zuletzt kapituliert. Mit der Folge, dass unschätzbare Investitionen an Privatinvestoren fallen, wie die gemeinschaftlich betriebene Ateliergemeinschaft Uferstudios in Berlin an die Samwer-Brüder. Hätte das Land Berlin mitgeboten, hätte es sich viele andere Förderinstrumente sparen können. Um zu vermeiden, dass Künstlerförderung direkt an Vermieter fließt, müssen Städte und Länder Immobilien sichern.

5. Stipendien
Anders als in den dreißiger Jahren ist künstlerische Arbeit heute oft nicht mehr werkförmig und damit auch nicht über Verkäufe zu finanzieren. Graswurzel-Institutionen bringen Künstler und Klimaforscher zusammen wie der kleine Berliner Projektraum Trust oder stärken einen kosmopolitischen Blick auf Folgen des Kolonialismus wie Savvy Contemporary. Fördert man kleine wie große Institutionen durch Stipendien, unterstützt man zugleich deren Arbeit wie die der Künstler. Und gibt die Entscheidung darüber, wer wofür Geld bekommt, in die Hände erfahrener Fachleute. Künstlerstipendien allein aber genügen nicht, um das Ringen um Kriterien und Werte neu zu beleben und Künstlern wie Publikum neuen Ehrgeiz zu induzieren. Dafür müsste man auch freie Kunstkritiker mit Stipendien ausstatten, die bisher von ihrer Arbeit kaum leben können.

6. Bürger einbeziehen
Das von der Bundeskulturstiftung geförderte Projekt „Neue Auftraggeber“ stellt das Mäzenatentum vom Kopf auf die Füße: Es hilft Bürgern, ihre Anliegen zu formulieren, und findet Künstler, die sie umsetzen: sei es ein Park, ein Gebetsraum oder ein Wasserspielplatz. Bürger fühlen sich gefragt, entwickeln Gemeinsinn, und Künstler müssen neu auf Bürger zugehen. Der Ansatz ist beliebig skalierbar. Entscheiden sich dagegen Vermögende, Künstler durch Arbeitsstipendien zu unterstützen, könnte auch hier der Staat mit Zuschüssen helfen.

7. Preise
Preise erreichen nur wenige. Aber je prominenter sie sind, desto mehr beleben sie Anteilnahme an und Streit über Kunst. Europäische Kunstpreise könnten ein erster Schritt sein hin zu einer stärker transnationalen Kulturpolitik, die aus einem Wirtschaftsraum einen Hoffnungsraum macht.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Reichert, Kolja
Kolja Reichert
Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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