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Wiedereröffnung des MoMA

Von weiß und männlich zu People of Color

Von Frauke Steffens, New York
 - 15:24
Blick in die Installation „Artist’s Choice: Amy Sillman—The Shape of Shape“.

Um es gleich vorwegzunehmen: Im neuen MoMA erinnert noch genug an das alte MoMA. Die rumpelige alte Rolltreppe, auf der sich die Besucher stauen wie in einem Kaufhaus, gibt es noch. Daneben gibt es aber auch großzügigere Treppen – und vielleicht werden auch die Aufzüge in Zukunft weniger überlaufen sein. Allerdings glauben Verfechter der Highway-Theorie („Mehr Autobahn-Spuren ziehen mehr Autofahrer an“), dass nun eher noch mehr Besucher die 25 Dollar Eintritt in Midtowns Kunst-Mekka zahlen werden. Gründe dafür gibt es genug. Die fünf Stockwerke wirken durch den Ausbau lichter und offener, der Eindruck von Enge ist weg. Es gibt sogar mehr Plätze zum Sitzen. Überhaupt ist das Museum bemüht, die gewisse Strenge ein wenig abzuschütteln, die auf Puristen stets besonders attraktiv wirkte, andere Menschen aber auch abschrecken konnte.

Der Umbau des Museums kostete 450 Millionen Dollar. Über 3700 Quadratmeter hat man so hinzugewonnen und kommt nun auf über 16.000 Quadratmeter Fläche allein für Ausstellungen und Veranstaltungen. Seit seiner Gründung 1929 baute das MoMA immer wieder um und expandierte, galt als „das Museum, das den Block frisst“. Diesmal musste, unter großen Protesten, das „American Folk Art Museum“ nebenan weichen, das man kurzerhand kaufte und abriss. Die Architektenbüros Diller, Scofidio + Renfro und Gensler schufen ganze neue Gebäudeflügel, auch am Fuße eines neuen Apartment-Hochhauses.

Gezielte Ankäufe jenseits der Kunstmarkt-Dominanz

Als sechs Chefkuratoren darangingen, ein neues Konzept für das Museum zu entwerfen, war schnell klar, dass die Chronologie der Kunstgeschichte seit 1880, wie sie bislang Stockwerk für Stockwerk präsentiert wurde, eingehalten und gleichzeitig gezielt durchbrochen werden sollte. Bislang war die Entwicklung der Moderne, die das MoMA präsentierte, strikt anhand der verschiedenen „Ismen“ durcherzählt worden, Expressionismus, Kubismus und so weiter. Und sie war vor allem weiß und männlich, was immer wieder zu Protesten führte. Nun werden die einzelnen Epochen in vielen Räumen anhand von Themen erzählt – die „Stadt als Bühne“ zum Beispiel oder „Von Suppendosen zu Fliegenden Untertassen“.

Dass die Entwicklung von Kunst nicht nur linear erzählt werden kann, dass nicht alles kanonisierbar ist und dass Europa und Nordamerika doch nicht der Mittelpunkt der Welt sind – diese Erkenntnisse wollten die Kuratoren bei der Neugestaltung umsetzen. Schnell wurde klar, dass man dafür Werke dazukaufen musste. Rund dreißig Prozent der Gemälde, Skulpturen und Fotografien, die bei der Eröffnung am 21. Oktober zu sehen sein werden, sind in den vergangenen fünf Jahren hinzugekommen. Wie viel Geld das kostete, bleibt ein Geheimnis.

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„MoMa“ in New York
Größer, offener, globalisierter?

Das Museum kaufte in den letzten Jahren gezielt Werke von People of Color und aus anderen Erdteilen an, ebenso von Frauen, die häufig erst spät gewürdigt wurden, weil der von Männern dominierte Kunstmarkt sie nicht förderte. Dazu gehört zum Beispiel die libanesische Künstlerin Saloua Raouda Choucair, die erst mit 97 „entdeckt“ wurde, als die Londoner Tate Modern ihr 1993 eine Retrospektive ausrichtete. Im vergangenen Jahr kaufte das MoMA Choucairs Skulptur „Poem“, die in den Jahren 1963 bis 1965 entstand. Eine Leihgabe, „Dove No. 2“, stammt von der Hilma-af-Klint-Stiftung. Die 1944 verstorbene Künstlerin war so gut wie unbekannt, bis das Guggenheim Museum ihr kürzlich die erfolgreichste Einzelausstellung seiner Geschichte widmete.

Fünfmal so viele Frauenwerke wie bisher

In einem vor allem dem Surrealismus gewidmeten Raum des neuen MoMA hängen Bilder von Salvador Dalí und René Magritte jetzt neben zwei neu erworbenen Werken von lange nicht angemessen gewürdigten Surrealistinnen. Das traumartige Gemälde „And Then We Saw The Daughter of the Minotaur“ von Leonora Carrington aus Mexiko entstand 1953, „The Juggler“ der Spanierin Remedios Varo 1956. Nun werden 28 Prozent der Werke aus der ständigen Sammlung, die bei der Eröffnung gezeigt werden, von Frauen stammen. Das sind fünfmal so viele wie bislang.

In Zukunft sollen auch die Exponate in der ständigen Ausstellung rotieren. Besucher, die für bestimmte weltberühmte Werke kommen, werden diese aber immer noch vorfinden. Nur die Hängung soll zum Nachdenken anregen, vielleicht provozieren. Picassos „Les Desmoiselles d’Avignon“ von 1907, oft kritisiert für die fragmentierten weiblichen Körper, trifft zurzeit auf Faith Ringgolds „American People Series #2: Die“ von 1967. Blutende weiße und schwarze Schusswaffenopfer sind darauf zu sehen. Eine der Neuerwerbungen, Paula Modersohn-Beckers „Selbstbildnis mit zwei Blumen in der erhobenen linken Hand“ von 1907, zeigt die hochschwangere Malerin, die im selben Jahr kurz nach der Geburt ihrer Tochter an einer Embolie starb. Ihr Selbstporträt findet seinen Platz nahe dem idealisierten Schwangerschaftsbild „Die Hoffnung II“ von Gustav Klimt, das 1907 und 1908 entstand. Die „Sternennacht“, die Vincent van Gogh 1889 malte, trifft auf Keramikschalen eines seiner Zeitgenossen, des selbsternannten „verrückten Töpfers von Biloxi“ in Mississippi, George Ohr.

„Für uns als Kuratoren ist es eine besondere Herausforderung, diese Werke gemeinsam und nicht getrennt zu zeigen. Und wir wollten Skulpturen, Malerei, Fotografie zusammenbringen, so dass sie in eine Art Dialog treten“, sagt Esther Adler, Kuratorin in der Abteilung für Zeichnungen. Das Museum an sich sei offener geworden. „Durch die Galerie im Erdgeschoss werden Menschen, die in Midtown arbeiten, in ihrer Mittagspause ins Museum kommen, manchmal nur für eine Viertelstunde.“ Denn im Erdgeschoss wird es wechselnde Ausstellungen geben, die keinen Eintritt kosten. Seit einigen Jahren kann man bereits den Skulpturengarten gratis besuchen. Und in einem neuen „Kreativitäts-Labor“ können Besucherinnen und Besucher selbst malen – oder fotografieren oder mit Stoffen arbeiten. „Wir wollen, dass die Leute herkommen und über Kreativität nachdenken. Und dass sie eigene Barrieren überwinden können, dieses: Ich kann nicht malen. Hier können sie auch mit anderen Besuchern zusammentreffen und über die Kunst sprechen, die sie gesehen haben“, sagt Wendy Woon, die die Abteilung für Bildung leitet.

Das MoMA hat, bis die Moderne schließlich als „zu Ende“ proklamiert wurde, stets eine Erfolgsgeschichte erzählt, die auch die der Vereinigten Staaten sein sollte. Die Geschichte der modernen Kunst lasse sich im MoMA nun aber besser wie eine Ansammlung von Kurzgeschichten lesen statt wie ein durchkonstruierter Roman, sagte die Chefkuratorin des Museums, Ann Temkin, kürzlich. Nach „Jahrzehnten der Blockade gegen den Multikulturalismus“ komme das Museum in der Gegenwart an und höre auf, nur „weiß, männlich und nationalistisch“ zu ticken, befand Kritiker Holland Cotter in der „New York Times“.

Rund drei Viertel aller Künstler, die ausgestellt werden, sind allerdings immer noch aus Nordamerika oder Europa. Und nicht alle sind begeistert von der Verjüngungskur. Wie ein Apple-Store komme das MoMA nun daher, behauptete Michael Kimmelman, ebenfalls in der „Times“. Das Museum wolle nicht mehr bilden – am Ende könne man mehr sehen, aber weniger über Kunst lernen, mäkelte Philip Kennicott in der „Washington Post“. Aber das Abendland geht nicht unter bei der Neugestaltung des MoMA – das Museum lässt nur etwas mehr Licht herein, wird vielfältiger, uneinheitlicher, moderner eben. Und wer aus nostalgischen Gründen kommt, kann immer noch die rumpelnde alte Rolltreppe nehmen.

Quelle: F.A.Z.
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