Kunsthacks

Der Ausgang ist immer ungewiss

Von Andrea Diener, Hamburg
30.12.2013
, 23:00
Ein Paket für Julian Assange
Künstlerisch motivierte Hacks sind Guerilla-Aktionen am Rande der Realität. Auf dem Communication Congress wurde eine Reihe von Aktionen präsentiert, in denen die Obrigkeit gekonnt bloßgestellt wird.

Stellen Sie sich vor, Sie bekommen einen Anruf: „Hier ist das autonome Operntelefon der Stadt Zürich.“ Und dann schaltet sich ebenjenes Operntelefon in die laufende Veranstaltung des Abends, Mozart oder „Rosenkavalier“. Das wäre ziemlich unspektakulär, wenn das Operntelefon wirklich eine Aktion der Stadt Zürich wäre, aber das ist es nicht. Auf die Idee, wahllos aus dem Züricher Telefonbuch ausgewählte Nummern mit Kultur zu beglücken, kam die Schweizer Mediengruppe Bitnik, die den Hack als Kunstform praktiziert und ihre Arbeiten der letzten Jahre auf dem Chaos Communication Congress vorstellte. Und die einmal über eine Darstellung aus den neunziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts stolperte, welche die früheste Form einer Liveübertragung zeigte, nämlich die Sendung per Telefon aus öffentlichen Konzerten. In einer Zeit, in der es noch keine Radios gab, versammelte sich die Familie um den heimischen Fernsprecher.

Zum Hintergrund muss man noch eines wissen: Wer in der Schweiz die Begriffe „Oper“ und „Zürich“ hört, denkt immer auch die sogenannten „Opernhauskrawalle“ mit, die Jugendaufstände der Jahre 1980 bis 1982, in denen sich die Wut junger Leute darüber entlud, dass die Stadt ihren Kulturhaushalt nahezu vollständig für die Hochkultur reservierte. Die Frage, wem die Kunst, und noch profaner: wem der Kulturetat gehört, ist ja nicht unberechtigt. Also präparierten die Künstler von Bitnik einfache Mobiltelefone, umwickelten sie mit schwarzem Isolierband, fügten ein kleines Mikrophon an und versteckten sie überall im Opernhaus. „Opera Calling – Arien für alle“ nannten sie das Projekt, das auf unerwartet große, eher geteilte Medienresonanz stieß. Das Opernhaus und die Sängervereinigung waren einhellig nicht amüsiert, denn Urheber- und Übertragungsrechte wurden auf diese Weise umgangen.

Findet die Royal Mail Julian Assange?

Es sind Guerilla-Aktionen am Rande der Legalität wie diese, die den künstlerisch motivierten Hack ausmachen. Sie sind oft brachial und aufsehenerregend genug, dass sie es auch in die Abendnachrichten schaffen und das tun, was zurückhaltendere Galerienkunst meist nur behauptet: verwirren, Fragen aufwerfen, polarisieren, Aufregung stiften. Und sie findet nicht im Schutzraum einer Ausstellungsumgebung statt, sondern in der harschen Realität – mit allen Konsequenzen. Und der Ausgang ist immer ungewiss.

So auch bei einem weiteren Experiment der Bitnik-Künstler: „Delivery for Mr. Assange“ hieß das Projekt und fragte ganz schlicht: Wie erreichbar oder wie abgesichert ist einer, der in der Ecuadorianischen Botschaft in London sitzt? Kann man ihm einfach ein Paket schicken? Oder wird es abgefangen? Um den Weg nachvollziehen zu können, wurde der Karton mit einer Kamera sowie einem GPS-Tracker ausgestattet, die alle zehn Sekunden ein Foto sowie den aktuellen Standpunkt durchgaben. Die Fotoserie mit Ortsangaben und Kommentaren der Absender wurde auf einer Projektwebsite regelmäßig aktualisiert und parallel getwittert, und viele Interessierte nahmen an der wohl spannendsten Sendungsverfolgung der jüngeren Postgeschichte live Anteil. Um den Ausgang vorwegzunehmen: Ja, am Ende erreichte das Paket seinen Bestimmungsort und auch Herrn Assange, der vor der Kamera eine Liveperformance mittels beschriebener Karteikarten inszenierte. Einen Systemtest nennen die Künstler Projekte wie diese: Kann die Royal Mail einen Menschen erreichen, über den andere keine Handhabe mehr haben? Anscheinend ist das so.

Die moralische Reform

Auch die Mitglieder der Tschechischen Gruppe Ztohoven manipulieren Systeme. In einer früheren Arbeit hackten sie sich in Wetterkameras, sodass ahnungslose Fernsehzuschauer mit einer Panoramalandschaft samt hineinretuschiertem Atompilz konfrontiert wurden. Doch das Opus Magnum läuft unter dem Projektnamen „The Moral Reform“. Die Gruppe Ztohoven bezeichnet es als „Parlamentsdrama für 223 Personen und 585 Zeilen“, und es ist nichts weniger als ein penibel orchestriertes SMS-Gewitter im Sitzungssaal. Der Schauplatz ist das tschechische Parlament und zwar während einer Rede, in der sich der Abgeordnete David Rath mehr halbherzig als ehrlich gegen Korruptionsvorwürfe verteidigt. Rechts von ihm sitzt Vizepremier Karolína Peake, links hängt Außenminister Karel Schwarzenberg in seinem Sitz und schläft. Dann bekommt Peake eine SMS, schaut sie sich an und lächelt. Vermeintlich kommt sie vom schlafenden Schwarzenberg, doch tatsächlich hat sie Ztohoven geschrieben. Der Inhalt: „Wenn ich mir anschaue, was heutzutage los ist, erkenne ich, dass wir damit aufhören müssen. Wir müssen etwas tun, etwas Wichtiges. Wir müssen die Gesellschaft von Grund auf verändern.“

Es ist nur die erste von Hunderten Nachrichten, die in den folgenden Minuten durch den Sitzungssaal zwischen den Abgeordneten plus Journalisten herumschwirren, und alle enthalten ähnlich positive, aufrüttelnde Botschaften. Man kann sich das detailliert auf der Projekthomepage anschauen, und die Menge der Kurznachrichten ist beeindruckend. Technisch war das Unterfangen allerdings nicht ganz einfach umzusetzen. Viele der Nummern konnten die Künstler einfach googeln, aber echte Anonymität herzustellen war nicht ganz einfach und mit europäischen Services kaum zu bewerkstelligen. Doch SMS-Spoofing, also das Versenden von jeder beliebigen Nummer an eine andere Nummer, ist durchaus möglich.

Leider, bedauern die Herren von Ztohoven, haben sie durch die Aktion keine besseren Politiker bekommen. Die meisten haben auch nur zugegeben, eine Nachricht bekommen zu haben, wollten aber nicht über deren Inhalt reden. Kein Wunder: Wenn Politiker wirklich die Gesellschaft zum Besseren verändern wollten, wo kämen wir da hin? Möglich ist das derzeit nur als Hack, der Abgeordnete als unfreiwillig mitspielende Statisten rekrutiert – zum Vergnügen der tschechischen Öffentlichkeit. Es ist die Freude über einen technisch versierten Till Eulenspiegel, der die Möglichkeiten seines Könnens nutzt, um die Obrigkeit kreativ bloßzustellen.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Diener, Andrea
Andrea Diener
Redakteurin im Feuilleton.
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