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Alte Kunst und Moderne

Bei Gewitter am Puls der Natur

Von Magdalena Kröner
 - 05:10

Die höheren Zuschläge erzielten bei Lempertz diesmal die Modernen, in der Breite jedoch überzeugten die Alten Meister, meist innerhalb ihrer Taxen. Es war ein Besuch bei seinen Kollegen der Düsseldorfer Malerschule, die den Dresdner Ludwig Richter 1839 zu einer bukolischen „Gewitterstimmung“ anregte. Weniger als die Wiedergabe von Details interessierte es ihn, „das Pulsieren des Naturlebens besser zu belauschen“, wie er schrieb. Das bislang unbekannte, 37 mal 51 Zentimeter kleine Gemälde überzeugte einen deutschen Sammler, der es sich bei 390.000 Euro (Taxe 200.000/220.000 Euro) sicherte.

Die beiden Spitzenlose bei den Alten Meistern, ebenfalls aus dem 19. Jahrhundert, reüssierten zunächst nicht. So bleibt die Situation Athens, dem aktuellen Trend folgend, weiter unsicher: Bei 410.000 Euro wurde Lancelot Théodore Comte de Turpin de Crissés „Akropolis“, geschätzt auf 450.000 bis 500.000 Euro, unter, bisher noch nicht aufgelöstem Vorbehalt zugeschlagen. Eine von François André Vincent geschaffene Begegnung von Apoll und Vesta (180.000/ 200.000) ging direkt zurück.

Deshalb entwickelte sich eine monumentale, 1620 für die Antwerpener Jesuitenkirche geschaffene „Rückkehr der Heiligen Familie aus Ägypten“ zum Spitzenreiter. Das 2,6 mal 1,8 Meter große Gemälde aus dem Rubens-Umkreis, das lange im Besitz des New Yorker Metropolitan Museum war, wurde bei 180.000 Euro (120.000/ 130.000) von einem deutschen Sammler übernommen. Ein dem Jan van Kessel zugeschriebenes Stillleben mit Insekten, Muscheln und Blumen stieg, energisch an den Telefonen beboten, bis auf 125.000 Euro (25.000/30.000), für die es ein amerikanischer Sammler bekam. Eine von Jan Brueghel d. Ä. und Hans Rottenhammer geschaffene Kupfertafel mit der „Taufe Christi“ war einem Kanadier 150.000 Euro (130.000/150.000) wert.

Viel Aufmerksamkeit für ein Blatt von Kandinsky

Beim Kunstgewerbe fiel der Hammer für eine fast lebensgroße, weiße Meissener Löwin von Johann Gottlieb Kirchner bei 900.000 Euro, in der Mitte der Erwartung von 800.000 bis eine Million Euro. Die im Jahr 1733 ursprünglich als Tigerin für die Menagerie des Japanischen Palais in Dresden hergestellte Hohlform begeisterte einen japanischen Sammler mit Wohnsitzen in Japan und den Vereinigten Staaten. Unter den 123 Stücken einer westfälischen Sammlung mit seltenen Bestecken konnte ein fein gearbeiteter „Minervalöffel“ des frühen 17. Jahrhunderts aus Gold, Achat und Email seine Taxe von 6000 bis 8000 Euro mit vom deutschen Handel gewährten 38.000 Euro vervielfachen.

Für die Auktion mit Moderne und Gegenwartskunst war der Saal bis auf den letzten Platz besetzt. Die Neugier war groß, was mit dem, zwischen den Erben der Vorbesitzerin Sophie Küppers-Lissitzky und Lempertz umstrittenen Aquarell „Zwei schwarze Flecke“ von Kandinsky geschehen werde. Und als der Hausherr Henrik Hanstein vom Pult herab noch einmal persönlich verkündete, das Blatt aus dem Jahr 1923 sei kurz vor der Auktion aus der „Lost Art“-Datenbank in Magdeburg gestrichen worden, war die Anspannung nicht zu leugnen. Nur eine Handvoll Bieter waren an den Telefonen, als Hanstein das - mit einer Erwartung von 900.000 bis eine Million versehene Los schon bei 600.000 Euro aufrief. Bei 850.000 Euro war dann auch schon Schluss - und der Auktionator schlug den Hammer aufs Pult und nickte in den Raum: „für Sie“. Tatsächlich ging das schöne Blatt zurück; von Lempertz verlautet, man befinde sich „in konkreten Nachverhandlungen“.

Die Reaktionen auf Beckmanns Papierarbeit „Löwenbändiger“ von 1944 waren eindeutiger: Die Taxe von 300.000 Euro ließen zahlreiche Telefonbieter rasch hinter sich und hoben das Los auf 720.000 Euro an. Als ebenfalls begehrt, aber auch umstritten erwies sich eine Einlieferung von vier Beckmann-Tuschezeichnungen. Stephan von Wiese, der Autor des Werkverzeichnisses der Beckmann-Zeichnungen, erklärt, dass die Blätter im Rahmen einer Wohnungsauflösung im niederländischen Leiden erstanden worden seien; nach Darstellung von Lempertz sind sie von einem Künstler auf seinem Dachboden entdeckt worden. Während die Enkelin des Künstlers, Mayen Beckmann, die Authentizität der, bisher unbekannten Blätter anhand handschriftlicher Vermerke von Mathilde „Quappi“ Beckmann auf der Rückseite bestätigt hat, möchte sie Stephan von Wiese nicht zweifelsfrei akzeptieren. Die Interessenten an den Telefonen schien das nicht abzuhalten: Sie wurden im Rahmen ihrer Erwartungen abgesetzt, den höchsten Zuschlag bewilligte eine Bieterin im Saal mit 35.000 Euro (30.000/40.000) für die Darstellung einer „Frau auf einem Sofa liegend“.

Solide Ergebnisse für Werke von Nolde

Auch Max Ernsts verwunschene „La Forêt“, vom Künstler einst seinem Freund Paul Eluard geschenkt, sorgte für lebhaftes Interesse. Die Frottage bestätigte ihre untere Taxe mit einem Zuschlag bei 600.000 Euro (600.000/800.000), für die sie sich ein deutscher Bieter im Saal sichern konnte. Auch zwei markante, beidseitig bemalte Papierarbeiten reüssierten: Kirchners „Landschaft mit See im Hintergrund“, auf deren Rückseite sich eine „Badende“ verbirgt, wurde bis auf 50.000 Euro gehoben (25.000/30.000); Jawlenskys „Variation: Song“, einst im Besitz von Galka Scheyer, bestätigte die untere Erwartung von 160.000 Euro.

Kaum über ihre Taxen bewegten sich die Ergebnisse für vier Nolde-Aquarelle: 65.000 Euro (60.000/70.000) wurden für die Darstellung einer „Orchidee“ bewilligt, 110.000 (90.000/100.000) für ein „Bauerngehöft“ und ebenfalls 110.000 (120.000/140.000) für „Rote Abendsonne und Schwarzer Dampfer“. 115.000 Euro (90.000/100.000) spielte seine „Caféhausszene“ ein, während das teuerste Nolde-Los, ein Stillleben mit „Sonnenblumen und Gladiolen“ (140.000/180.000) durchfiel.

Noch ein wenig voller im Saal wurde es, als die expressiv farbige Darstellung einer „Grünen Frau mit Gelbem Hut II“ des schon mit 23 Jahren im Ersten Weltkrieg gefallenen Hermann Stenner zum Aufruf kam. Das 1913 entstandene Gemälde verbuchte einen Auktionsrekord: Auf 110.000 Euro hoch geboten, konnte es seine obere Schätzung von 50.000 Euro mehr als verdoppeln. Picassos winzige Plastik „Tanagra“ bestätigte ihre untere Taxe und ging für 150.000 Euro (150.000/200.000) in die Vereinigten Staaten, während Georg Kolbes dramatische Bronze „Stürzender“ aus dem Jahr 1924 bis auf 55.000 Euro (35.000/40.000) getrieben wurde.

Große Aufregung um einen kleinen Richter

Bei den Zeitgenossen bestätigte Nays „Jota“ seine Favoritenrolle und wurde mit 300.000 Euro (350.000/400.000) zum teuersten Los der Auktion. Auch das Informel war mit drei Gemälden Emil Schumachers erfolgreich: Die Komposition „Siles“ von 1959 geht für 190.000 Euro (180.000/220.000) in den Schweizer Handel, für „Kerim“ von 1989 (150.000/ 180.000) und „Merz“ von 1963 (160.000/ 200.000) wurden je 160.000 Euro bewilligt.

Für große Aufregung im Saal sorgte eines der kleinsten und zugleich prominentesten Werke: Zugunsten der deutschen Krebshilfe wurde ein nur 41 mal 46 Zentimeter großes abstraktes Gemälde Gerhard Richters versteigert, das ein deutscher Sammler gegen dreizehn Telefone bis auf 230.000 Euro (90.000/100.000) hob. Polkes abstraktes Bild auf Dekorationsstoff wurde von deutschem Handel für 180.000 Euro (120.000/150.000) übernommen. Heinz Macks „Schwarzes Sternbild. Chromatische Konstellation“ blieb mit 150.000 Euro im Rahmen der Erwartung bei 140.000 bis 180.000 Euro, während eine „Homage to the Square“ von Josef Albers (130.000/160.000) durchfiel. Zu sperrig für die Bieter war offenbar eine massive, sechsteilige Granitskulptur von Ulrich Rückriem aus dem Jahr 1991 (80.000), für die ein Liebhaber schon zehn Quadratmeter übrig haben müsste.

Bei der Fotografie-Auktion reüssierte einmal mehr August Sander mit einer Mappe mit sechzehn Ansichten aus Köln und dem Siebengebirge, die von einem deutschen Sammler erst bei 32.000 Euro (18.000/22.000) übernommen werden konnte. Guillermo Kahlos, des Vaters von Frida, perfekt erhaltenes, um 1905 entstandenes Portfolio wechselte allerdings bereits für 22.000 Euro (25.000/30.000) den Besitzer.

Quelle: F.A.Z.
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