Gormley und Chamberlain

Kiss and Run

Von Bettina Wohlfarth, Paris
26.03.2020
, 09:28
Die Werke von Antony Gormley sind bei Thaddaeus Ropac zu sehen.
Zwei Giganten der Skulptur, zwei Welten: Die Werke von Antony Gormley sind bei Thaddaeus Ropac und John Chamberlains Skulpturen sind bei Karsten Greve zu sehen.
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Während der britische Bildhauer Antony Gormley häufig im öffentlichen Raum zu sehen ist, gibt es nur selten die Gelegenheit, den Arbeiten des amerikanischen Künstlers John Chamberlain zu begegnen. Die Pinakothek der Moderne in München hatte ihm 2011 eine vielbeachtete Schau mit seinen so mächtigen wie poetischen Skulpturen aus bunten Autoschrottteilen ausgerichtet. Er starb noch im selben Jahr im Alter von 84 Jahren. Chamberlain ist im Abstrakten Expressionismus der fünfziger Jahre verwurzelt. Franz Kline habe ihm die Struktur gegeben und Willem de Kooning die Farbe, erklärte er.

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Der Zufall und die intuitive Notwendigkeit wirken bei Chamberlain am Ursprung aller Gestaltgebung. Beim Maler Larry Rivers stieß er 1957 auf ein Autowrack. Das Stahlblech des Kotflügels machte er sich gefügig, indem er mit einem Lastwagen darüberfuhr. Dann verarbeitete er filigrane und voluminöse Teile zu einer verknautscht gefalteten Skulptur. Schon diese erste abstrakte Schrottplastik war – entgegen der Vorstellung, die man von dem rohen Material haben kann – von eleganter Unbeschwertheit.

Der 1950 geborene Antony Gormley gehört der zweiten Künstlergeneration nach Chamberlain an. Auf den ausdrucksstarken Abstrakten Expressionismus und die Pop-Art reagierten schon von den sechziger Jahren an Minimalisten und Konzeptkünstler mit strenger Reduzierung ihres Form- und Farbvokabulars. Gormleys Werke, für die er insbesondere Eisen oder Cortenstahl verwendet und Farbe vermeidet, stehen durch ihre Organisiertheit und mathematische Strukturiertheit in dieser Tradition. Sie stellen jedoch die Figur wieder in den Mittelpunkt. Seine vom eigenen Körper abmodellierten Figuren, die er kalkuliert in verschiedenen Positionen im städtischen Raum, gerne auch auf Dächern oder in weiten Landschaften verteilt, haben Gormley weltweit berühmt gemacht. In meditativer, manchmal melancholisch anmutender Haltung scheinen sie nicht nur die äußere, sondern auch eine innere Welt zu vermessen.

Der Betrachter wird seines Körpers bewusst

Thaddaeus Ropac richtete zuletzt 2015 eine umfassende Schau mit neuen Arbeiten von Antony Gormley in den weitläufigen Industriehallen seiner Galerie in Paris-Pantin aus. Dort hatten Gormleys Körper schon geometrische Formen angenommen, gleichsam dreidimensional gepixelt. Für die aktuelle Ausstellung in den Räumen im Marais-Viertel konzipierte er die Installation „Run II“ (700 000 Pfund). Ein eckiges Aluminiumrohr läuft wie eine dreidimensionale Zeichnung, bei der der Stift nicht abgesetzt wird, in einem luftigen Rastermuster durch den Raum.

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Der Betrachter wird sich beim Betreten seines eigenen Körpers bewusst, fühlt sich wie eine von Gormley im Raum aufgestellte Figur. Mit seinen jüngsten, „Liners“ oder „Framers“ genannten, Skulpturen aus kantig verschlungenen Eisenguss-rohren lotet er die inneren Volumina des Körpers in verschiedenen Haltungen aus (350 000 bis 400 000 Pfund). Die dreidimensional in den Raum gezeichneten Linienstrukturen der Skulpturen finden ihr Echo in delikaten Kohlezeichnungen oder auf Blättern, die die weichen Formen eines Körperabdrucks in Rastern vermessen (15 000 bis 60 000 Pfund).

Die Galerie Karsten Greve vertritt John Chamberlains Werk seit 1973. In Paris lassen sich neben dem plastischen Werk die Fotografien entdecken. Der befreundete Künstler Larry Bell hatte dem Bildhauer 1977 eine Widelux-Kamera für Panorama-Aufnahmen geschenkt. John Chamberlain war ein spielerischer Mensch. Das zufällige Geschenk machte er sich zunutze, wie zwanzig Jahre zuvor den Autoschrott.

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Die Skulpturen haben etwas Spielerisches

Statt die gegenständliche Welt statisch abzubilden, bewegte er seine Kamera während der Belichtungszeit schwenkend oder ruckartig. Die Szenen aus dem Atelierraum oder von draußen auf der Straße verzerren sich so zu fast abstrakten, wie gemalten Schlieren und Farbmustern, in denen vage erkennbar Gestalten auftauchen (je 26 000 Euro). Auch die Skulpturen haben etwas Spielerisches: „Papagayo“ von 1967 gehört zu einer Serie aus grauem Stahlblech, um die sich damals Cy Twombly, Donald Judd oder Andy Warhol in der Galerie von Leo Castelli rissen.

Das Knautschen, Pressen und Modellieren bildet Furchen und Einschläge, deren Noblesse an Faltenwürfe in Gemälden Alter Meister erinnert. Aus verkratzten Schrottteilen entstehen durch diese Manipulationen poetische Erscheinungen. „Gondola Charles Olson“ aus dem Jahr 1982 ist eine Hommage an Chamberlains verehrten Dichter-Professor am Black Mountain College. Oft zeigen seine Titel, dass er Sprachwitz mochte: Die Serie mit Skulpturen, die aus farbfreudigen, je unterschiedlich gequetschten Tonnen entstanden, heißt „Kiss“ (von 200 000 bis 6,5 Millionen Euro).

Galerie Thaddaeus Ropac, Antony Gormley; bis zum 20. Juni (vorübergehend geschlossen). – Galerie Karsten Greve, John Chamberlain; vorerst bis zum 9. Mai (vorübergehend geschlossen).

Quelle: F.A.Z.
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