Kunstmesse Armory Show

Politische Kunst für Amerikas Sammler

Von Frauke Steffens, New York
10.09.2022
, 13:15
Gesichtslose Frauenfigur, die an Kolonialismus und die „Purple Rain“-Proteste erinnern soll: „Ascension of the Purple Figure“ von Mary Sibande aus dem Jahr 2013 bei Kavi Gupta Gallery
Die Armory Show ist eine der wichtigsten Kunstmessen Amerikas. Dieses Jahr kehrt sie zu vorpandemischer Normalität zurück und rückt gesellschaftspolitische Diskussionen ins Zentrum.
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Fast wirkt es, als hätte es die Pandemie nie gegeben – und doch hat sie viel verändert für die Armory Show, eine der wichtigsten Kunstmessen Amerikas. Früher pilgerten die Käufer auf mehrere Piers am Hudson River, davor in ein historisches Waffenlager, von dem die Veranstaltung ihren Namen hat. Seit vergangenem Jahr ist sie im Javits Center, einem eher schnöden Kongresszentrum, untergebracht. Und die durch die Covid-Krise bedingte Verlegung der Messe vom Frühjahr in den Herbst läutete 2021 einen neuen Rhythmus ein, den man wohl beibehalten wird. In den Hallen drängen sich Besucher an den Ständen von mehr als 240 Galerien. Nichts erinnert an die verkleinerte Messe des vergangenen Jahres, als viele Galeristen wegen Reisebeschränkungen wegblieben – und erst recht erinnert nichts an den März 2020, als das Javits Center als Corona-Notkrankenhaus diente.

Es sei schon etwas Besonderes, dass praktisch alles wieder sei wie vorher, sagt Joe De Santis, der für die Galerie Silverlens aus Manila arbeitet und einer der wenigen Maskenträger an den Ständen ist. Während der Pandemie habe er in der Gastronomie jobben müssen, wie so viele Kulturschaffende. Nun konnte De Santis für die Galerie, die gerade ihre Filiale in New York eröffnet, ein beeindruckendes großformatiges Werk installieren. Der thailändische Künstler Mit Jai Inn ist in seinem Land prominent, hatte aber noch keine Solo-Schau in den Vereinigten Staaten. Sein 2019 entstandenes Werk „Patchwork“ ist mehr als fünf Meter hoch und besteht aus farbigen Leinwand-Streifen, die miteinander verwoben sind. Der Künstler habe aus der Ferne den Helfern vor Ort bei der Installation viel Freiheit gelassen, erzählt De Santis. Entstanden ist ein beinahe kollaboratives Werk, das für 50 000 Dollar zu haben ist.

Bei Silverlens: Mit Jais monumentales „Patchwork“, 2019, Öl auf Leinwand, verwebt
Bei Silverlens: Mit Jais monumentales „Patchwork“, 2019, Öl auf Leinwand, verwebt Bild: Silverlens

Wer auf der Armory Show Kunst kauft, wird meist mehrere Zehntausend Dollar für ein Werk ausgeben – und mehr, wenn Serien zum Sammeln einladen. Die Donald Ellis Gallery (New York) zeigt Fotografien der Lakota-Künstlerin Dana Claxton im Dialog mit Zeichnungen von amerikanischen Ureinwohnern, die im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert entstanden sind. Einzelne Skizzen kosten rund 10 000 Dollar und erzählen zusammen gelegentlich eine Bildergeschichte.

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Verschiedene Bereiche der Messe sind wieder thematisch gegliedert. Die Sektion „Presents“ ist Newcomern gewidmet, die „Focus“-Abteilung wartet mit einer Auswahl aktueller Werke zu sozial- und umweltpolitischen Themen auf. Die Kuratorin Carla Acevedo-Yates vom Museum of Contemporary Art in Chicago wählte vor allem Künstlerinnen und Künstler aus Lateinamerika aus. Dazu gehören die Kolumbianer José Alejandro Restrepo und Maria Teresa Hincapié, deren Videoinstallation „Intempestivas“ von 1992 sich mit Gewalt und Traumata befasst. Ana Teresa Fernández aus Mexiko ist unter anderem mit drei Fotografien vertreten, die ihre Intervention „Borrando la Frontera“ (Löscht die Grenze) zeigen: Fernández bemalte im Jahr 2012 den Grenzzaun in Tijuana, nachdem die Regierung von Barack Obama hier Kontrollen verschärft hatte.

Lächeln ohne Maske: Trenton Doyle Hancocks begehbare Figur „Mound #1“, für 200 000 Dollar zu haben bei James Cohan (New York)
Lächeln ohne Maske: Trenton Doyle Hancocks begehbare Figur „Mound #1“, für 200 000 Dollar zu haben bei James Cohan (New York) Bild: James Cohan Gallery

Politisch wird es auch in der Sektion „Platform“, kuratiert von Tobias Ostrander von der Londoner Tate Americas Foundation. Sie nimmt das Zentrum der Halle ein und zeigt große Installationen von zwölf Künstlern. Deren Thema sind Denkmäler und Monumente: Ihre Zerstörung als Strategie der Dekolonisierung steht ebenso im Fokus wie die Frage, was sie eigentlich noch repräsentieren können oder sollen. Der kolumbianische Künstler Iván Argote, vertreten von der Galerie Perrotin, stellt sich mit der Skulptur „Wild Flowers“ von 2020 Teile des George-Washington-Denkmals an der Wall Street als Blumentöpfe vor – der Oberkörper ist zerteilt, mit Erde gefüllt und bepflanzt, auch aus einem einzelnen Schuh wachsen Gräser. Mit „Mound #1“ von 2018 für 200 000 Dollar ist der Texaner Trenton Dayle Hancock vertreten: einer überlebensgroßen Figur aus Kunstpelz, auf der ein blauer Clownskopf aus Fiberglas thront. Der Künstler möchte, dass Betrachter in sein Werk hineingehen – eine Mitarbeiterin der Galerie Hales and James fordert Neugierige dazu auf, den schweren schwarz-weiß-roten Umhang der Figur zurückzuschlagen und in den zeltartigen Hohlraum einzutreten.

Mary Sibande aus Südafrika schuf mit „Ascension of the Purple Figure“ 2013 eine gesichtslose Frauenfigur, die ein viktorianisches Kleid in Violett und Rot trägt und auf ein Podest steigt. Die Skulptur ruft nicht nur Assoziationen mit der Kolonialgeschichte des Landes hervor, sondern soll auch an die „Purple Rain“-Proteste erinnern, als die südafrikanische Polizei Demons­tranten mit violetter Farbe besprühte. Sibande, die von der Kavi Gupta Gallery vertreten wird, steht für ein wiederkehrendes Element in den thematisch kuratierten Sektionen: Kunst vergangener Jahrzehnte, die oftmals politisch ist und die mit heutigen Pro­blemen in Beziehung gesetzt werden kann.

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Quelle: F.A.Z.
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