Auktion bei Bassenge

Kein Grund zur Melancholie

Von Camilla Blechen
07.06.2021
, 12:56
Dürer, Tiepolo und eine Scheck-Sammlung: Vorschau auf die Auktionen bei Bassenge in Berlin.

Zum zweiten Mal seit der erfolgreichen Versteigerung von Albrecht Dürers „Melencolia“ im November 2019 bildet der rätselvolle Kupferstich am 9. Juni das Hauptlos der Frühjahrs-Auktion bei Bassenge in Berlin. Wie seinerzeit geschätzt auf 120.000 Euro, dürfte dieses Bild der Bilder deutscher Kunstgeschichte weltweit Begehren bei öffentlichen Institutionen oder privaten Sammlern auslösen. Innerhalb einer Gruppe von 28 Losen enthält die Dürer-Offerte zudem ein Exemplar des „Meerwunders“ (Taxe 60.000 Euro) sowie die mysteriöse Jagdszene des „Eustachius“ (24.000). Auf den Zuspruch kenntnisreicher Bieter dürfen Rembrandts „Ansicht von Amsterdam“ (12.000) und die „Verkündigung an die Hirten“ (6000) hoffen. Besondere Aufmerksamkeit verdient die vielleicht zeitgenössisch kolorierte Radierung „Frauen im Bade“ des Jean Mignon, eines Mitglieds der „Schule von Fontainebleau“ (15.000).

Zu den spektakulären Angeboten unter den Altmeister-Gemälden zählt das von mattem Kerzenlicht erhellte „Stillleben mit gerösteten Maronen“ des Frankfurter Barockmalers Gottfried von Wedig (60.000). Eine Jan van Goyen zugeschriebene Dünenlandschaft soll 24 000, Carl Rottmanns Panorama-Blick auf die Bucht von Genua 32.000 Euro erbringen. Eine winterliche Vedute von Otto Antoine erfreut mit Ansichten des Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmals und des Berliner Doms (9000).

Zwei wohlgenährte Putti

Mehr als dreihundert Zeichnungen des 15. bis 19. Jahrhunderts ergänzen den Part der Ölmalerei. Mit schwarzer Kreide auf hellblauem Fond aktiv, lässt Giovanni Battista Tiepolo zwei wohlgenährte Putti himmelwärts fliegen (18.000), während Wilhelm von Kobells berittener Postillon auf einem Weideland rastet (14.000) und Carl Blechens nüchterner Fernblick auf Schinkels „Römischen Bädern“ im Park von Sanssouci ruht (20.000). Adolph Menzel porträtiert zwei ältere Damen, die eine mit männlichem Beobachter (16.000), die andere im Bann eines Opernglases (15.000).

Nicht weniger als 50.000 Euro verlangt man für das obszöne „Dinner der Atheisten“, eine Zeichnung des belgischen Symbolisten Félicien Rops, die seit ihrer Entstehung 1884 viel herumgekommen ist, ehe sie jetzt in Erwartung einer hohen Verkaufssumme ihren privaten Besitzer verlässt.

In der Moderne-Sektion umschließen zahlreiche Konvolute mit Arbeiten auf Papier das auf 80.000 Euro taxierte Spitzenlos, den 1902 datierten Farbholzschnitt „Mondschein II“ von Edvard Munch, auf dem der hochsensible Norweger seine erste große Liebe Milly Thaulow verewigte. Käthe Kollwitz ist mit siebzehn Druckgraphiken aus allen Schaffensperioden und dem Relief „Die Klage“ vertreten, dessen Schätzpreis 12.000 Euro beträgt. Für 25.000 Euro abrufbar ist Ernst Ludwig Kirchners 1912 entstandener Holzschnitt einer „Frau, Schuh zuknöpfend“. Den festen Kundenstamm der Tierbildhauerin Renée Sintenis dürfte die Kleinbronze „Spielende Hunde“ (14.000) ansprechen. Die stilistische und thematische Bandbreite des gebürtigen Pragers Emil Orlik belegen eine Porträtskizze der Schauspielerin Tilla Durieux (600), die Wiedergabe einer Versteigerung im renommierten Berliner Auktionshaus Graupe (3000 Euro) und ein hölzerner Sammelkasten für die vom Künstler in Japan erworbenen Netsukes (2000).

Zwei Satelliten begleiten die Hauptauktion in den Räumen der Jugendstilvilla am Rand des Grunewalds. Ein anonym auftretender Sammler verspricht, den Erlös von mehr als hundert Einlieferungen – teilweise Artefakte von sozialkritischer Brisanz – einer Stiftung für traumatisierte Kinder zu übergeben. Der Kölner Jurist Louis Peters entlässt knapp zweihundert Objekte mit überwiegend drastischen Bezügen zum Tod in die freie Wildbahn des Handels, wo sie „Über das Leben hinaus“ ihren neuen Besitzern Trost spenden – oder das Schaudern lehren sollen. Unter den von barockem Memento Mori durchdrungenen Werken sticht ein Giuseppe Arcimboldo zugeschriebenes Leinwandgemälde heraus, das einen aus totem Federvieh zusammengesetzten „Vogelfänger“ zeigt (40.000).

Gewitzt ironische Kommentare auf den Geldwert der Kreativität geben 66 in den Jahren 1980 bis 1992 von Künstlern gestaltete Schecks ab, die der Fotograf Benjamin Katz zusammengetragen hat. Ob Joseph Beuys, Martin Kippenberger, Rosemarie Trockel oder Andy Warhol: Jeder verleiht dem Vordruck eine eigene Note. C. O. Paeffgen überträgt dem Empfänger seines Künstlerschecks spielerisch „Eintausendstel Pfennig“, A. R. Penck trumpft mit „10 Milliarden Dollar“ auf; der Schätzpreis des Konvoluts liegt bei 60.000 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Blechen, Camilla (C.B.)
Camilla Blechen
Freie Autorin im Feuilleton.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot