Versteigerung in New York

Picassos im Schlaf gebannte Venus

Von Rose-Maria Gropp
13.05.2022
, 14:46
Pablo Picasso, „Femme nue couchée“, 1932, Öl und Emaillefarbe auf Leinwand, 129,9 mal 161,7 Zentimeter
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Eine ungewöhnliches Aktbild von Marie-Thérèse Walter weckt hohe Erwartungen: Bei seiner Auktion in New York könnte „Femme nue couchée“ 60 Millionen Dollar teuer werden.
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Der globale Kunstmarkt hat es gern geschmeidig. Das gilt auch für seinen Heros Pa­blo Picasso, der für die bekanntesten Bildnisse seiner Geliebten Marie-Thérèse Walter eine Formensprache fand, die für Kundschaft aus aller Welt kapabel scheint. Marie-Thérèse Walter ist, als ihr Abbild, die begehrteste Frau in Picassos Œuvre. Jetzt schwimmt da ein Meerwesen, ein weicher Körper, biegsam vor Blau, über hartem Untergrund. Eine Kopffüßlerin mit zwei Brüsten in wogenden Schwingungen ihrer fünf Tentakel plus Kopf mit geöffnetem Mund, eine Art Oktopus in ozeanischer Hingabe.

Für Picassos Großformat „Femme nue couchée“, gemalt am 2. April 1932, das erstmals zur Versteigerung kommt, liegt die Erwartung in der Sotheby’s-Auktion am 17. Mai in New York bei mehr als sechzig Millionen Dollar. Das dürfte realistisch sein, mit einer Garantie ist das Gemälde jedenfalls nicht versehen. Schon 1965 hat der amerikanische Schriftsteller und Kunstkritiker John Berger die spezielle Wirkmacht dieser Por­träts geschrieben: Picasso „malte Marie-Thérèse Walter wie eine Venus, doch eine Venus, wie sie niemand sonst je gemalt hat“. Er erkennt die „starke unmittelbare Sexualität“ in den Bildern, „sie weisen ohne jede Zweideutigkeit auf das Erlebnis der körperlichen Liebe mit dieser Frau hin“. Und dieser freundliche Biologismus im Gewand von Picassos Anverwandlung des Surrealismus erregt weiterhin keinen Anstoß in der breiten Öffentlichkeit. Im Gegenteil, die offensive Erotik steigert die Anziehungskraft auf eine zahlungskräftige Klientel. Laut Sotheby’s besitzt der ungenannte Einlieferer das ungewöhnliche Aktbild seit 2008.

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Dahinter wird der amerikanische Megasammler Steven A. Cohen vermutet; das Auktionshaus kommentiert das auf Anfrage nicht. Es würde schon passen; Cohen hat als Trophäe auch Picassos berühmtestes Walter-Porträt, „Le rêve“, ebenfalls von 1932, das er 2013 in einem Privatverkauf von dem einstigen Casino-Tycoon Steve Wynn erwarb, für genannte 155 Millionen Dollar. Dies, obwohl Wynn der Leinwand 2006 versehentlich einen Riss zugefügt hatte, der repariert werden musste. Wynn hatte „Le rêve“ 2001 von dem vormaligen österreichischen Banker Wolfgang Flöttl gekauft, der sich das Bild 1997 bei Christie’s für damals immense 44 Millionen Dollar hatte zuschlagen lassen.

Womit man bei den Auktionskarrieren von Walter-Porträts wäre: Unter den teuersten zwanzig Picasso-Gemälden firmieren sie siebenmal von 1997 bis 2021, zwischen 40 und 95 Millionen Dollar. Bereits 2010 gewährte ein unbekannter Bieter 95 Millionen Dollar (Taxe 80 Millionen) für „Nu au plateau de sculpteur“, ebenfalls 1932 entstanden. Vor einem Jahr avancierte die – bekleidete – „Femme assise près d’une fenêtre“, wieder von 1932, für ein Gebot von 90 Millionen Dollar (Taxe 55 Millionen) zum teuersten Kunstwerk in einer Auktion 2021; 2013 hatte das Bild den Einsatz von 40 Millionen erfordert. Den dritten Rang nimmt seit 2018 die „Femme au béret et à la robe quadrillée“ mit umgerechnet 60,7 Millionen Dollar ein aus dem Jahr 1937, als Picassos Beziehung zu Walter abgekühlt war.

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Marie-Thérèse Walter, verurteilt zur Rolle der immerwährenden „Goldenen Muse“ Picassos, sagte mit tapferem Selbstbewusstsein 1974, ein Jahr nach Picassos Tod, in einem Interview: „Es war mir egal, dass er berühmt war. Ich war berühmter als er, weil ich es war, die auf den Bildern ist.“ Es hat ihr nicht geholfen, sie nahm sich 1977 in ihrem Haus in Juan-les-Pins das Leben. Ihr bleibt nur der Nachruhm.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Gropp, Rose-Maria
Rose-Maria Gropp
Redakteurin im Feuilleton.
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