Auktionen in New York

Seerosen, sitzende Frauen und Totenköpfe

Von Anne Reimers
10.05.2021
, 17:23
Knacken die Spitzenwerke von Monet, Picasso und Basquiat die Zehn-Millionen-Dollar-Grenze? Vorschau auf die New Yorker Auktionen mit Moderne und Zeitgenossen.

In den vergangenen zwei Jahren verzeichnete besonders das Spitzenpreis-Segment mit Werken oberhalb der Zehn-Millionen-Dollar-Grenze einen starken Rückgang. Das lag hauptsächlich an Schwierigkeiten beim Nachschub. Die kommende New Yorker Auktionswoche mit Moderne, Nachkriegskunst und Zeitgenossen bei Christie’s und Sotheby’s könnte eine Erholung andeuten. Christie’s hat in seinen zwei Abendauktionen siebzehn Werke mit oberen Taxen von zehn Millionen Dollar oder mehr im Angebot; bei Sotheby’s sind es genauso viele. Oft kommen sie aus Nachlässen, was mitunter einen schnellen Verkauf erzwingt.

Das neue Christie’s-Format, der „21st Century Evening Sale“, soll am 11. Mai mit 39 Losen mehr als 145 Millionen Dollar einspielen. Der „20th Century Evening Sale“ mit Kunst von 1880 an umfasst 51 Lose mit einer unteren Gesamttaxe von 350 Millionen Dollar. Bei Sotheby’s bietet die traditionelle „Contemporary Art Evening Auction“ 34 Lose, die zwischen 150,1 und 209,3 Millionen Dollar erzielen sollen. Die separate Auktion mit Werken aus dem Nachlass der im Februar gestorbenen texanischen Sammlerin Anne Windfohr Marion soll mit achtzehn Zeitgenossen-Losen weitere 132,8 bis 190,2 Millionen beitragen; darunter sind Werke von Clyfford Still, Richard Diebenkorn und Andy Warhol mit Preisschildern von je mehr als zwanzig Millionen Dollar. Für den „Impressionist and Modern Art Evening Sale“ erhofft sich Sotheby’s für 34 Lose einen Gesamterlös zwischen 169 und 222,8 Millionen Dollar.

Monet und Picasso gehen bei beiden Firmen als Spitzen der Moderne ins Gefecht: Sotheby’s hat ein spätes Seerosen-Bild Monets, inspiriert von seinem Garten in Giverny. Solche Bilder erzielen Höchstpreise; für „Le Bassin aux Nymphéas“ werden „in excess of“ vierzig Millionen Dollar erwartet. Der Einlieferer erwarb es vor siebzehn Jahren bei Sotheby’s für 16,8 Millionen Dollar, die Taxe lag damals bei neun Millionen. Der Monet bei Christie’s ist ein blau-nebliger Blick auf die Themse, „Waterloo Bridge, effet de brouillard“, vollendet 1903 und versehen mit einer Erwartung um 35 Millionen Dollar. Nun zu den Picassos: Hier führt Christie’s mit einem monumentalen Porträt der jungen Marie-Thérèse Walter, die seine heute gefragtesten Werke inspirierte; „Femme Assise Près d’une Fenêtre“, mit einer Erwartung um 55 Millionen Dollar, entstand 1932 und befand sich einst im Besitz von Marina Picasso. Zuletzt wechselte das Bild im Februar 2013 bei Sotheby’s in London für 28,6 Millionen Pfund inklusive Aufgeld (damals umgerechnete 44,8 Millionen Dollar) den Besitzer; 1997 hatte es bei Christie’s in New York den Hammerpreis von 6,8 Millionen Dollar erzielt. Bei Christie’s hat auch Dora Maar einen Auftritt als „Femme dans un fauteuil“ (Taxe 15/20 Millionen) von 1941. Zwölf Jahre später entstand Picassos „Femme assise en costume vert“ (14/18 Millionen), ein Porträt Françoise Gilots, bei Sotheby’s.

Zu den Höhepunkten bei Sotheby’s gehören auch Modiglianis strahlende „Jeune fille assise, les cheveux dénoués (Jeune fille en bleu)“ um 1919 (15/20 Millionen), eingeliefert aus einer Schweizer Sammlung, und vier Impressionisten aus einer im Katalog ungenannten Privatsammlung. Sie kommen, so heißt es, aus dem Besitz des im vorigen Jahr gestorbenen amerikanischen Philanthropen Tristram Colket, eines Erben des Campbell-Soup-Vermögens. Darunter sind zwei Monets und Cézannes exquisite „Nature morte pommes et poires“ (25/35 Millionen), gemalt 1888/90; Colket kaufte das Bild 2003 bei Sotheby’s für 8,7 Millionen Dollar inklusive Aufgeld. Das vierte Los ist eine „Danseuse“ von Degas (10/15 Millionen), ehemals in der Sammlung des Museum of Fine Arts in Boston, die Sotheby’s 2003 für 10,6 Millionen Dollar an Colket vermittelte. Gerade erst vom Museum Ludwig in Köln, wo er sich seit 1976 befand, an die Erben des Wiener Zahnarztes Heinrich Rieger restituiert wurde Egon Schieles „Kauernder weiblicher Akt“ (2,5/3,5 Millionen); jetzt firmiert er bei Sotheby’s.

Zu den weiteren Spitzen des 20. Jahrhunderts bei Christie’s gehören ein „Untitled“-Rothko in Blau und Grün (um 40 Millionen) und Piet Mondrians „Composition: No. II, With Yellow, Red and Blue“ von 1927 (um 25 Millionen). Der Einlieferer kaufte dieses abstrakte Meisterwerk 1993 bei Sotheby’s für 882 500 Dollar.

Bei den Zeitgenossen konkurrieren zwei Gemälde von Jean Michel Basquiat um die Spitzenposition der Woche: Christie’s offeriert „In This Case“ von 1983, einen großen Totenkopf auf rotem Grund, für den mehr als fünfzig Millionen Dollar geboten werden sollen; nur zwei Werke Basquiats erzielten bisher Auktionspreise über fünfzig Millionen Dollar. Das Bild kommt wohl aus der Sammlung von Giancarlo Giammetti, dem Mitbegründer des italienischen Modehauses Valentino. „In This Case“ war 2018 in der Basquiat-Retrospektive in der Fondation Louis Vuitton in Paris ausgestellt, wo es neben einem Totenkopf aus dem Broad Museum in Los Angeles hing und jenem blauen Schädel, den der japanische Milliardär Yusaku Maezawa 2017 für den Rekordpreis von 110,5 Millionen Dollar ersteigerte. Sotheby’s bringt am folgenden Abend Basquiats 214 Zentimeter hohes, marktfrisches Gemälde „Versus Medici“ von 1982 zum ersten Mal unter den Hammer; die Erwartung liegt bei 35 bis fünfzig Millionen Dollar. Es entstand kurz nach dem Italien-Aufenthalt des jungen New Yorkers, dem die Galleria d’Arte Emilio Mazzoli in Modena 1981 und 1982 Ausstellungen ausrichtete. Vier der fünf höchsten Preise für Basquiat wurden mit Werken aus dem Jahr 1982 erzielt.

Das drittteuerste Los bei Christie’s kommt von Martin Kippenberger: „Martin, ab in die Ecke und schäm dich“ ist ein aus Holz geschnitztes, lebensgroßes Selbstbildnis mit Hemd und Hose, taxiert auf zehn bis fünfzehn Millionen Dollar. Es wurde eingereicht von einem Sammler, der es 1989 bei der Galerie Max Hetzler in Köln kaufte, und ist eines von sechs Unikaten, die dasselbe Motiv variieren. Eine Version aus Aluminium lässt sich im Museum of Modern Art in New York betrachten.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot