Kunst und Kunstgewerbe

Wiederkehr eines Verschollenen

Von Rose-Maria Gropp
14.11.2011
, 05:00
Die Entdeckung von Franz Pforrs Gemälde „Nächtliche Heimkehr“ ist eine kleine Sensation. Nur fünf seiner Werke kannte man bisher. Das sechste kommt nun bei Van Ham zur Versteigerung.
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Das ist wirklich eine kleine Sensation: die Wiederentdeckung dieser „Nächtlichen Heimkehr“ des Franz Pforr aus dem Jahr 1809. Ist doch Pforr, geboren 1788 in Frankfurt, eine Lichtgestalt der deutschen romantischen Malerei, allzu früh vollendet; gerade vierundzwanzig Jahre jung erlag er in Albano Laziale bei Rom der Tuberkulose. Weil er mit zwölf Jahren seine beiden Eltern verlor, kümmerte sich der Bruder seiner Mutter, Johann Heinrich Tischbein in Kassel (nicht zu verwechseln mit Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, dem Schöpfer des berühmten „Goethe in der Campagna“ im Frankfurter Städel Museum) um ihn; er verhalf Pforr 1805 auch zur Aufnahme an der Wiener Kunstakademie.

Die Auflehnung einiger junger Künstler, führend unter ihnen Franz Pforr, gegen den dort herrschenden Klassizismus führte zu ihrem Ausschluss und 1809 zur Gründung jenes „Lukasbunds“, der zur bedeutenden Strömung in der deutschen Frühromantik werden sollte. Die Lukasbrüder, denen die altdeutsche Malerei an ihren religiös-schwärmerischen Herzen lag, zogen ins leerstehende Franziskanerkloster Sant’Isidoro in Rom; bekannter sollten sie dann später als die „Nazarener“ werden. Ihren wichtigsten Vertreter haben sie, neben dem so jung dahingerafften Pforr, in dessen Künstlerfreund Friedrich Overbeck.

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Mit niet- und nagelfester Provenienz

Gerade mal fünf Gemälde von Franz Pforr konnten bisher als gesichert gelten; vier davon sind im Besitz des Städels in Frankfurt, das fünfte - die zweigeteilte Tafel „Sulamith und Maria“ aus dem Jahr 1811, ein Freundschaftsbild für Overbeck - hängt im Museum der Sammlung Georg Schäfer in Schweinfurt. Dieser kleine Bestand macht den aktuellen Fund umso aufregender. Helmut Börsch-Supan, der ausgewiesene Romantik-Kenner, bezeichnet das Bild in seinem Gutachten vom August dieses Jahres schlicht als eine „Inkunabel der nazarenischen Malerei“, und er vermutet darin außerdem ein sehr persönliches Selbstporträt des Malers.

Hinzu kommt, eminent wichtig in einem solchen Fall, dass die Provenienz niet- und nagelfest ist: Der Katalog verzeichnet, dass das kleine Gemälde im Format von 26 mal zwanzig Zentimetern 1881 erstmals erwähnt ist für die „Historische Kunstausstellung“ in Frankfurt, damals als im Besitz von Dr. Ernst Roberth befindlich. Schon 1924 konnte sein Verbleib nicht mehr festgestellt werde. Weiter heißt es, dass das zauberhafte Bildchen wohl schon im 19. Jahrhundert aus der Sammlung Roberth verkauft wurde, weil „weder in Roberths Testament noch dem seiner Tochter, die ihren Nachlass dem Städel vermachte, ein Hinweis auf das Gemälde erscheint“. Die letzte im Katalog genannte Herkunft ist ein Privatbesitz in Nordrhein-Westfalen.

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Ein feines „Frühstück mit Anchovisplatte“

Belegt ist das Werk außerdem durch eine Vorzeichnung Franz Pforrs, die in der Sammlung Alfred Winterstein in München bewahrt wird, und es fehlt auch nicht der entscheidende Hinweis, dass es weder beim „Art Loss Register“ gemeldet noch ein Eigentumsanspruch darauf aus der Zeit des Nationalsozialismus bekannt ist. Van Ham hat die „Nächtliche Heimkehr“ - laut Börsch-Supans Urteil, von zwei kleinen Retuschen und dem verschmutzten Firnis abgesehen, in tadellosem Erhaltungszustand - nun mit einer Schätzung von 130.000 bis 150.000 Euro versehen. Das entspricht durchaus der Bedeutung der zierlichen Szene: Für das Kleinod darf man sich nachgerade nazarenisch-innig wünschen, dass es in ein deutsches Museum gelangen möge.

Neben diesem Stern am Himmel des 19. Jahrhunderts bietet der Katalog mit Alten und Neuen Meistern für den 18. November in der Spitzengruppe noch ein knapp fünfzig Zentimeter breites herbstliches Stillleben mit Esskastanien, Nüssen und Trauben von Georg Flegel (Taxe 200.000/ 220.000 Euro) oder eine elegante Komposition mit Trommel, Wams und Rüstung des Gerrit Dou, wohl um 1630 (130.000/ 150.000). Fein ist auch ein „Frühstück mit Anchovisplatte“ des Sebastian Stoskopff (40.000/45.000). Bei den Bronzen marschieren drei kleine Gänse (4000/6000), ein stolzer Erpel (10.000/12.000) und ein Pinguin (24.000/26.000) von August Gaul auf. Es gibt hübsche Spitzwegs - „Zwei Dirndl auf der Alm“ (30.000/35.000) und einen „Angelnden Mönch“ (60.000/65.000) -, eine Szene in der „Osteria, genannt die Schlangenkneipe“, wie sie sich Rudolf Jordan 1887 ausmalte (90.000/100.000), oder auch eine vollmondige „Ruinenlandschaft mit Hirten am Lagerfeuer“ des Oswald Achenbach (12.000/14.000). Beim Kunsthandwerk am 18. und 19. November tickt zwischen mehr als 600 Positionen eine klassizistische Stutzuhr aus Mahagoni, der Werkstatt des David Roentgen zugeschrieben, bisher aber nicht bekannt geworden (5000/10.000).

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Gropp, Rose-Maria
Rose-Maria Gropp
Redakteurin im Feuilleton.
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