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Auktionsmarkt in Frankreich

Die Heimkehr der Putti

Von Bettina Wohlfarth
 - 15:14
Francis Picabia, 'Melibee', 1931, Öl auf Leinwand, 195,5 mal 130 Zentimeter, 3,3 Millionen Pfund bei Sotheby’s.zur Bildergalerie

Es hätte gleich zwei spektakuläre Auktionen geben können: Ein vor fünf Jahren auf einem Dachboden gefundenes Gemälde, das sich als vermutliches Spätwerk Caravaggios herausstellte, sollte – nach langen Authentizitätsprüfungen und einem zuletzt abgelehnten Ankauf durch den Louvre – endlich im Juni in Toulouse unter den Hammer kommen. Aber nur zwei Tage vor dem Termin einigten sich die Besitzer mit einem offiziell nicht genannten Käufer auf einen Preis. Vermutet wird, dass das auf hundert bis 150 Millionen Euro geschätzte Gemälde „Judith und Holofernes“ von dem amerikanischen Milliardär J. Tomilson Hill gekauft wurde und demnächst als Leihgabe im Metropolitan Museum in New York zu sehen sein wird.

Ein anderer sensationeller Zufallsfund hätte nur einige Tage zuvor bei Tajan in Paris aufgerufen werden sollen. Es handelt sich um die Federzeichnung eines Alten Meisters, die dem Auktionshaus, mit anderen Zeichnungen in einem Karton verstaut, im Jahr 2016 zur Prüfung vorgelegt wurde. Experten identifizierten das Blatt als ein „Martyrium des heiligen Sebastian“ von Leonardo da Vinci. Zunächst auf fünfzehn Millionen Euro geschätzt, wurde es als nationales Kulturgut eingestuft und ein möglicher Ankauf durch den Louvre avisiert. Dann erzielte der „Salvator Mundi“ die Rekordsumme von 450 Millionen Euro und erhöhte auch den theoretischen Marktpreis des gefundenen Leonardo-Blatts. Ende 2018 wurde ein Auktionsverkauf bei Tajan für Juni 2019 anberaumt, der den Marktwert hätte klären können. Die Schätzung lautete nun dreißig bis sechzig Millionen Euro. Einige Wochen zuvor wurde der Termin allerdings noch einmal verschoben. Nun soll die Versteigerung im November oder Dezember stattfinden, um das Ablaufen der Sperrfrist durch den Kulturgutschutz abzuwarten.

Dennoch gab es im ersten Halbjahr gerade im Bereich der Alten Meister überraschende Momente. Bei Artcurial wurde eine auf 30.000 bis 50.000 Euro geschätzte bronzene „Allegorie der Architektur“ nach Giambologna auf stolze 3,1 Millionen Euro getrieben. Im Drouot erreichte ein Blumenstillleben von Ambrosius Bosschaert d. Ä. bei Fraysse & Associés in Zusammenarbeit mit Binoche & Giquello 2,7 Millionen Euro. Aguttes versteigerte eine Dorfhochzeit von Pieter Brueghel d. J., die seit einem Jahrhundert in derselben französischen Sammlung verblieben war, für 900.000 Euro (Taxe 600.000/700.000). Sotheby’s hatte ein unerwartetes Los im Angebot. In der herausragenden Sammlung Schickler-Pourtalès wurden zwei verschollen geglaubte Putti des Bildhauers Hans Daucher wiederentdeckt. Die kleinen Meisterstücke der deutschen Renaissance zierten einst mit mindestens fünf weiteren Putti die Fugger-Kapelle in der Augsburger Annakirche, bis deren ursprüngliche Architektur vor knapp zweihundert Jahren zerstört wurde. Um die drallen Engelchen nach Augsburg zurückzuholen und im Maximiliansmuseum mit den fünf anderen zusammenzuführen, bildeten die Stadt Augsburg, der Bund und die Ernst von Siemens Kunststiftung ein Konsortium, in dessen Namen die Steinskulpturen von der Bremer Galerie Neuse für 1,95 Millionen Euro ersteigert wurden.

Sotheby’s bleibt in diesem ersten Halbjahr mit 124 Millionen Euro, trotz eines leichten Rückgangs im Vergleich zum Vorjahr, weiterhin Spitzenreiter in Frankreich, gefolgt von Artcurial mit 123 Millionen Euro und einer Steigerung von vier Prozent – wobei für Artcurial neben der Mehrwertsteuer auch die umsatzstarken Sammlerautos inbegriffen sind, die bei Sotheby’s ausgegliedert in der Filiale RM auktioniert werden. Christie’s hält mit 84 Millionen Euro im ersten Semester den dritten Platz und muss einen Rückgang von 15,7 Prozent verzeichnen.

Das bislang börsennotierte amerikanische Unternehmen Sotheby’s wurde, wie berichtet, im Juni für 3,7 Milliarden Euro von dem in der Schweiz ansässigen israelisch-französischen, in Frankreich umstrittenen Telekom- und Medienunternehmer Patrick Drahi akquiriert. Zum Ende dieses Jahres soll Sotheby’s von der Börse genommen werden. Christie’s gehört, wie bekannt, dem Luxusbranchen-Unternehmer François Pinault. Damit sind die beiden führenden internationalen Auktionshäuser in französischen Händen. Bei Christie’s France gab es im Juli einen Wechsel an der Spitze; François de Ricqlès wird als Präsident von Cécile Verdier abgelöst. Die Expertin für die Arts Décoratifs des 20. Jahrhunderts kehrt nach einer mehrjährigen Etappe bei Sotheby’s in das Haus zurück.

Die Spitzenlose der ersten Jahreshälfte kamen diesmal bei Artcurial unter den Hammer: Ein dunkelroter Alfa Romeo aus dem Jahr 1939 wurde für 14,6 Millionen Euro versteigert. Auch den bisherigen Jahresrekord für ein Kunstwerk kann Artcurial verbuchen. Bei der Juni-Offerte mit Nachkriegs- und Gegenwartskunst wurde „Synthèse hivernale C“ von 1988 des französisch-chinesischen Malers Chu Teh-Chun weit über der Schätzung von einer bis 1,5 Millionen Euro auf immerhin 4,35 Millionen Euro getrieben – ein unerwarteter Gewinner. In Paris verzeichnen die Auktionshäuser seit einigen Jahren eine stetig wachsende Zahl internationaler, insbesondere asiatischer Käufer, die von den gut bestückten Asiatica-Offerten und den aus China stammenden französischen Künstlern angezogen werden. Die Preise für Gemälde von Zao Wou-Ki erreichen deshalb recht schwindelerregende Höhen: Artcurial versteigerte „24.1.61/62“ für 3,9 Millionen Euro (Taxe 1,5/2,5 Millionen).

Im Bereich der Nachkriegs- und Gegenwartskunst zerstreute Sotheby’s im März die großartige Sammlung von Marianne und Pierre Nahon, mit ihrem Schwerpunkt bei Künstlern der Pop-Art und des Nouveau Réalisme der sechziger und siebziger Jahre. Das Galeristenpaar hatte dreißig Jahre lang die namhafte Galerie Beaubourg bespielt und Künstler wie Arman oder César zum ersten Mal ausgestellt. Mehr als dreizehn Millionen Euro trug die Sammlung ein, wobei Francis Picabias enigmatische, ein wenig transparentmelancholische „Mélibée“ von 1931 mit 3,3 Millionen Euro die hohe Erwartung bestätigte und zum Toplos wurde.

Überraschender Enthusiasmus

In der Juni-Offerte für Nachkriegs- und Gegenwartskunst hießen die Stars wie so oft in Paris Jean Dubuffet und Pierre Soulages. Dubuffets Gemälde „La Chaise“ von 1964 wechselte für 2,9 Millionen Euro, deutlich über der Taxe von 1,7 bis zwei Millionen, den Besitzer. Bei Christie’s wurde Nicolas de Staël, bei einer allerdings erstaunlich niedrigen Taxe in die Höhe geboten: Die fast abstrakte Landschaft „Paysage de Vaucluse No.3“ aus dem Jahr 1953 mit ihren herrlichen Blau- und Grautönen, verdreifachte mit 2,4 Millionen Euro die Erwartung. Überraschender war der Enthusiasmus für den kubanisch-französischen Maler Wifredo Lam. Sein surrealistisches Gemälde „Je suis“ von 1949 verdoppelte die obere Schätzung und konnte bei 1,9 Millionen Euro zugeschlagen werden.

Paris ist ein wichtiger Handelsplatz für Design-Objekte. Die Umsätze der Mai- Auktionen waren so hoch wie nie und spielten insgesamt 28,1 Millionen Euro ein, wobei sich Sotheby’s an die Spitze setzte. Dort wurde in der Rue du Faubourg Saint-Honoré ein Sessel-Paar von Jean-Michel Frank, trotz einer Taxe von 400.000 bis 600.000 Euro, auf 1,3 Millionen Euro angehoben. Bei Christie’s übersprang ein lauernder Jaguar von Rembrandt Bugatti mit 680.000 Euro die obere Schätzung. Der höchste Preis bei den Asiatica konnte im Drouot – wo sich der Umsatz mit asiatischen Kunstwerken im Vergleich zum Vorjahr verdreifacht hat – bei Delon-Hoebanx erzielt werden: Ein sitzender Buddha in goldlackierter Bronze aus dem chinesischen Königreich Dali, 12./13. Jahrhundert in der Provinz Yúnnán, wurde in einem zähen Kampf auf zwei Millionen Euro (30.000/40.000) hochgesteigert. Das Spitzenwerk unter den Afrika-Offerten stammt aus der namhaften Sammlung Marceau Rivière, die im Juni bei Sotheby’s aufgelöst wurde. Eine im Ausdruck subtile, mondrunde Baule-Maske von der Elfenbeinküste erreichte vier Millionen Euro.

In Frankreich befinden sich herausragende Handschriftensammlungen und Bibliotheken. Gemeinsam mit Binoche & Giquello hatte Sotheby’s in den vergangenen Jahren nach und nach die Sammlung des Buchhändlerpaars Régine und Bernard Loliée versteigert. Die achte und letzte Tranche im Mai war den Schriftstellern, Musikern und Malern des 19. und 20. Jahrhunderts gewidmet. Ein humorvoller Liebesbrief von Frédéric Chopin an George Sand – er wirft sich ihr spöttisch zu Füssen und unterzeichnet als „Ihr mumienhaft alter Ch“ – wurde erst bei 124.000 Euro (20.000/30.000) abgegeben. Christie’s verteilte im Juli eine der wichtigsten Bibliotheken zum 20. Jahrhundert: Sechshundert kostbare Buchausgaben, Handschriften, Zeichnungen und Druckwerke des leidenschaftlichen Kenners der Avantgarden Paul Destribats wechselten für 8,1 Millionen Euro den Besitzer, darunter Werke von André Breton, Max Ernst und Man Ray. Zwei Bieter kämpften zuletzt um den Gedichtband „La barre d’appui“ von Paul Éluard, mit Radierungen von Picasso und sogar einem Abdruck seiner kostbaren Künstlerhand, der schließlich für 435.000 Euro (100.000/150.000) davongetragen wurde.

Quelle: F.A.Z.
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