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Ausstellung „About the Body“

Unter die Haut oder Der Leib als Zeichen

Von Rose-Maria Gropp
 - 10:00

Ein zum Bündel mit medizinischen Binden umwickelter Körper ist auf der Fotografie zu sehen. So hat Günter Brus „Ana“ 1964 zur menschlichen Kugel verschnürt, in einer Position zwischen Schutzsuche und Abwehr, aufgenommen von Siegfried Klein. Eine „Kauernde“ hat Egon Schiele 1914 auf seiner Radierung förmlich eingezwängt, ihr Leib erscheint wie fixiert. Beide Werke sind Mahnmale des Ausgeliefertseins. Anlässlich des Berliner Gallery Weekend (F.A.Z. vom 29.April) hat Kicken Berlin eine aufwühlende Ausstellung eröffnet. „About the Body“ ist die vierte Station einer „Mixed Media“ genannten Reihe der auf Fotografie spezialisierten Galerie. Sie führt Fotografien mit anderen künstlerischen Medien zusammen; vorausgegangen sind Präsentationen zu Porträt, Abstraktion und Architektur.

Der Körper ist die meistfrequentierte Zone aller Kunst, nicht zuletzt in der Fotografie. Kicken wagt sich allerdings auf schwieriges Terrain vor – mit dem Wiener Aktionismus nämlich. Zeugnisse von dessen nicht selten gewalttätigen Happenings sind nicht nur mit Fotografien aus den Zwanzigern und Dreißigern konfrontiert, sondern vor allem mit Papierarbeiten Gustav Klimts und Egon Schieles. Die extremen Aktionisten im Wien der sechziger Jahre folgten ihrem Konzept aufrührerischer Provokation, die den Körper in den Mittelpunkt radikaler Performances stellte.

Mit am eigenen Leib vollzogenen Qualen sollte auf eine die Gesellschaft überhaupt mit bedingende Grausamkeit verwiesen werden. Die Protagonisten hießen Günter Brus, Rudolf Schwarzkogler, Hermann Nitsch und Otto Muehl. Brus überlebte bis heute; seinem Schaffen ist derzeit im Wiener Belvedere eine umfassende Retrospektive gewidmet (F.A.Z. vom 26.Februar). Schwarzkogler kam mit 28 Jahren bei einem Sturz aus dem Fenster seiner Wiener Wohnung ums Leben; die Umstände sind bis heute ungeklärt. Nitsch gründete sein umstrittenes Orgien-Mysterien-Theater; Muehl wurde später in Österreich wegen Kindesmissbrauchs zu sieben Jahren Haft verurteilt.

Annette Kicken hat für ihre Galerie eine Ausstellung zuwege gebracht, die keinen Betrachter kaltlässt; nichts ist verjährt oder harmlos geworden. Sie legt die Verbindungen offen zwischen einer ersten Wiener Moderne des 20. Jahrhunderts und deren Körper-Bildern – für die Schiele und Klimt stehen mit ihren forciert erotischen weiblichen Akten – und einer zweiten Moderne, wie sie der Wiener Aktionismus inszeniert. Sie selbst, sagt Annette Kicken, hat Jahre gebraucht, bis sie die ästhetischen Qualitäten erkennen konnte, die den fotografischen Dokumenten der Aktionisten eignen.

Nie zuvor gab es so intensive Diskussionen unter den Mitarbeiterinnen über eine Schau. Sie wurden fruchtbar darin, dass die Fotografien und Zeichnungen nicht nach rein formalen Korrespondenzen gehängt wurden; die augenfällig sind, indessen kraftlos. Stattdessen ist es gelungen, die Intensitäten von Körperwahrnehmung aufzudecken, die sich in ähnlichen Gesten und Bildfindungen offenbaren.

Leibliche und seelische Verspannungen werden Gestalt, jenseits banaler Analogien, dafür in einer manchmal schreckenmachenden Schönheit. Die Exploration des Körpers ist stets – auch – politische Strategie. Sie setzt an bei der Imagination. (Bis 31.August. Preise für die Fotografien von 14.000 bis 400.000 Euro, für die Arbeiten von Klimt und Schiele 26.000 bis 483.000 Euro.)

Quelle: F.A.Z.
Rose-Maria Gropp
Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.
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