<iframe src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Ausstellung in Köln

Vom Niemandsleben im Niemandsland

Von Freddy Langer
 - 15:07
zur Bildergalerie

„Waffenruhe“ ist eine seltsame Vokabel. Denn in dem Wort schwingt vielmehr der Krach von Schüssen und Explosionen mit als die Stille eines friedlichen Moments. Waffenruhe: Das ist ja nur eine Unterbrechung. Eine Verabredung für den Frieden auf Zeit, die im Zweifelsfall nicht einmal einklagbar ist. Es ist ein Moment des Unbestimmten. Auch des Unheimlichen. Der Waffenruhe traut man nicht.

Der Fotograf Michael Schmidt hatte 1987 einen Berlin-Band „Waffenruhe“ betitelt, seine Bestandsaufnahme düsterer Orte in düsterem Licht. Bilder von Unkraut entlang der Mauer. Bilder einer Subkultur in den Hinterhöfen von Mietskasernen. Die Punk-Losung „No Future“ stand gleichsam als Parole über dem Werk. Die Fotografien wurden zur Dokumentation eines Niemandslebens in einem Niemandsland. Dabei erschreckte mehr noch als die desolaten Situationen, die Schmidt eingefangen hatte, die Ästhetik seiner Bilder. Deren verstörende Wirkung verdankte sich keinem sozial engagierten Blick, sondern der künstlerischen Entscheidung, die Welt mit Hilfe der Kamera auszugrenzen. Es waren sperrige Bilder, schwer zu lesen. Kaum einzuordnen. Allesamt bestimmt von einer furchterregenden Stille, die vom diffusen Grau vieler seiner Aufnahmen noch unterstützt wurde. Fast augenblicklich rankte sich ein Mythos um das Buch. Und schnell vergriffen, stiegen die Preise für den schmalen Band rasch ins Astronomische. Als im vorigen Jahr eine zweite Auflage erschien, war die Werkgruppe für die meisten eher eine Entdeckung – als eine Wiederentdeckung.

Michael Schmidt starb 2014. Wie seine Fotografien wurde auch er häufig als sperrig beschrieben. Und obwohl er mit seiner „Werkstatt für Photographie“ viel für die Akzeptanz des Mediums als Kunst unternahm, blieb er auf Distanz zum Betrieb, ein Einzelgänger. Seine Ausstellungen kuratierte er selbst als großartige Installationen. Einzelbilder tauchten nur hin und wieder auf. Umso überraschender ist es, wie viele Abzüge Thomas Zander nun für die Ausstellung „Die Farbe Grau“ in seiner Kölner Galerie zusammengetragen hat. Schon diese wandfüllenden Tableaus für sich genommen darf man als Ereignis bezeichnen. Zur Sensation indes wird die Ausstellung durch die Kombination mit Arbeiten von Gerhard Richter. Auch er ein Einzelgänger in der Kunst und ebenfalls über viele Jahre hinweg der Farbe Grau zugetan – oder muss es heißen: ausgeliefert?

Eine fast sakrale Stimmung breitet sich in den beiden Ausstellungssälen aus. Nicht barock tröstend. Sondern als unbehagliche Atmosphäre einer Prüfung. Es ist, als zögen sich die Bilder zurück in die Wand. Selbst Gerhard Richters riesiger grauer Spiegel, knapp drei auf gut anderthalb Meter groß, reflektiert den Raum und die Besucher nicht etwa, sondern saugt sie gleichsam auf. Alles scheint in Auflösung begriffen, hier die unbevölkerte Welt von Berliner Höfen unter Brandwänden oder monotonen Wohnblocks im Nebel, dort die grauen Monochromien in Öl. Man versteht, weshalb Gerhard Richter sich für die Doppelausstellung so sehr begeistern konnte, dass er sie großzügig mit Leihgaben unterstützte. Hier treffen zwei verwandte Seelen aufeinander.

Es ist eine Kunst des Grübelns und des Verundeutlichens. Wo Schmidt mit Unschärfe arbeitet, bedient Richter sich der Konturenlosigkeit. Und wo Schmidt mit eigenen Rezepturen in der Dunkelkammer experimentierte, um seine Aufnahmen möglichst kontrastarm abzuziehen, verwischt Richter mit Pinsel und Rakel die Farbe zur schieren Fläche. Beides führt zu gleichermaßen intellektuell kühlen wie ergreifend sinnlichen Ergebnissen.

Das ist schon nicht mehr Abstraktion. Das ist pure Verweigerung des Bildes. Nur einmal tritt bei Richter, im Gemälde nach der Vorlage eines Familienfotos, gespenstisch verwischt ein Mädchen im weißen Kleid aus dem grauen Umfeld eines Gartens hervor, wie eine Lichterscheinung. Und doch scheint sich die Figur zugleich aufzulösen. Bei Schmidt ragen wie als Antwort darauf in einer Aufnahme die spitzen Blätter von Gestrüpp wie Krallen in eine zur Unkenntlichkeit verschwommene Mauerlandschaft, gerade so, als wollten sie die letzten Spuren des Motivs aus dem Bild kratzen.

Die „Nichtfarbe“ Grau, hat Gerhard Richter bei Gelegenheit als „die willkommene, einzig mögliche Entsprechung zu Indifferenz, Aussageverweigerung, Meinungslosigkeit und Gestaltlosigkeit“ bezeichnet. Dabei hat es bei Zander vermutlich nie zuvor eine Ausstellung gegeben, die mehr Ausrufezeichen gesetzt hat als diese. (Die Abzüge diverser Berlin-Serien von Michael Schmidt kosten um 12.000 Euro, Aufnahmen aus „Waffenruhe“ 48.000 Euro als Paar, 66.000 Euro als Triptychon. Die Arbeiten von Gerhard Richter kosten zwischen 28.000 und zwei Millionen Euro. Bis zum 8.März.)

Quelle: F.A.Z.
Freddy Langer
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenGerhard RichterWaffenruhe